Gestern war ich in meiner Stammkneipe. Wenn man ein Stammkneipengänger ist, heißt das, dass man nicht allzu gern das Neue und Andere sucht, sonst würde man ja vor lauter Entdeckungsfreude jedes Mal ein anderes Lokal aufsuchen, was in Köln sicherlich kein Problem wäre.

Wir Stammkneipengänger hingegen suchen im Prinzip ein zweites Wohnzimmer, wo fast immer alles an Ort und Stelle ist, wie man das kennt, mit dem Unterschied, dass man mit gutem Gewissen maßlos rauchen und trinken kann, weil das die anderen ja auch machen. Zudem ist man in Gesellschaft, mit der man sich unterhalten, es aber auch lassen kann. Die anderen, sowohl hinter wie vor der Theke, sollen am liebsten auch immer dieselben sein, damit man das Revier nicht immer wieder aufs Neue auf die möglichen Gefahren hin abtasten muss. Dazwischen ist durchaus ein geringer Anteil Neuer willkommen, etwas Abwechslung in Maßen muss auch sein.

Gestern war vieles so wie sonst, was mir sehr wichtig war, weil mein sonstiges Leben so ziemlich anders war als sonst. Und so saß neben anderen Stammgästen auch Philipp an seinem Stammplatz. Es gibt die Sorte Stammgäste, die mit einem lauten „Hallihallo“ in und durch die Kneipe rennen, was sagen soll: Hier kenn ich mich aus, hier kenn ich die Leut, hier fühl ich mich wohl! Philipp gehört zu der anderen Sorte, die beim Reinkommen kaum grüßen, zielstrebig auf ihren Stammplatz zusteuern, sich die Zeitung krallen, um darin zu verschwinden, nur ab und zu nach dem Bier greifen, das ihnen wortlos nachgestellt wird, am liebsten gar nicht mehr aufblicken und niemals mit einem Thekennachbarn ein Gespräch anfangen würden. Das muss man respektieren. Unter Stammkneipengängern gehört es gewissermaßen zu den Grundgesetzen, auf solche Signale zu achten und die Privatsphäre des anderen nicht zu stören. Weil ich keinen Thekenplatz mehr ergattern konnte und als einzige Möglichkeit ein paar Zentimeter neben Philipp erblickte, kam ich in die Bredouille: Spreche ich ihn an, oder lieber nicht? Darf ich ihn bitten, ein wenig zu rücken?

Ich wagte es, und er machte sofort, nett und wortlos Platz. Dann wurde der Platz neben ihm frei, und ich überlegte, ob ich ihn bitten könne, auf diesen zu rücken, damit ich auf seinen nachrutschen könne. Anders wäre es umständlicher gewesen, dann hätte ich meinen ganzen Kram, den ich vor mir ausgebreitet hatte, einzeln um ihn herum tragen müssen, während er so seinen ganzen Kram, den er vor sich ausgebreitet hatte, doch nur mit dem Arm rüberschieben könnte. Ich wollte die Situation nicht überstrapazieren. Zumal er sich kurz vorher mürrisch nach einer lachenden Gruppe umgedreht und geknurrt hatte: „Zu voll! Zu laut!“ um wieder den Kopf in die Zeitung zu stecken. Während ich noch haderte, rückte er von sich aus weiter, um mir Platz zu machen.

Dann saßen wir ein Weilchen nebeneinander, und ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, wir führten ein längeres Gespräch, er erzählte alles Mögliche, bis er plötzlich innehielt und sich über sich selbst wunderte. Es schien ihm unheimlich, sich als Plaudertasche zu erleben, und er vergrub schnell wieder die Nase in der Zeitung. Vorher hatte ich noch erfahren, dass er bei der Brauerei „früh“ arbeitet. Was ich äußerst spannend fand. Ich hatte es doch nicht etwa mit einem echten Köbes zu tun?! Köbes sind ganz besondere Wirte, die immer im rechten Augenblick ein wunderschön gezapftes Kölsch bereitstellen. Was mein Stammwirt auch aus dem Effeff kann. Sonst wäre ja auch kein echter Köbes aus dem „früh“ Stammgast in meiner Stammkneipe. Bei „früh“ arbeiten kann aber auch alles andere bedeuten: Buchhaltung, Marketing, Fassaus- oder -anlieferer – was ja auch spannend sein kann. Ich blieb auf der Lauer, um den Moment abzupassen, da Philipp wieder Gesprächsbereitschaft zeigen würde.

Kaum blickte er auf, schlug ich mit meiner Frage zu. Und tatsächlich – er ist ein richtiger Köbes! Wow! Das war mal eine ganz andere Perspektive, einen Köbes als Stammgast in einer anderen Kneipe vor der Theke und direkt neben mir hocken zu sehen. Sofort schossen mir tausend Fragen in den Kopf, die ich immer schon mal einem Köbes stellen wollte, doch bei Muffeln muss man behutsam mit der Fragerei sein. Zu gern hätte ich gewusst, ob alle Köbese als fachliche Kompetenz die Muffelei mitbringen müssen, weil das ja in jedem Reiseführer drinsteht und von allen erwartet wird; ob das zu den Auswahlkriterien beim Vorstellungsgespräch gehört, oder ob man zur Berufsmuffelei angehalten wird. Aber ich wollte das Gespräch nicht gefährden, jetzt, da Philipp sich doch gerade geöffnet hatte. Ich muss mich also noch ein wenig gedulden. Schritt für Schritt, denn zu viel Dynamik in der Stammkneipe wäre mir auch zu unheimlich.

Julia Siebert

28/11/08