Die Archive sind geschlossen, zugleich bemüht man sich von offizieller Seite um das Gedenken an die stalinistischen Repressionen in Kasachstan. Ein Besuch der ehemaligen Lagerorte Malinowka und Karaganda

Malinowka, etwa 20 Kilometer entfernt von Astana, ist auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere in Kasachstan. Es gibt eine Hauptstraße, um die herum Plattenbauten angeordnet sind wie alte, Anker geworfene Schiffe, ein paar Läden, ein Kulturhaus und eine Kneipe. Der zentrale Platz liegt verlassen in der Mittagssonne, und ein paar Schritte weiter sieht man schon auf zersiedeltes Brachland, das am Horizont in Steppe übergeht.

Wüßte man es nicht, man würde nicht darauf kommen, dass hier einmal eines der größten Frauenlager der ehemaligen Sowjetunion existiert hat. Alschir – Lager der Heimatverräterfrauen – hieß es im totalitären NKWD-Sprech. 1937 wurde es gegründet, nach Stalins Tod 1953 offiziell dichtgemacht. Die meisten der bis zu 20.000 ins Alschir verbannten Frauen waren Ehefrauen politischer Häftlinge. Wie zum Beispiel Anna Kagan, eine in Baku geborene Politikstudentin, die als Mitglied einer Familie von „Volksfeinden“ 1938 nach Malinowka deportiert wurde.

Ihre Geschichte und die vieler anderer Frauen erzählt das Museum im Kulturhaus von Malinowka. Schautafeln und kopierte Zeitungsartikel fangen die Atmosphäre der späten 30er Jahre ein, und von Häftlingen gefertigte Handarbeiten geben etwas von dem Lageralltag wieder. Verantwortlich für die Gründung des Museums ist Johannes Scharf. Der Russlanddeutsche, der als Waisenkind in einer kasachischen Familie aufwuchs, ist so etwas wie der Bürgermeister von Malinowka – Generaldirektor einer das Dorf so gut es geht in Stand haltenden Aktiengesellschaft namens „Akmola-Phönix“.

Der alte, fließend Kasachisch sprechende Mann, den alle nur „unseren Präsidenten“ nennen, genießt in Malinowka hohes Ansehen. Auf seine Initiative ging das am Dorfausgang befindliche Denkmal zurück, das 1989 eröffnet wurde: ein zerberstender Sowjetstern, angeschlossen an die von erklärenden Schildern gesäumte „Tränen-Allee“, die von ehemaligen Lagerhäftlingen angelegt wurde.

Heute, gut 16 Jahre später, sitzt Scharf in seinem Arbeitszimmer, auf seinem Tisch liegen Dokumente fertig zum Unterschreiben, neben einer exakt angeordneten Armada von Kugelschreibern, und ganz vorn steht eine Miniaturfahne Kasachstans. Hinter Scharf prangt das kasachstanische Staatswappen, rechts neben ihm an der Wand ein vom Boden bis zur Decke reichendes Na-sarbajew-Porträt. „Viele haben sich geirrt“, sagt Scharf jetzt über die Zeit, als er sich für das Denkmal einsetzte und ihm deshalb noch kurz vor dem Zerfall des Sowjetimperiums Repressionen drohten. „Doch man darf nicht alles in Gut und Böse teilen.“ Nein, es gehe um die gemeinsame Tat und die Zukunft, darum, dass man die Zukunft ohne Trennungen bauen und schaffen müsse.

Ortswechsel. Karaganda, drei Stunden mit der Elektrischen Eisenbahn von Astana entfernt. Eine Stadt, deren Einwohner zum größten Teil aus Nachkommen von Karlag-Inhaftierten besteht – jener alptraumhaft gigantischen Lagermaschine, die in der Stalinzeit Tausende Menschen verschluckte. Noch heute bestehen alte Lagerstrukturen fort. Im ehemaligen Vorsteherhaus wohnt eine Nachkommin des Aufsehers, und in ganz Dolinka, so der Name des Vorortes, leben ehemalige Lagerhäftlinge und Aufseher sowie deren Nachkommen wie selbstverständlich nebeneinander her.

Das Gefängnis von Dolinka – kein ausbruchsicherer Hochsicherheitstrakt, eher eine marode Holzhütte – ist noch immer in Betrieb, genau wie das riesige Karlag-Archiv, zu dem derzeit allerdings nur begrenzt Zugang besteht. Nach einer kurzen Zeit der Öffnung Ende der 90er Jahre werden die Dokumente wieder unter Verschluss gehalten. Warum, kann niemand in Dolinka zurzeit so recht sagen. Vermutungen gibt es viele. Eine davon lautet, dass es sich die kasachische Regierung nicht verderben wolle mit Moskau. Die russische Regierung hält aus der Sowjetzeit stammende Archive wieder eisern unter Verschluss.

Dennoch bemüht sich Kasachstans Regierung sehr um das Gedenken an die stalinistischen Repressionen – wenn auch aus ganz eigenen Motiven. Drei Tage lang dauerte etwa die als „Promotionstour“ deklarierte Fahrt in drei Otan-Jeeps von Karaganda über Malinowka nach Astana. Die aus Otan-Politikern, ehemaligen Lagerhäftlingen und Minderheitenvertretern bestehende Delegation besuchte die jeweiligen Lagerorte und hielt unterwegs die eine oder andere Konferenz ab.

So auch in Karaganda in der russlanddeutschen Begegnungsstätte. Eine Fahne mit dem Logo der Regierungspartei schmückte den Konferenzraum, und ein Otan-Vorsitzender unterstrich gleich zu Beginn Nasarbajews Beitrag zum Gedenken an die Opfer der Repressionen. Dann stellte die Kunsthistorikern Jewgenija Gawrilowa ihre langangelegte, vergessenen Künstlern des Karlags gewidmete Studie „Memorial Karagandas“ vor – wobei sie am Ende für alle gut verständlich die darin stehende Widmung an den Präsidenten vorlesen ließ. Schließlich erhielten Trudarmisten Otan-T-Shirts und Otan-Mützen, die Fahne wurde wieder im Delegationsjeep verstaut, und der Tross setzte sich erneut in Bewegung.

Die Rede des Präsidenten Narsarbajew am 31. Mai anlässlich des Gedenktages der Opfer politischer Repressionen bildete den Abschluss der Reise. Einige Bewohner Malinowkas werden die Rede im Fernsehen abends im staatlichen Kanal „Khabar TV“ verfolgt haben. Andere werden im Abendlicht am Zentralen Platz vorbeigeschlendert sein – mit Blick auf die Steppe, in Gedanken an den nächsten Tag.

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