Künstlerdasein versus bürgerliche Existenz

Ursula Seiler-Albring bei ihrer Ansprache zur Ausstellungseröffnung. | Foto: Julia Boxler

Ursula Seiler-Albring ist deutsche Politikerin und Diplomatin, die als dritte weibliche Staatsministerin aller Zeiten unter Hans-Dietrich Genscher ins Amt berufen wurde.Die ehemals in Wien, Sofia und Budapest als Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland tätige zweifache Mutter bezeichnet Genscher als anspruchsvollen Chef, von dem sie außerordentlich viel gelernt habe. Seit dem 18. Mai 2006 ist sie die Präsidentin des Instituts für Auslandsbeziehungen e. V. (IfA). Das Institut engagiert sich weltweit als deutsche Mittlerorganisation für den Kulturaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung kulturpolitscher Informationen mit dem Ziel der Völkerverständigung und der internationalen kulturellen Zusammenarbeit. Das Spektrum der Zusammenarbeit mit namenhaften Kuratoren und der Konzipierung internationaler Ausstellungsprojekte ist vielfältig und umfasst verschiedene Kunst– und Kulturfelder des 20. und 21. Jahrhunderts.Ungefähr 40 Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aus Deutschland lässt das IfA aus seinen Beständen weltweit tournieren. Die aktuell in Almaty präsentierte Sammlung von Zeichnungen und Druckgrafiken thematisiert die klassische Moderne aus Deutschland. Anlässlich der Eröffnung führte die DAZ ein Interview mit Seiler-Albring.

 

In der Ausstellung sind Werke von Heinrich Vogeler zu sehen, der aufgrund seines Schicksals an seinem Lebensende in Kasachstan gelandet ist. Was zeichnet diesen Künstler insbesondere aus?
Er war ein ungemein talentierter und vielseitiger Künstler, einer der ersten der in Worpswede war, der von seinem Erbe den Barkenhoff gekauft hat. Und dieser Barkenhoff ist heute noch faszinierend. Er hatte diesen ganz nach seinen Vorstellungen gestaltet. Alles passte in ein Gesamtkonzept – die Dekorationen und die Möbel. Er hat alles zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt. Sie kennen vielleicht dieses schöne Bild, auf dem alle zusammen im Garten sitzen – Otto Modersohn, Paula Becker und so weiter.
Danach hat er sich ja weiterentwickelt, und seine Kunst wurde von einer ganz anderen Stilrichtung abgelöst. Dann kam der Bauhausstil mit seinen kubistischen Formen, der dann nicht mehr in seine Welt passte. Durch den Ersten Weltkrieg ist er schließlich, ich will nicht sagen auf eine sozialromantische, aber auf eine ganz andere Ebene gekommen. Er hat dann, als er wiederkam, den Barkenhoff zu einer Art frühe Wohngemeinschaft mit den unterschiedlichsten Menschen umgewandelt. Später ist er dann in die Sowjetunion gegangen, weil er meinte, dort seine Ideale realisieren zu können. Dort hat man sich aber, wie ich finde, seiner ein bisschen bedient, um die Ideologie zu untermauern. Und er ist dann mit den vielen anderen Deutschen nach Kasachstan evakuiert worden, wo er auch sehr arm gestorben ist.

Ja, das ist ein trauriges Ende. Das Grab wurde ja erst vor kurzem wiederentdeckt. Und man hat dort inzwischen ein Denkmal mit Hilfe der Deutschen Botschaft Astana errichtet. Darüber berichtete auch die DAZ. Aber nun zu Worpswede – aufgrund Ihrer Ansprache zur Ausstellung scheint es so, als hätten Sie zu Worpswede und auch zu der Künstlerkolonie eine sehr persönliche Beziehung, ein persönliches Interesse. Waren Sie persönlich bereits vor Ort?
Ja, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich sind eines Tages, weil uns der norddeutsche Raum wegen dieser wunderschönen Landschaft ohnehin immer interessiert, zusammen nach Worpswede gefahren. Nicht zuletzt auch wegen der Künstlerkolonie. Dort haben wir neben dem Barkenhoff gewohnt. Und haben das Haus besichtigt und waren in Fischerhude, wo später auch Paulas Mann Otto Modersohn gelebt hat. Dort wird das Schicksal Paulas persönlicher Entwicklung und des künstlerischen Reifeprozesses präsent, der dann im Prinzip gestoppt wurde. Zunächst einmal dadurch, dass sie ihren familiären Pflichten nachgekommen ist und zum anderen dadurch, dass sie durch die Geburt ihrer Tochter sehr früh gestorben ist.

Paula Modersohn-Becker, Moorkahn um 1898, Farbkreiden. | Quelle: IfADas war ja zu dieser Zeit das Schicksal vieler Frauen. Dies würde ja heute so nicht mehr passieren. Aber dies ist ja insbesondere von feministischer Seite immer noch eine Art Vorwurf an die Gesellschaft in Bezug auf Paulas frühes Ende. Würden Sie diesen Vorwurf so teilen?
Das ist ja ein Konflikt, der eigentlich fast nicht lösbar ist. Denn ich denke, für die Entwicklung zu einer eigenständigen künstlerischen Person braucht man auch einen bestimmten Freiraum. Und das kollidiert dann auf der anderen Seite eben mit einer bürgerlichen Existenz. Heute haben wir natürlich ganz andere Möglichkeiten, durch Hilfsmittel. Also die Option, so etwas miteinander in Übereinstimmung zu bringen, durch Kindergärten zum Beispiel. Aber der grundsätzliche Konflikt bleibt, denke ich. Also zwischen einer solchen Person wie Paula Modersohn-Becker, die gereist ist, um sich selbst weiterzuentwickeln, das harmoniert nicht mit konstanten familiären Beziehungen und Mutterschaft. Also das geht nur ganz schwer – ganz, ganz schwer.

Aber Sie sind auch eine Frau, zwar nicht in der Kunst, sondern in der Politik, da unterscheiden Sie sich doch gar nicht so sehr von Paula Modersohn-Becker?
Also ich war ja auch 15 Jahre lang auf verschiedenen Posten im Auswärtigen Amt tätig. Aber da waren meine Kinder zum Glück schon groß. Aber familienfreundlich ist das Ganze sicherlich nicht. Da muss man schon von beiden Partnern sehr viel Nachsicht, Flexibilität und gegenseitige Rücksichtnahme erwarten, damit das überhaupt funktionieren kann.

Ja, diese Anteilnahme hat man auch gespürt in ihrer Ansprache.
Eine andere Frage, und zwar, die Auswahl von Fotografien, Skizzen und Zeichnungen, das ist ja eher eine ungewöhnliche. Denn es sind ja Arbeiten, die wenig bekannt sind. Sicherlich ist der Transport solcher Arbeiten einfacher als von großen Ölgemälden, aber was war außerdem die Motivation, gerade diese Werke auszustellen?
Der Grund war, weil die Arbeiten in den Gesamtkontext passen. Die großen Gemälde nehmen so viel Platz ein, also ich meine das jetzt nicht räumlich, sondern jedes Gemälde hat seinen eigenen Anspruch auf das Betrachten, auf das Begreifen. Würde man auch Gemälde zeigen, neben den Arbeiten, die wir hier sehen, dann wäre die Ausstellung damit überfrachtet. Aber es ist natürlich auch eine Einladung, sich mit den gezeigten Künstlern zu beschäftigen und bei Interesse weiter zu recherchieren.

Ja, ich glaube in dieser Region sind die Werke ja noch nicht so bekannt wie bei uns in Europa. Und damit kommen wir auch schon zum Thema Zentralasien. Waren Sie zuvor schon einmal in Zentralasien?
Ja, ich war in Usbekistan. Dort habe ich 2009 die Ausstellung von Günther Uecker „Der geschundene Mensch“ eröffnet. Und außerdem war ich noch in der Nachbarschaft in Russland, in Nowosibirsk. Dort war auch eine Ausstellungseröffnung mit Installationen.

Das IfA ist ja hierzulande auch tätig. Welche Rolle spielt das Institut in Zentralasien?
Wie auch im übrigen Teil unseres Ausbreitungsgebiets steht die Rolle des IfA unter der Überschrift „Kulturen verbinden“. Es geht darum, den Kulturbegriff, also Information über Kultur, auswärtige Kulturen, Bildungspolitik und insbesondere natürlich auch die Bundesrepublik Deutschland unter diesem Aspekt darzustellen. Die Rolle ist unter anderem auch, das Interesse für Konfliktbearbeitung in Zivilgesellschaften oder den Aufbau von Zivilgesellschaften nach Konflikten zu begleiten, durch NGOs (Nichtregierungsorganisationen) und dergleichen.

In Kasachstan hat das Institut ja noch eine ganz andere Aufgabe. Es gibt hier ja die große deutsche Minderheit. Das sind rund 180.000 Menschen.
In Bezug auf die deutsche Minderheit, die hier vertreten ist, aber auch diejenigen in Ungarn, Rumänien oder Polen, ist die Pflege dieser im Ausland ein ganz wichtiger Programmpunkt im Bereich der Arbeit des IfA.

Nächstes Jahr wird das 100-jährige Bestehen des Instituts begangen. Wie viele hunderte von Jahren wird es das Institut ihrer Meinung nach noch geben?
Das ist eine gute Frage (lacht). Zuallererst hängt das natürlich alles von unserem Partner, dem Auswärtigen Amt, ab. Aber eine einhundertjährige Institution mit diesen Verdiensten und dieser Tradition hat, glaube ich, eine gute Aussicht, zumindest die nächsten fünfzig Jahre in Angriff zu nehmen.

Das Interview führte Julia Boxler