Japanische Kriegsgefangene in Kasachstan: Geschichtlicher Hintergrund (Teil 1/2)

Atombombenkuppel in Hiroshima, heute eine Gedenkstätte für den ersten kriegerischen Einsatz einer Atombombe.
Atombombenkuppel in Hiroshima, heute eine Gedenkstätte für den ersten kriegerischen Einsatz einer Atombombe. | Bild: Autorin

Clara Momoko Geber, Japanologin und Slawistin, begab sich in der ersten Jahreshälfte auf die Suche nach InformantInnen zum Thema „Japanische Kriegsgefangene in Kasachstan und ihre Hinterlassenschaften“. Die stärkste Korrelation zwischen Kasachstan und Japan bestand im Zweiten Weltkrieg, als japanische Soldaten in sowjetischen Gefangenenlagern festgehalten wurden. Diesem Recherchethema ging sie in Kasachstan in Archiven, Expertengesprächen und Ortsbesichtigungen nach. Ihre Ergebnisse fasst sie in Form von einer Artikel-Serie für die DAZ zusammen. Den Anfang macht eine geschichtliche Einleitung.

Das Verhältnis zwischen Japan und Russland bzw. der Sowjetunion wurde ungefähr ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zusehends angespannter, u. a. wegen der Besitzansprüche, die beide Länder auf Sachalin und die Kurilen erhoben.

Japans Kontakt mit Russland und der Sowjetunion

Im Vertrag von Shimoda war 1855 vereinbart worden, dass die Inselgruppe Sachalin gemeinsam von beiden Ländern verwaltet werden solle, die Südkurilen sollen jedoch zur Gänze zu Japan gehören. Die ungenaue Abgrenzung der Interessen auf Sachalin führte zu Konflikten und 1875 zum Vertrag von St. Petersburg. Im Austausch gegen die Kurilen kam Sachalin ganz zu Russland. Aufgrund der gemeinsamen Ansprüche auf die Mandschurei kam es schließlich zum Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges von 1904 bis 1905.

Nach dem Sieg Japans wurden im Friedensvertrag von Portsmouth der südliche Teil Sachalins erneut japanisch und die Mandschurei zwischen den beiden Ländern aufgeteilt.

Nach Ende der Qing Dynastie 1912 und dem Zerfall der chinesischen Zentralregierung 1919 begann Japan 1931 mit der Besetzung der Mandschurei und nannte das Land 1932 in „Mandschukuo“ um. Dadurch verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Konfliktparteien, was 1938 zu Kämpfen im mandschurisch-sowjetischen Grenzgebiet führte.

Die Konfrontationen wurden schließlich 1941 durch den Abschluss eines fünf Jahre gültigen Neutralitätspakts beendet. Die Sowjetunion konzentrierte ihre Staatsinteressen der darauf folgenden Zeit auf den Westen, Japan auf Südostasien und den Pazifik.

Folgen des Zweiten Weltkriegs

Der fünfjährige Neutralitätspakt zwischen der Sowjetunion und Japan endete am 8. August 1945, im Zeitraum zwischen den Atombombenabwürfen auf Hiroshima am 6. August und dem Abwurf auf Nagasaki am 9. August. Japan wurde dabei als Testfall für den Einsatz dieser Waffe missbraucht und zur Machtdemonstration der USA.

Bei der Jalta-Konferenz kündigte die Sowjetunion unter Druck der USA frühzeitig den Pakt und erklärte am 8. August 1945 um 17 Uhr Japan offiziell den Krieg. Bereits um 17:10 Uhr des 9. August starteten sowjetische Truppen ihren Angriff auf die japanischen Truppen in der Mandschurei, dem südlichen Sachalin und den Kurilen.

Laut Historiker Dr. Karner fand dieser Kriegsbeschluss u.a. aufgrund eines Geheimabkommens statt, bei dem der Sowjetunion im Falle eines positiven Ausgangs Südsachalin, die Kurilen, die äußere Mongolei, Anrechte in der inneren Mongolei sowie an pazifischen Häfen zugesichert wurden. Da die japanischen Truppen geschwächt waren und keinen Angriff erwarteten, wurden die Gebiete schnell von sowjetischen Truppen besetzt.

Die Radioansprache des Kaisers am 15. August 1945 und die formelle Kapitulation vom 3. September 1945 beendeten die Kämpfe. 2,7 Millionen japanische Zivilisten und Militärpersonen gerieten in sowjetische Gefangenschaft.

Gefangennahme japanischer Soldaten in der Sowjetunion

In der Kriegs- und Nachkriegszeit war die Aufzeichnung genauer Namenlisten oft nicht möglich. Viele Unterlagen gingen auch verloren, und die auf dem Weg in die Lager verstorbenen Soldaten wurden nicht dokumentiert. Überdies wurden keine exakten Zahlen der heimkehrenden Soldaten ermittelt. Die Sowjetunion trug zur Ungewissheit bei, indem sie sich weigerte, Namenlisten der Verstorbenen zu veröffentlichen.

Der Japanologe Dr. Dähler schreibt in seiner Dissertation über japanische und deutsche Kriegsgefangene, dass erst im Jahre 1991, beim Besuch des russischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow in Japan, eine unvollständige Liste übergeben worden ist. […]

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in der nachfolgenden Ausgabe.