Rund 2.600 Deutsche leben noch in Georgien. 2017 feierte die deutsche Minderheit ihr 200-jähriges Jubiläum im Südkaukasus. Mitte Januar waren Vertreter der Assoziation der Deutschen Georgiens „Einung“ zu Gast im Deutschen Haus in Almaty. Auf dem Programm standen auch Treffen mit Vertretern der „Wiedergeburt“. Dabei wurde eins deutlich: Sie kommen zwar aus verschiedenen Ländern, gehören aber der gleichen Minderheit an und kämpfen mit ganz ähnlichen Problemen.

Sie sind nur eine kleine Minderheit, doch dafür umso aktiver. Gerade einmal 2.600 Deutsche leben laut Schätzungen der Assoziation der Deutschen Georgiens „Einung“ heute noch in Georgien. Nach eigenen Angaben sind rund ein Tausend in der Assoziation aktiv. Mitte Januar hatten drei Georgiendeutsche die Gelegenheit, die deutsche Minderheit in Kasachstan zu besuchen.

Für die Georgier ist es ein besonderer Besuch, wurde doch ein Großteil der ehemaligen deutschen Siedler in Kaukasien Opfer der stalinistischen Deportationen. Viele kamen so nach Zentralasien und nach Kasachstan. „Wir versuchen, die deutsche Kultur und Sprache in Georgien am Leben zu erhalten“, sagt Alexander Feldmaier.

200 Jahre Auswanderung in den Südkaukasus

Deutsches Fachwerkhaus in Asureti.
Deutsches Fachwerkhaus in Asureti. | Bild: Autor.

Feldmaier ist Vizepräsident der Assoziation der Deutschen Georgiens „Einung“. Das Wort Einung stammt aus dem Mittelalter und wurde vor allem im süddeutschen Raum verwandt. Somit spiegelt es auch die Geschichte der Kaukasiendeutschen wider – stammt doch die Mehrheit aus dem Schwabenland. „Während sich viele deutsche Minderheitenverbände im postsowjetischen Raum ‚Wiedergeburt‘ nannten, hat sich die Minderheit in Georgien bei ihrer Gründung 1991 ganz bewusst für den Namen entschieden und nicht für ‚Einheit‘ oder ‚Einigung‘“, so Feldmaier.

2017 feierte die Minderheit „200 Jahre schwäbische Auswanderung in den Südkaukasus“. Der damalige Bundesbeauftragte für Minderheiten, Hartmut Koschyk, und Alexander Schumacher vom Bundesinnenministerium waren extra zu den Feierlichkeiten aus Deutschland angereist. „Das war ein wichtiges Ereignis für uns“, sagt Feldmaier, „da wir uns und unsere Arbeit präsentieren konnten“. Das Interesse von Seiten der Gäste aus Deutschland sei groß gewesen.

Da die Assoziation selbst keine finanziellen Mittel von der georgischen Regierung erhält, ist die Unterstützung aus Deutschland umso wichtiger. Koschyk sagte bei seinem Besuch in Bolnisi, das 1818 als Katharinenfeld von deutschen Siedlern gegründet worden war, wie wichtig die Arbeit der „Einung“ sei: „Ich bin mit der Bundeskanzlerin einig darüber, dass nicht nur die großen und starken Selbstorganisationen deutsche Hilfe verdienen, sondern gerade die kleinen Gemeinschaften unterstützt und gestärkt werden müssen.“

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Deutsche Sprache als Teil der Identität

Eines der Hauptanliegen der Minderheit ist es, die Bedeutung der Deutschen in der Geschichte Georgiens zu dokumentieren und herauszustellen. „Wir haben bereits zwei Bücher über die Rolle der Deutschen in Georgien herausgebracht. Es geht um Architekten, Musiker, Ärzte, Physiker, die alle zur Entwicklung des Landes beigetragen haben“, erzählt Feldmaier.

Auch der Erhalt der deutschen Sprache ist wichtig. „Sie ist schließlich Teil unserer Identität.“ Feldmaier wuchs schon als Kind mit der deutschen Sprache auf. Sein Vater war Bauingenieur, seine Mutter Deutschlehrerin. Einen Teil seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre verbrachte er an der Universität Hamburg. Später lernte er Deutsch am Goethe-Institut Tbilisi und erhielt das Kleine Deutsche Sprachdiplom. Heute arbeitet er auch als Übersetzer.

Seine Familie wurde von den Deportationen der 1940er Jahre verschont, weil in den Pässen seiner Großeltern „Georgier“ stand und nicht „Deutsche“. Anders als in Kasachstan hat das Russische nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Georgien stark an Bedeutung verloren. „Zu Zeiten Saakaschwilis galt es als Unding, Russisch zu sprechen“, erzählt Feldmaier. Die meisten Georgiendeutsche sprechen daher neben Deutsch und Russisch auch fließend Georgisch.

Am deutlichsten sieht man das deutsche Erbe heute noch in den früheren Siedlungen Katharinenfeld und Elisabeththal. Elisabeththal heißt heute Asureti, doch noch immer kann man dort Fachwerkhäuser, deutsche Friedhöfe und die Überreste der ehemaligen lutherischen Kirche sehen. Viele Gebäude, die einst von Deutschen erbaut worden waren – auch in Tbilisi – seien dem Verfall ausgesetzt, beklagt Feldmaier. Eine Stiftung setzt sich für den Erhalt der deutschen Gebäude ein.

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Jugendarbeit

Während ihres Aufenthaltes trafen sich die Georgier auch mit der dem Klub der deutschen Jugend „Vorwärts“. | Bild: Anastassiya Koroljowa

Während ihres Aufenthaltes trafen sich die Georgier auch mit der dem Klub der deutschen Jugend „Vorwärts“. Ebenso wie die deutsche Minderheit in Kasachstan haben sie Nachwuchsprobleme. „Viele junge Leute verlassen Georgien aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage“, sagt Feldmaier, „entweder gen Deutschland oder Russland“. Die Jugendarbeit nimmt daher einen besonderen Stellenwert bei der „Einung“ ein.

Lange Zeit gab es das Jugendsprachlager am Schwarzen Meer in Georgien, wo die Jugendlichen zwei Wochen lang die Gelegenheit hatten, aktiv Deutsch zu lernen. „In den vergangenen Jahren wurde es aber leider nicht mehr finanziert“, erzählt er. 2015 fand ein Lager mit Jugendlichen aus Georgien, Aserbaidschan und der Ukraine in Kooperation mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) statt, allerdings ohne Fokus auf die deutsche Sprache. „Es ging darum, Kontakte zu knüpfen und neue Freunde zu finden“, so Feldmaier.

In Aserbaidschan gebe zwar ein Deutsches Haus, aber keine deutsche Minderheit an sich. Außerdem würde die „Einung“ gern Schulpartnerschaften in Deutschland schließen. Feldmaier ist dankbar für das Treffen mit Experten für Jugendarbeit in Almaty und dem Jugendklub der deutschen Minderheit in Kasachstan „Vorwärts“: „Wir haben viele neue Ideen für künftige Projekte bekommen.“

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Deutschsprachige Zeitung

Feldmaier ist zudem Buchhalter bei der „Kaukasischen Post“, einer deutschsprachigen Monatszeitung aus dem Südkaukasus. Gegründet wurde die Zeitung bereits 1906. 1914 unterbrach der erste Weltkrieg die Herausgabe. Erst 1918 erschien die Zeitung wieder als Wochenschrift. Kurz nach dem Einmarsch der roten Armee in Georgien im Jahr 1922 musste die „Kaukasische Post“ ihr Erscheinen endgültig einstellen.

1994 wurde die Produktion wiederaufgenommen. Aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen stand die Zeitung 2011 erneut kurz vor dem Aus, doch der in Tbilisi ansässige deutsche Journalist und Unternehmer Rainer Kaufmann übernahm sie. Anders als die DAZ ist sie somit keine klassische Minderheitenzeitung. Seit 2012 erscheint die „Kaukasische Post“ alle zwei Monate als einzige deutschsprachige Zeitung, die regelmäßig aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien berichtet.

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Zusammenarbeit mit dem Staat

Alexander Feldmaier, Julia Tolikowa, Marina Blikadze | Bild: Anastassiya Koroljowa

Die Assoziation selbst wird nicht vom georgischen Staat unterstützt, arbeitet aber eng mit dem Ombudsmann der georgischen Regierung zusammen. Der Institution des Ombudsmanns ist die Gruppe der Nationalen Minderheiten angegliedert, in der die Probleme aller Minderheiten besprochen werden, erklärt Feldmaier.

Außerdem gibt es die Organisation „Multinationales Georgien“, in der sich die Minderheiten versammeln. Vor kurzem hat die Organisation ein Museum eröffnet, in dem jede Minderheit ihre nationale Kultur präsentieren kann. Die Assoziation der Deutschen ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Minderheiten in der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten.

Für Feldmaier ist die Kooperation mit Deutschland, aber auch der Austausch mit anderen Minderheitenverbänden besonders wichtig, um gemeinsam Probleme zu lösen. „Wir wollen eine Brücke nach Deutschland sein“, sagt er.

Mehr über die Assoziation der Deutschen Georgiens finden Sie hier: einung.org.ge.

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