Seit März 2006 arbeitet der 31-jährige André Fabian im tadschikischen Chorog als technischer Berater eines Ressourcenschutzprojekts der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit im Pamir. DAZ-Redakteurin Cornelia Riedel nutzte die Gelegenheit und sprach mit André Fabian über seine Arbeit in der Gebirgsregion und seine Erfahrungen in Zentralasien.

Herr Fabian, was sind Ihre Aufgaben, und wie entstand die Idee, sich in einem der höchsten Gebirge der Welt niederzulassen und zu arbeiten?

Ich bin vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED) entsandt und arbeite in einem Pilotprojekt der GTZ zur Bekämpfung von Landdegradierung. Das heißt, meine Aufgabe ist es, das tadschikische Pilotprojekt zur Bekämpfung von Landdegradierung zu unterstützen und zu beraten und Ansätze für eine nachhaltige Nutzung von Land zu entwickeln und zu fördern. Wir möchten die Bewohner des Pamir, die in dieser Gebirgslandschaft ihren Lebensunterhalt verdienen, dazu befähigen, dies im Einklang mit der Natur zu tun, ohne die kargen Ressourcen zu schädigen. In unserem Projekt arbeiten ein Koordinator, eine Projektassistentin und ich. So schaffen wir unter anderem Anreize für Wissenschaftler im Pamir, damit diese anwendbare Lösungen für Landnutzungsprobleme liefern. Dafür arbeiten wir beispielsweise eng mit den Wissenschaftlern des Pamirer Biologischen Instituts, Mitarbeitern der Land- und Forstverwaltung, Kleinunternehmern und Bauern zusammen.

Erklären Sie bitte ein konkretes Beispiel Ihrer Arbeit!

Ein wichtiges Element ist die Arbeit zum Schutz und der Wiederansiedelung von Teresken, einem Zwergstrauch, im Pamir. Er ist eine wichtige Futterpflanze, wird aber notgedrungenermaßen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch zum Heizen und Kochen verwandt. Deshalb verschwindet das Gewächs mehr und mehr aus der Landschaft. Doch es ist unter anderem wichtig zum Stabilisieren der Gebirgshänge und gegen Winderosion. 40 Jahre braucht ein solcher Strauch zum Wachsen, und die Menschen im Pamir spüren bereits jetzt deutlich, wie sie mit dem zunehmenden Verschwinden des Teresken an ihrem eigenen Ast sägen. Deshalb helfen wir und vermitteln unter anderem Strategien des Weidemanagements und beraten, wie man Energie effizient nutzen und die Häuser wärmeisolieren kann. Außerdem unterstützen wir wissenschaftliche Experimente zur Wiederansiedelung des Teresken.

In welchen Bereichen arbeiten Sie noch?

Eines unserer Projekte ist beispielsweise der Aufbau eines gemeinsamen Waldmanagements von staatlicher Forstverwaltung und lokalen Waldnutzern. Indem den Waldnutzern langfristige Nutzungsrechte übertragen werden, entsteht bei ihnen ein Interesse an nachhaltiger Nutzung und Investition in Wiederaufforstung. So regen wir an, dass die Pächter mit der Forstverwaltung Verträge abschließen, die Rechte und Pflichten jeder Partei zu Gunsten des Waldes regeln. Außerdem fördern wir den Anbau und die Nutzung von Heil- und Wildpflanzen wie beispielsweise der Ringelblume, des Sanddorns oder der Hagebutte. Dazu veranstalten wir Seminare zur Kultivierung bzw. zum nachhaltigen Sammeln sowie zur lokalen Verarbeitung der Pflanzen. Weiterhin unterstützen wir Marktanalysen für den Absatz der so erzeugten Naturprodukte.

Wie gefällt es Ihnen in Zentralasien, was ist für Sie das Besondere an der Region?

Hier in Zentralasien sind die Menschen wärmer als im Norden, das mag ich sehr. Und die Landschaft ist unglaublich – trotz einiger Umweltprobleme. Außerdem liegt mir die Mentalität der Leute hier. Auch wenn Tadschikistan und Kasachstan natürlich nur bedingt vergleichbar sind. Kasachstan sehe ich ein bisschen als das sowjetische „Labor der Völkerfreundschaft“, daher ist es auch mehr sowjetisiert. Tadschikistan ist dagegen viel traditioneller und mehr durch die Religiösität geprägt. Große Teile der Intelligenz sind im Bürgerkrieg umgekommen oder abgewandert, es gibt wenige Rohstoffe, und gutes Management fehlt. Damit hat Tadschikistan eine schlechtere Ausgangslage für seine Entwicklung als Kasachstan.

Waren Sie schon einmal in Kasachstan?

Ja, ich war als Goethe-Sprachassistent in Karaganda und habe Deutsch unterrichtet. Außerdem habe ich mit der dortigen Umweltorganisation „Ecomuseum“ an einem Projekt gearbeitet, dass den Quecksilbergehalt des Flusses Nura untersucht, eines Gewässers, dass für die Wasserversorgung Astanas und für den Tengissee von Bedeutung ist.

Sprechen wir über Ihren jetzigen Arbeitsort Chorog, die Hauptstadt des autonomen Gebietes Bergbadachschan. Was ist das Besondere für Sie an diesem Landstrich, der von den Pamiris bevölkert wird?

Überraschend finde ich vor allem die kulturelle Aktivität der Pamiris, die ja zur Glaubensgemeinschaft der Ismaeliten gehören und damit einen anderen Hintergrund als ihre Landsleute im restlichen Teil Tadschikistans haben. Außerdem herrscht hier ein relativ hoher Bildungsgrad. Man ist eher westlich orientiert und die noch in der Planung befindliche University of Central Asia bringt bereits jetzt unabsehbare neue Impulse. Für mich ist es erstaunlich, wie gut sich hier, im Hochgebirgsland an der Grenze zu Afghanistan, alles entwickelt. Noch vor zehn Jahren war dieser Landstrich durch den Bürgerkrieg und die Tatsache, dass die Pamiris als Minderheit verfolgt wurden, am Tiefpunkt. Besonderer Entwicklungsmotor ist natürlich der Aga Khan mit seiner Stiftung. Der in Europa lebende Förderer ist gleichzeitig das religiöse Oberhaupt der Ismaeliten und sorgt für eine sehr progressive Entwicklung der eher benachteiligten Bergregion. So hat er unter anderem eine Poliklinik und ein Herzzentrum mitfinanziert und für die Erneuerung des Stadtparks gesorgt.

Der Pamir ist einer der entlegendsten Zipfel der Erde und grenzt gleichzeitig an das Krisengebiet Afghanistan. Spüren Sie etwas davon in Ihrer täglichen Arbeit?

Natürlich ist diese Region auch politisch interessant mit den angrenzenden Ländern Afghanistan und China und dem immer noch nicht zu vernachlässigenden russischen Einfluss. Der Pamir ist das Einfallstor für afghanische Drogen nach Westen. Mit den Drogen kam auch ein kleiner Wirtschaftsboom in den Pamir, doch der Höhepunkt des Drogenkonsums unter den Einheimischen ist meiner Meinung nach glücklicherweise vorbei.

Wie arbeitet und lebt man als Mitteleuropäer in einer solchen Gegend? Was vermissen Sie?

Ich mag die Berge, die Natur, die klare Luft, das saubere Wasser und die ökologischen Lebensmittel hier. Außerdem sind die Pamiris sehr herzliche Menschen, sie sind extrem gastfreundlich, offen, interessiert und wollen lernen. Und sie sind selbstbewusst, eben ein typisches Bergvolk. Was mir natürlich hier ein bisschen fehlt, ist der Austausch mit Freunden, Familie und Gleichgesinnten, mit Leuten, die den gleichen kulturellen Hintergrund wie ich haben. Und auch das gewohnte Kulinarische vermisse ich; deftige deutsche Hausmannskost wäre ab und zu gut, die Qualität in öffentlichen Restaurants ist nur bescheiden. Liebend gern hätte ich eine warme Dusche, doch der Wasserdruck in meinem Haus ist zu niedrig. Und es gibt viel zu tun, meine Freizeit ist nur begrenzt. Doch fürs neue Jahr habe ich mir vorgenommen, dass das anders wird, und ich möchte mir mehr Zeit nehmen, die Natur zu genießen und private Kontakte zu knüpfen!

Herr Fabian, vielen Dank für das Gespräch!

23/02/07

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