In den 1970er Jahren bekam jede sowjetische Großstadt ihr eigenes repräsentatives Zirkusgebäude, so auch das damalige Alma-Ata.

Als Oleg Konstantinowitsch Popow am 2. November 2016 in Rostow am Don starb, verließ einer der letzten großen Zirkusclowns von Weltrang die Bühne für immer. Die tragikomische Figur des Clowns gehört ebenso zur Welt des Zirkus – wie Pferde, Elefanten, wilde Raubkatzen oder Hochseilakrobatik. Doch die Zirkuswelt scheint auszusterben. Tierdressuren gehören aus gutem Grund größtenteils bereits der Vergangenheit an und auch der Zirkusclown scheint in dieser modernen, schnelllebigen Welt fast wie aus der Zeit gefallen.

Dies war nicht immer so. Im Jahr 1880 eröffnete in Moskau der Salamonski-Zirkus in einem eigenen, stationären Veranstaltungsgebäude und war damit einer der ersten seiner Art in Russland. Bereits kurz nach der Oktoberrevolution folgte jedoch der erste Einschnitt: Die Sowjetunion verstaatlichte den nach dem Dompteur Albert Salamonski benannten Vergnügungsort als ersten Zirkus in der Sowjetunion.

Extravagant und futuristisch

Das zweite berühmte Ensemble der Stadt, der Große Moskauer Staatszirkus, besitzt seit 1971 das mit 3.400 Zuschauerplätzen weltgrößte stationäre Zirkusgebäude der Welt. In den Reihen des Großen Moskauer Staatszirkus begann auch die Karriere des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Oleg Popow. Die Zirkuswelt galt in der Sowjetunion als hohe Kunst und wurde dementsprechend gefördert. In den 1970er Jahren bekam jede sowjetische Großstadt ihr eigenes, repräsentatives, stationäres Zirkusgebäude, so auch Alma-Ata.

Das Zirkusensemble Alma-Ata geht auf die Initiative einer Absolventengruppe der Schule für Zirkus, Varieté und Kunst in Moskau zurück und wurde im Jahr 1970 gegründet. Die erste Vorstellung gab das Ensemble am 24. Juni 1970 in Samara, also vor fast genau 50 Jahren. Gastspiele folgten in der ganzen Sowjetunion und dem sozialistischen Ausland. Die Zirkusgebäude, die in Taschkent, Bischkek, Alma-Ata und an anderen Orten der Sowjetunion entstanden, waren extravagant und futuristisch.

Auf der Denkmalschutzliste von Almaty

Das stationäre Gebäude des Zirkus Alma-Ata, ein Projekt der Architekten W. Z. Katsew und I. W. Slonow, wurde am 10. Juni 1972 eröffnet und feierte somit ebenfalls erst vor kurzem Jubiläum. Das weiße, zylindrische Gebäude mit seinen großen Fensterfronten sticht insbesondere durch seine extravagante Dachkonstruktion auf, die an ein Zeltdach erinnert. Andere sehen in der Formensprache des Rundbaus eher eine fliegende Untertasse. Experimente mit einer Weltraumarchitektur waren keinesfalls ungewöhnlich in dieser Phase des späten Modernismus.

Die Architekten stellten sich bei der Gestaltung der Außenfassade und des Innenraums allerdings eine stark abstrahierte Jurte vor. Die kühl und ordentlich strukturierte Erscheinung in strengem Weiß steht in starkem Kontrast zu der bunten Zirkuswelt, die sich im Innern abspielt. Einzig das bunte, nebenan angesetzte Kassenhäuschen durchbricht diese klare, strenge Linienführung. Das Zirkusgebäude, zu dessen Komplex auch Gebäude zur Pflege und Unterbringung von Tieren sowie ein Hotel für Gastensembles gehört, steht seit dem Jahr 1979 auf der Denkmalschutzliste der Stadt Almaty.

Geste der Verbundenheit

Der ehemalige Salamonski-Zirkus in Moskau zählte während der Sowjetunion zu den renommiertesten Schauspielstädten des Landes und war auch regelmäßige Bühne für Oleg Popow. Juri Nikulin, der ebenfalls als Clown berühmt wurde, aber der breiten Masse besonders durch die sowjetischen Gajdaj-Klamaukfilme aus den 1960er und 1970er Jahren bekannt ist, leitete diesen Zirkus von 1982 bis zu seinem Tod 1997. Heute trägt er seinen Namen, Nikulin-Zirkus.

Oleg Popow durchlitt gegen Ende der 1980er Jahre mehrere Schicksalsschläge und verließ 1991 Russland enttäuscht und ohne Ersparnisse. Er ließ sich im fränkischen Egloffstein nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte. Russland besuchte er 21 Jahre lang bis zum Jahr 2012 nicht mehr. Als Clown trat Popow allerdings weiterhin auf und hielt engen Kontakt zu den verschiedenen Zirkusensembles in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ein geplanter Besuch in Almaty im Jahr 2012 kam nicht zustande. Als Geste der Verbundenheit schickte Popow dem Ensemble in Almaty aber eine Fotografie mit seiner Unterschrift sowie die charakteristische Schachbrettmütze seiner berühmten Clownsfigur Iwanuschka. Oleg Popow fand am 9. November 2016 gemäß seines letzten Willens in Egloffstein im Clownskostüm seine letzte Ruhe.

Philipp Dippl