Die deutsch-aserbaidschanische Komponistin Khadija Zeynalova möchte Menschen, Länder, Kulturen und musikalische Welten miteinander verbinden – durch Verschmelzung von verschiedenen Melodien und Instrumenten aus Orient und Okzident, die sich in ihren Kompositionen begegnen. Ihr Ensemble führte vergangenes Jahr die sinfonischen Bilder „Heinrich und Leyla“ auf, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Aserbaidschanerin in Zeiten von Stalins Repressionen.

Khadija Zeynalova ist in der aserbaidschanischen Stadt Sumgayit, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Baku entfernt, geboren und aufgewachsen. Nach Schulabschluss und  Musikcollege studierte sie Komposition und Musikwissenschaften/Musiktheorie an der Musikakademie in Baku. Khadija Zeynalova ist mehrfache Preisträgerin diverser Kompositionswettbewerbe und lebt seit 2005 in Deutschland.

„Bei uns Zuhause spielte die Musik von den frühen Morgenstunden bis zum späten Abend“, erinnert sich die Komponistin an ihre Kindheit. „Meine Eltern waren keine Musiker, aber sie liebten Musik über alles. Meine Mutter hatte einen ausgezeichneten Musikgeschmack. Das hat mich geprägt. Ob klassisch oder traditionell – unser Haus war immer mit Musik erfüllt.“
Ihre beiden Onkel – keine professionellen, dafür aber leidenschaftliche Musiker – spielten Schlagzeug und Knopfakkordeon. Sie musizierten gern mit ihren Freunden, spielten Volkstänze und Volkslieder. Als Kind war Khadija fasziniert von diesem kleinen Ensemble und tanzte gern zu der Musik.

„Als Kind hatte ich einen Traum: Ich wollte meinen Namen über einer Komposition stehen sehen“, berichtet Khadija Zeynalova. „Ich wollte nicht nur spielen, interpretieren, nein, ich wollte Komponistin sein! Bis heute sind in unserer Familie meine ersten handschriftlichen Arbeiten erhalten, das sind winzige Kompositionen, auf denen ich obendrauf meinen Namen geschrieben habe. Das machte mich damals sehr stolz.“

Viel familiäre Unterstützung

Bei allen musikalischen Bestrebungen stand Khadija Zeynalova stets ihre Mutter unterstützend zur Seite: „Sie hat meine musikalische Begabung entdeckt, mich gefördert und dazu angespornt, die Beste zu sein. Nicht zweite, dritte, irgendeine – sondern die Beste! Sie war meine erste Zuhörerin. Ich stellte ihr meine Kompositionen vor, und sie hat mir ihre Gedanken dazu mitgeteilt. Nicht kritisiert, sondern ehrlich gesagt, was sie darüber denkt und was sie dabei fühlt.“

Sowohl in der Musikschule als auch am  Musikcollege traf die angehende Komponistin auf Lehrer und Dozenten, die ihr Talent erkannten und förderten. Nach dem Musikcollege bewarb sie sich an der Musikakademie in Baku für den Studiengang Komposition und Musikwissenschaften. Dazu musste sie sechs Prüfungen für jedes Fach ablegen – zwölf Prüfungen insgesamt. Nach dem erfolgreichen Bestehen durfte sie ihr Studium aufnehmen.
Im Jahr 2004 schickte Khadija Zeynalova ihre neun Kompositionen nach Detmold und wurde ein halbes Jahr später zum Aufnahmeexamen eingeladen. Es folgte ein Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik in Detmold bei Prof. Martin Christoph Redel. Daran schloss sich von 2006 bis 2012 ein Promotionsstudium im Fach Musikwissenschaft an der Universität Paderborn bei Prof. Dr. Werner Keil an. Das Thema der Doktorarbeit lautete: „Die aserbaidschanische Musikkultur im 20. Jahrhundert und ihre Rezeption der westlichen Musik“.

Khadija Zeynalova hat an vielen Festivals, Konzerten und Kompositionswettbewerben teilgenommen. Ihre erste symphonische Dichtung erhielt die Auszeichnung „Beste Komposition des Jahres 2000“. Zudem war sie jahrelang als Dozentin tätig. Seit 1999 ist Khadija  Mitglied des Aserbaidschanischen Komponistenverbandes.

Musikalischer Brückenschlag

Mit der Komposition „Heinrich und Leyla“ ist Khadija Zeynalova ein musikalischer Brückenschlag zwischen Deutschland und Aserbaidschan gelungen. Einst haben im Land des Feuers, wie Aserbaidschan noch genannt wird, deutsche Siedler eine neue Heimat gefunden und ein glückliches Leben geführt. Doch im Jahr 1942 wurden sie im Zuge der stalinistischen Repressionen ihren Heimatdörfern gewaltsam entrissen und nach Kasachstan deportiert. In dieser Zeit spielte sich im deutschen Dorf Annenfeld eine tragische Liebesgeschichte ab. Bis heute erzählt man sich in Aserbaidschan die Legende von Heinrich und Leyla.

Als Khadija Zeynalova das Werk „Heinrich und Leyla“ von Amir Pahlavan kennenlernt, ist sie tief berührt. Heinrich, ein junger Deutscher, wird 1942 nach Kasachstan deportiert. Leyla, ein aserbaidschanisches Mädchen, in das er verliebt ist, bleibt im deutschen Dorf Annenfeld zurück. In Kasachstan entschließt sich Heinrich zu einer gewagten Flucht und kehrt zu seiner Liebsten nach Aserbaidschan zurück. Doch das junge Liebesglück findet in diesen dunklen Zeiten leider ein tragisches Ende.

„Meine ursprüngliche Idee war, eine Oper zu schreiben, und ich hatte sogar schon die ersten Versuche unternommen“, berichtet Khadija Zeynalova über die Entstehung des musikalischen Werkes. „Dann habe ich mit verschiedenen Regisseuren und Theaterexperten darüber gesprochen, mir ihre Meinung und ihren Rat dazu eingeholt, und sie haben mir deutlich gemacht, dass es sehr kompliziert und aufwendig sein würde, Ballettmusik oder eine Oper daraus zu machen. Doch mir ließ diese Geschichte keine Ruhe. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wie man es realisieren könnte.“

Tränenreiche Premiere

Der Wunsch, daraus eine Oper zu machen, blieb bestehen. Doch nach langem Überlegen kam Khadija Zeynalova zum Entschluss, das Projekt mit dem Ensemble Bridge of Sound umzusetzen. „Ich habe die sinfonischen Bilder für eine kleine Kammerorchester-Besetzung komponiert“, erläutert sie. „Die Komposition beinhaltet zwölf Sätze, in denen die Geschichte musikalisch dargestellt wird: Liebesthema, Repressionen, Abschied, Leylas Klagelieder, die Vertreibung in die Steppe Kasachstans und Heinrichs Entschluss, zu seiner Geliebten zurückzukehren.“

Das interkulturelle Kammerorchester Bridge of Sound führte die Komposition im Rahmen eines Konzerts im Oktober 2019 erfolgreich auf. Das Konzert-Projekt war dem 200-jährigen Jubiläum der deutschen Ansiedlung  in Aserbaidschan gewidmet. Khadija Zeynalova erinnert sich, dass bei der Aufführung viele Menschen im Publikum geweint haben. „Sie haben die ganze Tragik dieser Liebesgeschichte durch die Musik nachfühlen können“, bestätigt sie.

„Es ist eine Geschichte, die unsere Kulturen und unsere Länder verbindet“, sagt Khadija Zeynalova über die Legende von Heinrich und Leyla. „Sie zeigt, dass Liebe keine Nationalität, keine Distanz, keine kulturellen oder sprachlichen Barrieren kennt. Ich wünsche mir, dass wir die musikalische Version der Liebesgeschichte von Heinrich und Leyla noch viele Male erzählen dürfen und somit auch die Geschichte der Deutschen in Aserbaidschan.“

Katharina Martin-Virolainen

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