Um das Verhältnis von Literatur und Macht wird in Deutschland nicht erst seit der Nobelpreisvergabe an Mo Yan gestritten. Auch die literarischen Klassiker Goethe und Schiller mussten sich zeit ihres Lebens Gedanken um das Verhältnis zur Obrigkeit machen.

Goethe oder Schiller? Das scheint seit 200 Jahren die Gretchenfrage der deutschen Literatur zu sein, obwohl sich die beiden Weimarer gut verstanden haben. Aber in der Frage nach ihrem Verhältnis zur Macht und den Herrschenden tut sich ein Graben auf. Schiller – der ewigjunge Heißsporn, der mit seinen Dramen ganze Theatersäle in einen revolutionären Hexenkessel verwandeln konnte. Goethe – der bedachte Geheimrat, der sich neben seinem literarischen Schaffen von seinem Herzog als Beamter bezahlen ließ. Hier Umsturz, dort Erhalt der herrschenden Ordnung. Goethe oder Schiller, das ist auch eine Gewissensfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Macht?”

Schiller wurde als 13-Jähriger auf die Württembergische Militärschule eingezogen, erlebte Gewalt und Willkür. Mit 20 schrieb er das Revolutionsdrama „Die Räuber” und erhielt prompt Schreibverbot. Nach der Uraufführung von „Kabale und Liebe” wurde auch dieses Stück verboten, weil es sich kritisch mit Moral und Herrschaft auseinandersetzt. Fortan verpackte Schiller seine Kritik in historischen Stoffen. Längst war er als Umstürzler verrufen. In Schreiben warnten die Behörden, diesem Mann dürfe niemals eine öffentliche Anstellung gegeben werden. Insbesondere in „Don Carlos” und „Wilhelm Tell” feierte er weiter die Revolution.

Goethe war von Geburt an finanziell abgesichert, erhielt eine gute Ausbildung. Er wurde mit 27 Jahren in den sächsisch-weimarischen Staatsdienst berufen und war ein pflichtbewusster Beamter, der in keiner Hinsicht politisch hervorstach. Das verlangte er auch von Schriftstellern: Wer sich politisch positioniert, verliere die schöpferische Unabhängigkeit. Goethes literarisches Werk transportiert die Werte des Humanismus, während er Religion und Patriotismus zeitlebens feindlich gegenüberstand wie es beispielsweise in Faust I und II nachzulesen ist.

Das Schlüsselereignis war die Französische Revolution. Schiller war anfangs ein Befürworter. Man verlieh ihm gar die französische Staatsbürgerschaft. Nach den Septembermorden von 1792 aber wandte er sich ab. Die alte brutale durch eine neue brutale Herrschaft zu ersetzen, konnte der Idealist nicht gutheißen. Goethe war von Beginn an skeptisch, kam jedoch zu dem Schluss, dass „eine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung“. Ein Umsturz wäre nicht notwendig, „sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird“. Das ist zwar keine Schillersche Kritik an Herrschaft an sich, wohl aber an der geläufigen Art des Herrschens.

Goethe war ein langes Leben beschieden, Schiller starb früh. Auch das spielt eine Rolle bei der Einordnung, ebenso die unterschiedlichsten Vereinnahmungsversuche durch die Nachwelt. Man liegt sicher falsch, wenn man ihre jeweilige Haltung zur Macht pauschal bewertet. Goethe war nie ein Hofschreiber, Schillers Eifer war immer differenziert. Es gibt für mich daher kein „Goethe ODER Schiller”, sondern ein „Goethe UND Schiller”. Den beiden Freunden hätte das ohnehin am besten gefallen.

Dennis Grabowsky ist Literaturwissenschaftler. Gegenwärtig arbeitet er als Redakteur beim Sprachlernmagazin „vitamin.de“ in Omsk.

Von Dennis Grabowsky

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