Staatsbesuch auf hohem Niveau

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bedankt sich beim kasachstandeutschen Vokal- und Instrumental-Ensemble „Späte Blumen“.

Auf der ganzen Welt begeht die evangelische Kirche in diesem Jahr das 500. Jubiläum der Reformation von 1517. Daran anknüpfend, fand das Treffen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit der deutschen Minderheit in Kasachstan in der neu erbauten evangelischen Kirche in Astana statt.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begann seinen offiziellen Besuch in Kasachstan mit einer Zusammenkunft der wichtigsten Vertreter der deutschen Minderheit in einem lutherischen Gotteshaus.

Steinmeier und seine Gattin, Elke Büdenbender, konnten sich schon am Eingang der Kirche mit der Geschichte der Deutschen in Kasachstan vertraut machen; gleichzeitig wurde dem Bundespräsidenten die erste Ausgabe des neu erschienenen Buches „Geschichte und Kultur der Deutschen Kasachstans“ überreicht.

Deportierte Lutheraner

Juri Nowgorodow, der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Kasachstan, und Hartmut Koschyk MdB, dem Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten
Juri Nowgorodow, der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Kasachstan, und Hartmut Koschyk MdB, dem Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten | Bild: Veronika Likhobabina | DAZ

Der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Kasachstan, Juri Nowgorodow, machte die Gäste in seiner Eröffnungsrede mit den wichtigsten Etappen der Geschichte des Luthertums in Kasachstan vertraut. Außerdem zollte er dem Präsidenten der Republik Kasachstan, Nursultan Nasarbajew, Anerkennung für die religiöse Vielfalt in seinem Land, die ein wichtiger Aspekt der nationalen Verständigung und der Wiedergeburt der Kultur ist: „Wir haben mit der neuen evangelischen Kirche in Astana kein einfaches „Bethaus“, sondern einen wahrhaftigen Dom errichtet – nicht irgendwo in den Hinterhöfen der Stadt, sondern im Zentrum der Hauptstadt Kasachstans!“

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Die Geschichte der evangelischen Glaubensrichtung in Kasachstan ist eng verbunden mit dem tragischen Schicksal der Deutschstämmigen während der Deportation 1941. Die ersten lutherischen/evangelischen Kirchen entstanden bereits im 18. Jahrhundert, als die Steppengebiete Kasachstans an das Russische Zarenreich angegliedert wurden. Bis zum heutigen Tage hat sich die Anzahl der Anhänger der evangelisch-lutherischen Kirche insbesondere als Folge der Massendeportation der Wolgadeutschen nach Kasachstan stetig erhöht.

Erste lutherische Kirche nach 200 Jahren

„Wir haben schwere Zeiten durchlebt – von der halbgeheimen Existenz bis zur multiethnischen Kirche, welche heute in der Gesellschaft anerkannt ist und aktiv mit der Regierung kooperiert“, resümierte der Bischof in seiner Rede. Die Meinung der evangelischen Kirche sei in Kasachstan gefragt. In seiner mehr als 200 Jahre andauernden Existenz versinnbildliche die evangelische Kirche in Kasachstan heute die Verwirklichung der Hoffnungen und Träume vergangener Generationen und steht nun an der Schwelle neuer historischer Entwicklungen.

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Albert Pawlowitsch Rau
Albert Pawlowitsch Rau | Bild: Veronika Likhobabina | DAZ

Die Errichtung der evangelischen Kirche wurde 2015 auf Initiative von Albert Pawlowitsch Rau in Angriff genommen, welcher den Rat zum Bau der Kirche leitete, als Kurator und Fundraiser fungierte. Albert Rau wurde, so der Bischoff, zur „treibenden Kraft während der Bauphase der Kirche“.

Ein Vorbote seiner Arbeit zeigte sich darin, dass bereits Albert Raus Vater in dessen Heimatstadt Lisakowsk damals Prediger gewesen war. Für den Bau des neuen Kirchengebäudes, so der Bischof, konnten beachtliche finanzielle Mittel von Vertretern vieler Konfessionen und Ethnien aus Kasachstan zusammengetragen werden. Hier liege auch die Einzigartigkeit des kasachischen Modells der konfessionsübergreifenden und multiethnischen Verständigung.

Nach nur zwei Jahren der Plan- und Bauphasen konnten in der neu errichteten evangelischen Kirche hochrangige Gäste begrüßt werden: der Bundespräsident Deutschlands, Frank-Walter Steinmeier, Abgeordnete des Bundestages, wie Hartmut Koschyk, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten sowie angesehene Gäste aus Regierungskreisen und Gesellschaft, die allesamt die deutsche Minderheit in Kasachstan vertreten.

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Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begann seinen offiziellen Besuch in Kasachstan mit einer Zusammenkunft der wichtigsten Vertreter der deutschen Minderheit in einem lutherischen Gotteshaus.
Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begann seinen offiziellen Besuch in Kasachstan mit einer Zusammenkunft der wichtigsten Vertreter der deutschen Minderheit in einem lutherischen Gotteshaus. | Bild: Veronika Likhobabina | DAZ

In seiner Eröffnungsrede hob der Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, hervor, dass er nun zum wiederholten Male in Kasachstan zu Besuch sei und bereits öfter Vertreter der deutschen Minderheit getroffen habe – jedoch zum ersten Mal in einem sakralen Ort: „Das heute ist ein ermutigendes Zeichen. Dass wir uns in einer neuen lutherischen Kirche im Jahr des Reformationsjubiläums treffen, ist ein ganz besonders schönes Zeichen. Wir haben, da wir uns in diesen Wochen an Luther an vielen Orten in Deutschland erinnert haben, Ihnen ein kleines Geschenk mitgebracht.“ Neben der Wittenberger „Thesentür“ aus Meißner Porzellan, überreichte der Bundespräsident daraufhin auch ein Faksimile der Lutherbibel.

„Mit neuem Selbstbewusstsein in die Zukunft“

Der Bundespräsident merkte an, dass die Veranstaltung noch dazu im 25. Jubiläumsjahr seit Beginn der Kasachisch-Deutschen Beziehungen stattfindet: „Politisch, nach außen hin, wird das Land selbstbewusster, nicht nur im Hinblick auf die Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, sondern auch als Ausrichter internationaler Konferenzen. Die jüngsten Syriengespräche sind uns da noch in guter Erinnerung.“

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Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit der deutschen Minderheit in Kasachstan in der neu erbauten evangelischen Kirche in Astana
Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit der deutschen Minderheit in Kasachstan in der neu erbauten evangelischen Kirche in Astana | Bild: Veronika Likhobabina | DAZ

Die sehr engen Beziehungen zwischen Kasachstan und Deutschland sind insbesondere durch die „menschliche“ Brücke der Kasachstandeutschen gewährleistet. „Die Kasachstandeutschen die in Deutschland und in Kasachstan leben, helfen uns, einander zu verstehen.“ Ferner erinnerte sich Steinmeier an schwierigere Zeiten in der Vergangenheit. Eine große Rolle spielte, die wachsende Aussiedler-Welle nach Deutschland: „Das war natürlich für diejenigen, die geblieben sind, keine besonders ermutigende, eher eine traurige Situation. Viele von denen, die weggegangen sind, haben in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Wenige sind zurückgekehrt. Aber mein Eindruck in den letzten Jahren und auch heute ist, dass sich die Situation derjenigen, die geblieben sind, konsolidiert hat, dass man mit neuem Selbstbewusstsein in die Zukunft schaut.“

Deshalb hält er die Unterstützung seitens Deutschlands für die Vielen, die geblieben sind, für umso wichtiger.

Selbstbewusstsein und Selbstverwaltung

Zum Abschluss des Treffens fand eine Diskussion mit Frank-Walter Steinmeier und den Vertretern der deutschen Minderheit Kasachstans statt. Insbesondere machte Swetlana Kornejewa, die Interims-Vorsitzende der Assoziation der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“, den Bundespräsidenten mit der Tätigkeit der Selbstverwaltung bekannt, die im Rahmen des Programms zur Unterstützung der deutschen Minderheit in Kasachstan umgesetzt wird. Gleichzeitig dankte sie der Bundesregierung Deutschlands für die jahrelange Unterstützung.

Olga Kasakowa, Expertin für die ethnokulturelle Arbeit der Assoziation, berichtete über Sprachprojekte, welche den Kasachstandeutschen das Erlernen der deutschen Sprache ermöglichen. Zugleich sollten weitere Anstrengungen zum Erhalt der Muttersprache insbesondere für Schulkinder unternommen werden.

Wladimir Baumeister (Chirurg) und Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier
Wladimir Baumeister (Chirurg) und Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier | Bild: Veronika Likhobabina | DAZ

Wladimir Baumeister, Chirurg mit Verdienstmedaille seitens der Republik Kasachstan, hob die Wichtigkeit von Sozialprojekten hervor, die von den regionalen Gesellschaften der Kasachstandeutschen initiiert werden. Auch thematisierte er die Problematik der Visa-Unterstützung für Angehörige der deutschen Minderheit in Kasachstan, welche ohne bürokratische Hindernisse ihre Verwandten in der BRD besuchen wollen.

Erfreulich war, dass sich die Diskussion auf Deutsch entwickelte, was einmal mehr ein Beweis für die Effektivität des Förderprogramms des BMI (Bundesinnenministerium) war. Dieses Programm ist auf die Bewahrung der nationalen Identität und Muttersprache ausgerichtet.

„Grenzenlose Dankbarkeit“

Vor allem der Auftritt des Vokal- und Instrumental-Ensembles „Späte Blumen“ (Gesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ in Astana und Akmolinsk) wurde als identitätsstiftend erlebt. Neben der sehr gefühlvoll vorgetragenen Version des Liedes „Heimat“ erklangen auch sehnsuchtsvolle Töne nach der Heimat der Vorfahren, aber auch Lieder über die grenzenlose Dankbarkeit an das kasachische Volk, welches die damaligen Wolgadeutschen nach der Deportation auf ihrem Territorium aufgenommen hat. Gerade hier auf kasachischem Boden fanden die Deutschstämmigen ihre neue Heimat und können heute wieder dank der einzigartigen multiethnischen Nationalpolitik des Präsidenten Nursultan Nasarbajew mit Zuversicht und Optimismus in die Zukunft schauen.

Встреча, которая запомнится надолго