Was bedeutet nationale Identität für junge Menschen in Kasachstan? Studentin Alla Gawrilowa hat sich umgehört und ganz unterschiedliche Antworten bekommen.

Von „nationaler Identität“ ist oft die Rede in letzter Zeit. In unserem Land Kasachstan wohnen Vertreter von mehr als 130 verschiedenen Nationalitäten. Kann man in dieser Situation seine nationale Identität bewahren oder ist dies unmöglich?

Zum ersten Mal habe ich über Identität in einem Deutschkurs gehört – wir haben viel darüber gesprochen, ob die Deutschen, die in Kasachstan wohnen, ihre Kultur und Tradition bewahren können und auf welche Weise. Dabei ist die Antwort wirklich nicht schwer zu finden. In Kasachstan gibt es die Volksversammlung Kasachstans, der unter anderem die armenische Gesellschaft „Kentron“, das polnische Zentrum „Kopernikus“ und auch die deutsche „Wiedergeburt“ angehören.

Ich als Mitglied der deutschen Gesellschaft „Wiedergeburt“ bin immer mittendrin im Geschehen. Erstens haben alle Mitglieder der Gesellschaften die Möglichkeit, kostenlose Sprachkurse zu besuchen und zweitens können alle Mitglieder an kulturellen Ereignissen teilnehmen. Wenn wir in unserer Stadt staatliche Feste haben, nehmen daran immer die Mitglieder verschiedenster Kulturzentren teil: sie tanzen ihre Tänze, sie singen und sprechen in ihrer Muttersprache. All das schafft eine warme Atmosphäre von Völkerverbundenheit. In der „Wiedergeburt“ feiern wir immer zusammen Weihnachten und Ostern, kochen Glühwein, sprechen Deutsch; das alles macht viel Spaß. Auf diese Weise können wir unsere Traditionen und Bräuche kennenlernen, und sie werden zu einem Teil unseres Lebens.

Ist es aber wirklich so wichtig, seine eigene Identität zu bewahren? Sag mir woher du kommst, und ich sag dir, wer du bist – ist das tatsächlich so einfach? Wenn jemand weiß, dass meine Großmutter Deutsche ist, bekomme ich zu hören „Ach so, jetzt verstehe ich, warum du so sparsam, ordentlich und pünktlich bist.“ In unserem Kopf tragen wir viele Stereotypen mit uns herum. Wenn man Russe ist, bedeutet das, man ist großzügig, offenherzig und ein bisschen trunksüchtig, wenn man Kasache ist, ist man gastfreundlich und unpünktlich, wenn jemand Armenier oder Armenierin ist, ist er oder sie reich und trägt immer viel goldenen Schmuck. Doch alle diese Stereotypen schaffen wir selbst. Selbst Menschen, deren Vorfahren schon vor zwei oder drei Generationen ihre Heimat verließen, sind davon betroffen. So ist beispielsweise meine Freundin Ljuda halb Ukrainerin und halb Weißrussin. Alle unsere Freunde scherzen immer, wenn sie Ljuda zu einer Party einladen, dass sie dort Speck mit Kartoffeln essen kann (Speck ist traditionell ukrainisch, und Kartoffeln gelten als die Lieblingsspeise von Weißrussen). Wenn wir solche Stereotypen bilden, bedeutet das, dass wir Nationalität mit nationaler Identität verbinden, oder missverstehen wir diese zwei Begriffe einfach?

Ich habe eine kleine Umfrage veranstaltet. Ich entschied, meine Kommilitonen aus meinem Masterstudiengang zu befragen, was sie unter dem Begriff „nationale Identität“ verstehen, wie eng für sie die Verbindung zwischen nationaler Identität und Heimatland ist, und ob diese Identität wirklich eine bedeutende Rolle für den Menschen spielt. Überraschenderweise lautete die erste Rückfrage häufig: „Was ist das? Was für eine Identität?“ Dann folgte meine lange Erklärung, und erst dann bekam ich eine Antwort.

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Dulat, 22 Jahre: „Ich bin Kasache, und ich glaube, dass nationale Identität zur Zeit eine große Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Unser Präsident macht so viel, damit unsere Bevölkerung die Staatssprache Kasachisch lernen kann. Es ist ein Problem in unserem Land, dass so viele Leute ihre eigene Sprache nicht kennen, und zu meiner Schande bin auch ich einer von ihnen. Ich glaube, die Verbindung zwischen nationaler Identität, dem Land und der Sprache ist sehr eng.“

Wassiliy, 23 Jahre: „Mein Vater ist Deutscher, aber man hat in unserer Familie keine deutschen Traditionen bewahrt, wir feiern nur orthodoxe Feste und weder meine Eltern noch ich und meine Geschwister sprechen Deutsch. Mein Großvater dagegen spricht nur Deutsch. Obwohl ich mich für einen Russen halte, bemerke ich, dass ich mich in vielen Kleinigkeiten wie mein Großvater verhalte. Nationalität hinterlässt Spuren.“

Aday, 23 Jahre: „Ich glaube, die nationale Identität spielt die wichtigste Rolle und bestimmt das ganze Leben. Mann muss seinen Traditionen folgen, seine Muttersprache kennen und Patriot sein“.

Samat, 22 Jahre: „Ich sage nur JA! Ich meine nationale Identität ist etwas, was jeder von uns sich erhalten muss, auch wenn man keine Muttersprache spricht oder schon 20 Jahre im Ausland lebt. Man muss etwas an die nächste Generation übergeben“.

Pawel, 23 Jahre: „Die Leute, die wirklich ihre nationale Identität bewahren müssen, sind Immigranten. Einerseits möchten sie sich assimilieren und ein neues Leben beginnen, anderseits möchten sie ihre Muttersprache ihren Kindern weitergeben, Bräuche befolgen und so weiter. Für mich persönlich ist die nationale Identität verbunden mit meinem Heimatland, dem Land, wo ich geboren bin. Ich glaube an das Sprichwort „Wo man geboren ist, dort wird man am meisten nützlich.“ Erstens sind fast alle Leute mit ihrer Heimat verbunden, zweitens ist es nicht Nationalität, die uns vereinigt. Es sind vor allem Land und Vaterlandsliebe, dann gemeinsame Meinungen und eine gemeinsame Zukunft.“

Von Alla Gawrilowa

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