Ob Wandmosaike mit Kosmonauten, Raumfahrtskulpturen oder Streichholzschachteln mit Raketenabbildungen – der Kosmos war im Alltag der sozialistischen Länder omnipräsent. Heute ist die einstige Begeisterung für das Thema ein wenig in Vergessenheit geraten, doch die Spuren sind weiterhin sichtbar. Der Fotograf Dieter Seitz hat sich in Russland, Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisistan, Georgien und Ostdeutschland auf die Suche nach ihnen begeben. Von mehreren tausend Bildern, die in dieser Zeit entstanden sind, finden sich rund hundert in dem neuen Bildband „Cosmic Culture“. Bei dem Projekt arbeitete Seitz mit dem ehemaligen Präsidenten der Deutsch-Kasachischen Universität Markus Kaiser zusammen. Die DAZ hat sich mit beiden über ihre Arbeit unterhalten.

Herr Seitz, Sie haben kürzlich den Bildband „Cosmic Culture“ herausgegeben. Für das Projekt haben Sie seit Ende 2017 zwei Jahre lang in sieben Ländern recherchiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein solches Projekt zu starten?

Dieter Seitz: Die Idee, den Einfluss der Raumfahrt auf die Alltagskultur näher zu betrachten, ist über längere Zeit auf Reisen in Nachfolgestaaten früherer Sowjetrepubliken entstanden. Konkretisiert hat sie sich dann am Ende des vorhergegangenen Vorhabens, des „Kazakhstan Project“, bei dem es um die kulturelle Entwicklung Kasachstans ging. Dafür hatte ich drei Jahre lang in Kasachstan recherchiert und fotografiert. Ergebnisse waren der Band „Virtual Landscapes“ und eine Ausstellungstournee mit diesen Bildern kreuz und quer durch Kasachstan, sowie der Bildband „Nomads Land» (die DAZ berichtete am 9. August 2018, Red.). Dabei bin ich auf viele Reminiszenzen der Weltraum-Ära gestoßen und habe beschlossen, später ein eigenes Thema daraus zu machen, was dann unter dem Arbeitstitel „Kosmos und Alltag“ stehen sollte. 2017, am Ende des „Kazakhstan Projects“, habe ich Markus Kaiser kennengelernt und ihn gefragt, ob er einen Essay dazu schreiben möchte. So begann unsere Zusammenarbeit.

Herr Kaiser, was hat Sie letztlich dazu bewogen, an dem neuen Projekt mitzuwirken?

Die Zigarettenmarke „Mezhplanetnie“

Markus Kaiser: Ich hatte damals gerade an der DKU angefangen, zu der Dieter vorher schon Kontakt hatte. Ich fand seinen Blick auf Kasachstan interessant. Wir haben beide als Sozialwissenschaftler einen eher kulturanthropologischen Blick auf das Land. Das sieht man sowohl an der Ausstellung als auch an den Fotos in beiden Bänden. Auf das Raumfahrtthema bin ich immer wieder gestoßen, als ich in ehemals sozialistischen Ländern gelebt und insb. die Staaten der ehemaligen Sowjetunion intensiv bereist habe. Mit dem Kosmosthema bin ich da einerseits über die Architektur und Monumente immer wieder in Berührung gekommen, wenn ich etwa an die vielen Wandmosaike denke. Andererseits aber auch über Alltagsgegenstände wie Teeglashalter, die frühere Kosmonauten wie Walentina Tereschkowa (die erste Frau im All, Red.) zeigen. Wie im Laufe des Projekts immer deutlicher wurde, war die Gesellschaft durchdrungen von Alltagsgegenständen mit Kosmosmotiven – seien es Zigarettenhalter, Anstecker, oder Verpackungen von Schokolade, Streichhölzern sowie Zigaretten. Das alles faszinierte und fasziniert mich, weshalb ich sofort zugesagt habe.

Herr Seitz, genau auf dieser Präsenz des Themas Kosmos im Alltag liegt der Schwerpunkt Ihres Projekts. Warum halten Sie das für so relevant?

Das Sandmännchen als Kosmonaut

Seitz: Ich glaube, dass uns heute weithin nicht bewusst ist, welche Bedeutung der Kosmos damals im alltäglichen Leben tatsächlich hatte. Im Westen sieht man das vor allem als Teil der staatlichen Propaganda. Je tiefer ich in die Materie eindrang, desto klarer wurde mir allerdings, dass damit die anhaltende Kosmosbegeisterung und die ästhetische Vielfalt der kosmosinspirierten Alltagskultur nicht wirklich erklärbar sind. Sowohl im Westen als auch im Osten war der Wettlauf ins All politisch hoch aufgehängt, keine Frage. Aber Propaganda ist nur ein Teil der Wahrheit, die Wirklichkeit ist komplexer. Schon bei den ersten Gesprächen und Aufnahmearbeiten vor Ort schien mir vor allem interessant, was jenseits offizieller Verlautbarungen der Politik die Menschen im Alltag bewegte. Nur ist das Offizielle viel stärker in Erinnerung geblieben.

Wie erklären Sie sich das?

Seitz: Politische Statements und massenmediale Darstellungen findet man in allen Geschichtsbüchern und prägen vor allem im Westen unsere Wahrnehmung. Was sich im alltäglichen Leben abspielte, wurde dagegen eher von Mund zu Mund weitergegeben, fand seinen Ausdruck in zahlreichen, einfachen Gebrauchsgegenständen, die wir im Westen praktisch gar nicht kennen. Und im Osten sind sie gerade wegen ihrer Alltäglichkeit für die meisten Menschen heute nicht mehr präsent. So bimmelte bei vielen Sowjetbürgern morgens neben dem Bett dieser Wecker, der von einer Rakete umkreist wird, die die UdSSR überfliegt und gerade den Aus-Knopf erreicht. Nach 1990 kamen andere Wecker mit modernem Design, der alte wurde weggeworfen und verschwand auch aus dem Bewusstsein. Für die Recherchen war dies ein ganz kniffliges Problem, die Überbleibsel der Vergangenheit ans Licht zu holen und auszuloten, welche Bedeutung sie damals hatten – und heute in anderer Weise eventuell noch haben oder wieder bekommen.

Detail eines kugelförmigen Weckers, um den eine Wostok-Rakete herumfliegt. Mit ihrer Spitze weist sie auf den Knopf zum Ausschalten.

Alltagsgegenstände mit Kosmos-Bezug sind also heute bei den Menschen in Vergessenheit geraten, weil sie so selbstverständlich waren, dass man sich keine Gedanken darüber gemacht hat?!

Kaiser: Wir haben das zum Beispiel bei Bekannten in Tadschikistan erlebt. Die wohnen in einer normalen tadschikischen Kleinstadtwohnung. Als wir nachfragten, fanden sie im Keller einen dieser populären Zigarettenspender, in Gestalt von drei Büchern mit den Kapiteln der sowjetischen Erfolge, also Sputnik, Gagarin usw., in denen dann die begehrten Zigaretten steckten. Den hatten sie schon völlig vergessen. Dann fingen sie an, im Keller zu suchen, ob sie noch mehr solcher Sachen hätten – die sie heute nicht mehr praktisch finden und die in auch eher bescheidenen Wohnverhältnissen keinen Platz mehr finden. Mit dem sowjetischen Erbe wurde auch das Kosmosthema aussortiert, verlor an Bedeutung.

Wo haben Sie noch nach solchen Gegenständen gesucht?

Seitz: Wir sind auch auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden fündig geworden. Wichtiger aber waren Institutionen wie zum Beispiel Kosmos-Museen, etwa das in Kaluga, dem Wirkungsort von Konstantin Ziolkowski (dem Begründer der modernen Kosmonautik, Red.). Die sind allerdings sehr stark auf Technik ausgerichtet, Alltagsgegenstände spielen keine große Rolle. Meine Vermutung war, dass die in den Archiven mancher Museen schlummern, die nicht ohne weiteres zugänglich sind. Und tatsächlich bin ich da auf manch verborgenen Schatz gestoßen. Die Suche nach einfachen, gerade mal eine Generation alten Gebrauchsgegenständen schien mir oft schwieriger als das Ausgraben römischer Keramiken aus dem 2. Jahrhundert vor Christi. Teilweise besteht heute auch Misstrauen gegenüber Leuten aus dem Westen, von denen sich in den neunziger Jahren nicht wenige der offenen Archive bedient hatten. Was damals von vielen ehemaligen Sowjetbürgern eher unkritisch gesehen wurde, die einfach einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten. „Sowjetisches Blech war out, westliches Plastik in“, wie es ein Gesprächspartner auf den Punkt brachte. Es herrschte eine gewisse Wegwerfkultur und Leute aus dem Westen haben vieles aufgekauft. Heute zeichnet sich eine Umkehr im Denken ab: Man achtet darauf, dass die noch vorhandenen Gegenstände und Kulturgüter nicht auch noch verschwinden.
Mit welchen Problemen waren Sie bei Ihren Recherchen noch konfrontiert?

Wandmosaik in Karaganda, das einen Kosmonauten zeigt

Seitz: Ein nicht zu unterschätzendes Problem ist auch, dass in all diesen Ländern historische Wissenschaften und Kulturinstitutionen – Museen, Archive usw. – stark unterfinanziert sind. Sie haben ganz in neoliberaler Manier den Auftrag, selbst Geld zu machen. Jemand aus dem Westen erscheint dann als beste Einnahmequelle. So wurde ich einmal aufgefordert, für einen Aufnahmetag 600 Dollar zu zahlen. Ich musste den Verantwortlichen dann erst einmal erklären, dass ich dafür überhaupt kein Budget habe und das ganze Projekt zunächst auf eigenes Risiko mache. Meist haben die Leute das dann eingesehen.

Kaiser: Da muss man noch hinzufügen, dass es im Bereich Weltraumfahrt selbst eine zunehmende Kommerzialisierung gibt. Baikonur und sein Kosmodrom sind ein gutes Beispiel, da beides nur mit kostenpflichtigen Genehmigungen besucht werden kann. In Almaty bietet schon das ein oder andere Touristikbüro Reisen dorthin an, die wollen natürlich auch ihren Profit damit machen. Roskosmos selbst nutzt das, um Starts zu einem touristischen Event zu machen und zusätzliche Einnahmen darüber zu generieren. Oder die Stadt Baikonur, die dann gerne die Gäste in Hotels vor Ort haben will. Wir haben noch Glück gehabt, dass wir das Projekt knapp vor dieser Trendwende zur Kommerzialisierung gestartet hatten.

Kommen wir noch einmal auf das Thema „Kosmos im Alltag“ zurück. Sie gehen in ihrem Essay auch auf die Weltausstellung in Brüssel 1958 sowie die „Küchendebatte“ zwischen Nixon und Chruschtschow im Jahr darauf ein. Gegenüber der sowjetischen Überlegenheit im Kosmos demonstrierten die Amerikaner ihre Überlegenheit im Bereich Konsumgüter. War das der Startpunkt dafür, dass der Kosmoskult in den sowjetischen Alltag einzog – quasi als Kompensation?

Seitz: Zunächst würde ich nicht von „Kult“ sprechen. Das klingt mir zu sehr nach einer künstlichen Inszenierung. Es gab Ende der 50er/Anfang der 60er eher einen Prozess, der aus unterschiedlichen Ecken kam und sich ohne „Masterplan“ in unterschiedlichen Formen entwickelte. Da waren zum Beispiel die „snatschki“, also Anstecker als Auszeichnungen, die zunächst zentral produziert wurden für die entsprechenden Ereignisse und Anlässe. Irgendwann wurde die Nachfrage aber so groß, dass sie von den zentralen Stellen gar nicht mehr adäquat befriedigt werden konnte. Daher entstand – getragen vor allem von Künstlern – ein halb privates, von örtlichen Parteifunktionären geduldetes, teilweise auch selbst mitbetriebenes System der Gestaltung, Fertigung und des Vertriebs solcher „snatschki“. Die zentralen Instanzen beobachteten das mit Argusaugen, aber andererseits wollte man die Popularisierung ja auch. Es hat sich in dieser widersprüchlichen Gemengelage unter der Hand eine Dynamik entwickelt, die nicht mehr in gewohnter Manier zentralistisch zu steuern war.

Das betraf aber nicht nur die „snatschki“?!

Detail eines Porzellanbechers mit Kosmos-Motiv im Stil des Konstruktivismus

Seitz: Ein anderer Bereich, den ich hervorheben möchte, ist die Porzellankunst –
sowohl bei Miniaturfiguren und größeren Skulpturen als auch im weiten Feld von Gebrauchsgeschirr. Es gibt künstlerisch höchst anspruchsvoll gestaltete Objekte, die nicht hätten entstehen und in so hoher Stückzahl produziert werden können, wenn es nicht eine lange Tradition der Keramikkunst gegeben hätte. Auf dieser Basis entwickelte sich eine Vielzahl von Produkten mit Kosmosmotiven. In diesem Kontext wurden auch die Ideenwelt und Stilelemente des Konstruktivismus der 20er Jahre wiederbelebt. Das ist als Teil des politischen Prozesses zu verstehen, den Stalinismus zu überwinden. Progressive sozialistische Traditionen erlebten in der Tauwetterperiode unter Chruschtschow einen Aufschwung. Künstlerische Ideen des Konstruktivismus waren inhaltlich verbunden mit sozialistischer Utopie.

Sie haben sich eingehend damit auseinandergesetzt, was von alledem aus der Sowjetzeit bis heute überlebt hat. Dabei sind sie auf teils große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gestoßen.

Seitz: Das ist ein brisantes Thema. Ein Extrembeispiel ist hier die Ukraine: Dort gibt es ein Gesetz, wonach alle Zeichen und Symbole, die auf die sozialistische Vergangenheit verweisen, ausradiert werden sollen. Es gibt ein Buch eines ukrainischen Fotografen, der zehn Jahre lang Mosaike aus der Sowjetzeit fotografiert hat, bevor sie entweder verfielen, vom Kommerz überrollt oder gezielt zerstört wurden. Das zeigt, dass damals wie heute Kunst und Alltagskultur sich natürlich nie in einem politisch luftleeren Raum bewegen.

Kaiser: In Usbekistan hat der frühere Präsident Karimow einen klaren Bruch mit der Weltraum-Vergangenheit vollzogen – andererseits gibt es eine sehr bekannte, künstlerisch ambitionierte U-Bahn-Station aus der Sowjetzeit in Taschkent, die hervorragend erhalten ist. So etwas wurde dort nicht zerstört, sondern wird als Kulturerbe gepflegt. Das gilt auch für Mosaike an Hausfassaden. Besonders in Russland und Kasachstan haben die Weltall-Traditionen überlebt. Im Falle von Kasachstan kann man sogar eine Aneignung dieses Erbes beobachten. Das zeigt sich in Nur-Sultan: Vor dem nationalen Space Center dort stehen vier Raketen – in einer Stadt, wo die Architektur ohnehin etwas Modernistisches hat. Sowjettechnik in modernistischem Gewand, nach dem Motto: „Seht her, das ist unsere Technik.“ Genauso selbstverständlich steht aber die Raumfähre „Buran“ (eines der vier Exponate in Nur-Sultan, Red.) auch auf dem Allunionsgelände in Moskau. Beide reklamieren sie für sich und ihre eigenen nationalen Agenden, während Kaskosmos und Roskosmos gleichzeitig kooperieren. Allerdings denkt Kasachstan ja darüber nach, etwas Eigenes zu machen. Es hat von all den zentralasiatischen Ländern wohl die am stärksten ausgeprägte nationale Agenda.

Und Usbekistan?

Kaiser: Usbekistan hat unter Karimow entschieden, nichts mehr im Kosmos-Bereich zu machen, und deshalb die weltraumbezogenen Lehrstühle geschlossen. Auch die Ingenieursbüros wurden aufgelöst und privatisiert. Unter dem neuen Präsidenten wird dagegen wieder über neue Engagements in der Weltraumforschung nachgedacht. Das liegt sicher auch daran, dass es jetzt viele Länder gibt, die kleine Satellitenprogramme haben. Dass man an einem Weltraumprojekt teilnehmen kann, ohne selbst eine tragende Weltraumnation zu sein, die über die ganze Antriebstechnik usw. verfügt.

Sie gehen in Ihrem Essay zu dem Bildband auch auf das Konzept des „Cosmic Cosmopolitanism“ ein. Was verbirgt sich dahinter?

Kaiser: Es gibt hier mehrere interessante Facetten: Zum einen konnten wir durch unsere Interviews bestätigen, dass Nationalität und Ethnizität im Austausch der Personen mit weltraumbezogenen Berufen (Techniker usw.) untereinander keine Rolle gespielt haben. Das ist nicht überraschend im sowjetischen Kontext, weil das auch der Ideologie von der Auflösung der nationalen Unterschiede entsprach. Andersherum hat der hoch internationalisierte Kosmos-Bereich zur Auflösung ethnischer Unterschiede in einem größeren gemeinsamen Ganzen – den Errungenschaften in der Weltraumfahrt – beigetragen. Im Rahmen des Raumfahrtprogramms der Sowjetunion hat man auch bewusst zuerst alle Sowjetrepubliken und dann im nächsten Schritt die sozialistischen Partnerstaaten eingebunden. Zum anderen gab es später die Öffnung für eine Kooperation mit den westlichen Staaten. Wenn man heute mit Kosmonauten darüber spricht, reden sie immer mit großer Selbstverständlichkeit von ihren Kontakten zu den amerikanischen Kollegen, mit denen sie geflogen sind. Jemand wie Kononenko (Oleg Kononenko, russischer Kosmonaut aus Turkmenistan, Red.), der monatelang auf der ISS fliegt, hat eine Freundschaftsbeziehung mit seinen amerikanischen Kompagnons entwickelt. Man muss sich ja zu 100 Prozent vertrauen – wenn einer einen Fehler macht, hat das Auswirkungen auf alle.

Seitz: Aus diesem Grund geht es in dem Buch auch darum, den traditionellen Heldenmythos um Einzelpersonen wie Gagarin aufzubrechen. Er hat natürlich eine hohe Bedeutung und eine zentrale Funktion als Identifikationsfigur. Aber eine zu starke Fokussierung auf einzelne Personen gerät leicht in Widerspruch dazu, dass nirgendwo mehr von der Arbeit eines ganz großen Teams abhängt als beim Flug in den Weltraum, bei den wissenschaftlichen Experimenten und Forschungen dort oben – und der sicheren Rückkehr zur Erde.

Eine Bushaltestelle mitten in der Steppe Kasachstans, rund 100 Kilometer östlich von Karaganda

Können Sie abschließend noch einige Orte empfehlen, die für Leser Ihres Buches speziell in Kasachstan interessant sein könnten?

Seitz: Da wäre in Almaty zum einen das Observatorium Kamenskoje, der alte Teil des Astronomischen Instituts. Zum anderen würde ich einen Spaziergang zu dem alten Straßenbahndepot empfehlen. Da gibt es an einem Haus, in dem sich heute eine Notfallstation befindet, ein großes Wandmosaik, das noch erhalten ist. Aus kulturhistorischer Sicht finde ich die unterschiedlichen Formen interessant, in denen der Mensch auf diesen Mosaiken dargestellt wird. In Karaganda zum Beispiel sehen wir einen eher monumentalen, heroischen Kosmonauten, der eine ganze Häuserwand einnimmt. Als Kontrast dazu gibt es aber auch viel kleinteiligere und sensiblere Darstellungen wie ein Wandrelief in Georgien, wo die Raumfahrt inmitten einer Darstellung auftaucht, die alle Spektren des Lebens zeigt: Alltag, Landwirtschaft, Stromerzeugung. Und eine ganz unspektakuläre Darstellung finden wir zum Beispiel an einer Bushaltestelle mitten im ländlichen Kasachstan, irgendwo bei Karaganda, die einfach übersät ist von funkelnden Sternen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christoph Strauch.

Dieter Seitz: Cosmic Culture. 2019 erschienen im Verlag Kettler. 144 Seiten. www.dieterseitz.de

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