In der Schibek-Scholy-Straße in Almaty ist ein Gebäude zu bewundern, das als ältester Handelsplatz der Stadt gilt: das „Haus der Stoffe“, auf Kasachisch „Kysyl-Tan“ („Rotes Morgengrauen“). Teil zwei unserer Architekturserie.

Schibek Scholy – so heißt die Seidenstraße auf Kasachisch. Das alte Netzwerk bedeutender Handelsrouten erstreckte sich einst vom fernen China über Zentralasien bis nach Europa. Noch heute steht es sinnbildlich für den Mythos vom Handel und Austausch kostbarster Waren, Religionen und Kulturen zwischen Orient und Okzident. Die blauen Kuppeln der Mausoleen Turkestans, die verwunschenen Karawanenstädte Usbekistans, die hektischen Basare des Ferghanatals, Steppen, Wüsten, Kamele und Karawanen – alles das kommt einem in den Sinn bei dem Gedanken an die Seidenstraße.

Obwohl das heutige Almaty etwas nördlich der historischen Handelsrouten liegt, tragen eine der zentralen Hauptstraßen sowie eine nahegelegene Metrostation den Namen „Seidenstraße“. Hier, unter der Adresse Schibek-Scholy Nr. 63, befindet sich das Handelshaus „Ishak Gabdulwalijew und Söhne“. Es ist auch unter anderen Namen bekannt – etwa als „Haus der Stoffe“, oder auf Kasachisch „Kysyl-Tan“ – „Rotes Morgengrauen“.

Verwirrung um Baubeginn von Kysyl-Tan

Das Haus des Taschkenter Kaufmanns für Parfüm, Schnitt- und Kurzwaren Gabdulwalijew mit seinen bunten Holzverzierungen, spitzen Türmchen und Kuppeln gilt als der älteste und erste Handelsplatz der Stadt. Es ist ein herrliches Beispiel für die neorussische Architektur, die das Stadtbild von Werny in den vorrevolutionären Jahren bestimmte. Eng verknüpft mit diesem Haus sind die Namen der beiden wichtigsten Architekten von Werny, Andrej Senkow und Paul Gourdet.

Verwirrung herrscht bis heute darüber, in welchem Jahr das Haus eigentlich erbaut wurde. In den Quellen finden sich sowohl 1896 als auch 1912. Dafür verantwortlich ist wohl Herr Gabdulwalijew selbst, der – ganz Kaufmann – bei dem Bau so viel Geld wie möglich sparen wollte. Er beauftragte den Franzosen Paul Gourdet als Architekten für eine Summe von 100 Rubel und vereinbarte diesen Auftrag lediglich mündlich. Dokumente, die den Bau für das Jahr 1896 belegen könnten, existieren daher nicht.

Schwierige Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit zwischen Bauherr und Architekt ging im Streit auseinander. Die Sache landete im Jahr 1901 vor Gericht, die Verhörprotokolle von Gabdulwalijew sagen dazu: „Tatsache ist, dass Gourdet vor fünf Jahren ein Geschäft für mich baute, aber die Decken des letzteren sich als zu niedrig herausstellten. Als ich mich später über Angestellte an Gourdet wandte, um das Geschäft umzubauen, lehnte er es rundweg ab und sagte: Und ich werde nicht für 1.000 Rubel übernehmen…“ Paul Gourdet, der maßgeblich das Stadtbild des alten Werny geprägt hatte, verließ die Stadt im Jahr 1904 für immer. Er ging nach Sankt Petersburg, wo er 1914 starb. Eine spätere Zusammenarbeit zwischen Gabdulwalijew und dem Architekten Andrej Senkow verlief weitaus harmonischer. Sie führte zu einem großen Umbau im Jahr 1912, was bis heute weithin als das Jahr der Erbauung gilt.

Nachdem Kasachstan unter sowjetische Herrschaft kam, verstaatlichte die neue Führung das Haus. Zwischen 1931 und 1936, zu Zeiten landesweiter, schwerer Hungersnöte, befand sich dort ein Geschäft der sowjetischen Handelskette Torgsin. Dort konnte man ausschließlich mit Devisen, Gold oder Juwelen, und sogenannten Torgsin-Schecks bezahlen. In den Nachkriegsjahren etablierte sich in dem Geschäft der Handel mit Stoffen und Textilien. Bis heute kann man diese dort kaufen.

Kysyl-Tan: Teilweise zerstört und wieder aufgebaut

Der Gebäudekomplex wurde 1982 in die Liste der historischen und kulturellen Denkmäler von landesweiter Bedeutung der Kasachischen SSR aufgenommen. Seit 2008 ist es an die Handelsfirma „Haus der Stoffe ‚Kysyl-Tan’“ verpachtet. Nur ein Jahr nach Beginn der Pacht zerstörte ein Brand das Haus teilweise. Allerdings wurde es bald wieder komplett aufgebaut, so dass wir uns glücklicherweise auch heute noch an der beeindruckenden russischen Architektur des 19. Jahrhunderts erfreuen können.

Die Straße Schibek Scholy ist bis heute das Handelszentrum Almatys; das staatliche sowjetische Kaufhaus und etliche andere Geschäfte befinden sich am westlichen Ende, der Grüne Basar liegt nur einen Steinwurf nach Norden entfernt.

Philipp Dippl

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