Ein grauer Dienstagnachmittag in Almaty: Die Stadt ist wie leergefegt, für die meisten Menschen ist es ein freier Tag: Begangen wird das Opferfest, einer der höchsten Feiertage im Islam. Und während draußen schon der Herbst an die Türe klopft, herrscht in der Halyk-Arena beste Stimmung. Gerade findet die Studierenden-Weltmeisterschaft im Futsal statt. Vom  19. bis 26. August kämpfen 16 Männer- und neun Frauenteams um den Titel.

Schwierige Voraussetzungen

Mit dabei ist auch eine Mannschaft aus Deutschland. 14 Studenten sind nach Kasachstan gereist. Viele sehen sich zum ersten Mal, einige haben erst vor wenigen Wochen mit dem Sport angefangen. „Die Altersbegrenzung von 21 bis 25 Jahren schränkt die Auswahl extrem ein“, erklärt Trainer Daniel Gerlach. Knapp die Hälfte des Kaders hat schon einmal an Lehrgängen des Deutschen Fußballbundes teilgenommen. Für andere mussten erst einmal die Grundlagen aufbereitet werden. „Das war die größte Herausforderung“, so Gerlach.

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Schwarz-rot-gold dominierte am Dienstag auf den Rängen der Halyk-Arena. | Foto: Anton Turovinin

An diesem Dienstag spielen die Deutschen gegen Thailand. Es ist das dritte Vorrundenspiel. Sowohl das Auftaktspiel gegen die Ukraine als auch das Spiel gegen Kroatien hat die deutsche Mannschaft bereits verloren. Das ist keine Schande: Beide Teams gehören zu den Favoriten, und auch gegen Thailand soll es kein einfaches Spiel werden. Immerhin hat Deutschland kräftig Unterstützung in der ansonsten fast leeren Halle. Dank der Teilnehmer eines Deutschcamps hat sich ein richtiger Fanblock in den Farben schwarz-rot-gold gebildet.

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Futsal ist nicht Fußball

Doch weil sich im deutschen Sport vieles um das schwarz-weiße Leder auf dem grünen Rasen dreht, fristet Futsal, das auch als Hallenfußball bekannt ist, ein Nischendasein. Vor allem in Süd- und Osteuropa sowie Südamerika sieht das ganz anders aus. Dort wird Futsal auf professionellem Niveau in oft ausverkauften Hallen gespielt. Auch Kasachstan investiert in den Kleinfeldfußball: Der kasachische Verein Kairat Almaty gehört beispielsweise zu den Topteams in der Futsal Champions League der UEFA. Schon zwei Mal konnte die Mannschaft den Pokal nach Zentralasien holen.

„Fußball ist in Deutschland sicherlich populärer und wäre finanziell attraktiver. Anspruchsvoller finde ich jedoch den Hallenfußball“, meint Trainer Gerlach, der vor über zwölf Jahren als Student zu dem Sport kam. Tatsächlich unterscheiden sich Fußball und Futsal in vielen Punkten: In der Halle gibt nur jeweils vier Feldspieler plus Torwart. Der Ball ist etwas kleiner und sprungreduziert. Die Tore haben dieselbe Größe wie beim Handball. Gespielt wird 2×20 Minuten. Auf hohem Niveau erinnert der Sport an Geschwindigkeit auch eher an Handball oder Eishockey.

Suche nach Nachwuchs

Während also auf den Trikots der Thailänder die jeweiligen Spielernamen zu lesen sind, steht auf denen der Europäer schlicht „Deutschland“. Die schwierige Situation im Futsal gab dem Team, das nun in Kasachstan auf dem Feld steht, noch nicht einmal die Möglichkeit, in Deutschland zu trainieren. In der jetzigen Formation fand das erste Training erstmals in Almaty statt. Eine weitere Trainingseinheit und ein Freundschaftsspiel gegen Israel waren die einzigen Optionen zur Vorbereitung.

Dabei hat die Studierenden-WM im Futsal einen hohen Stellenwert. Auf Länderebene gibt es sonst für die Nationalmannschaften nur noch die Weltmeisterschaft und die Europameisterschaft. „Viele Nationen nutzen dieses Turnier, um ihre jüngeren Spieler an die internationale Ebene heranzuführen“, sagt Gerlach. So nutzt auch er die Gelegenheit vor allem, um sich die Perspektivspieler anzuschauen. Als Assistenztrainer bei der deutschen Futsal-Nationalmannschaft ist er immer auf der Suche nach neuen Talenten.

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Luca Piga ist Kapitän der deutschen Mannschaft, die bei Studierenden-WM teilnimmt. | Foto: Othmara Glas

Eines dieser Talente ist Luca Piga. Der 24-Jährige studiert Sportökonomie an der Universität Bayreuth und hat in der A-Nationalmannschaft bereits mehrere Länderspiele absolviert. Er ist Kapitän des Teams, das in Almaty dabei ist. Wie Gerlach ist er mit dem bisherigen Verlauf des Turniers überwiegend zufrieden. „Wir haben einige Chancen nicht genutzt, aber wir sind hauptsächlich zum Lernen hier“, sagt er. Die Mannschaft sei zwar noch jung, aber von Anfang sei eine gewisse Harmonie unter den Spielern zu spüren gewesen.

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Professionalisierung erwünscht

Und obwohl sich die deutsche Mannschaft von Spiel zu Spiel steigert, wie treue Zuschauer berichten, steht es am Dienstagnachmittag trotzdem 0:5 für Thailand. Einige Fouls der deutschen Mannschaft in den letzten fünf Spielminuten ermöglichten dem Gegner mehrere 10-Meter-Strafstöße, die dieser in Tore verwandelte. Somit steht am Ende fest, dass Deutschland in der Gruppe C den letzten Platz belegt. Damit spielen sie in den nächsten Runden um die Plätze 9 bis 16. „Jetzt kommen die Teams, die auf einem ähnlichen Niveau spielen wie wir“, meint Gerlach. Und Piga ergänzt, dass er Platz 9 nicht für ausgeschlossen halte. „Das wäre ein sehr gutes Ergebnis für uns.“

Beide hoffen, dass Futsal sich in Zukunft in Deutschland professionalisieren werde. „Die Entwicklung muss angegangen werden. Wir sind gerade dabei, beim DFB in der Abteilung Qualifizierung eine Trainerausbildung nur für Futsal zu etablieren. Nur mit ausgebildeten Trainern können wir junge Spieler gewinnen und frühzeitig mit dem Sport vertraut machen“, sagt Gerlach. Vielleicht gibt es dann in einigen Jahren nicht nur einen mehrmaligen Fußball-, sondern auch einen Futsal-Weltmeister aus Deutschland.

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