Glitzender Partyumzug: Tausende Homosexuelle gingen am 25. Juni in Berlin auf die Straße und demonstrierten gegen Diskriminierung. Das Motto des 27. Christopher Street Days lautete: „Unser Europa gestalten wir“.

Eine Kolonne bunt und schrill geschmückter Wagen zieht die Hauptstraße hinunter bis zu einem der zentralen Plätze der Hauptstadt. Darauf und darum tanzen Männer in paillettenbestickten Kostümen, Transvestiten in glitzernden Kleidern schreiten majestätisch den Boulevard herunter, während braungebrannte Adonise in knappen Badehöschen dem staunenden Publikum den Kopf verdrehen. Auch die politischen Parteien sind da, jede mit ihrem eigenen Wagen und der Forderung, Homosexuellen die gleichen Rechte zuzugestehen wie Heterosexuellen. Am Ende der Parade hält der regierende Bürgermeister, selbst offen schwul, eine flammende Rede gegen Diskriminierung.

Unvorstellbar, dass sich eine solche Szene in einem zentralasiatischen Land abspielen könnte. Und selbst in den neuen EU-Mitgliedsstaaten tun sich die Menschen mit dem Thema Homosexualität noch schwer. So versuchte der Bürgermeister von Warschau, Lech Kaczynski, auch in diesem Jahr die Christopher Street Day (CSD) Parade in der polnischen Hauptstadt zu verhindern. Als die Parade dann doch stattfand, bewarfen die Zuschauer die Teilnehmer mit Steinen.

Steine auf einer CSD-Parade? In Deutschland ist so etwas heute undenkbar. Jede größere Stadt hat inzwischen ihren eigenen Homo-Umzug. Für die Politik gehört es zum guten Ton, mit einem Grußwort vertreten zu sein, wenn sie nicht selbst zu den Demonstranten gehört wie in Hamburg und Berlin. Selbst in Provinzzentren wie Mannheim ist der CSD ein fester Bestandteil des sommerlichen Partykalenders, zu dem nicht nur Schwule und Lesben in die Städte strömen, sondern auch eine wachsende Zahl von Heteros. Denn als anstößig oder unmoralisch gilt Homosexualität nur noch bei einer kleinen Minderheit der Deutschen.

Das war nicht immer so. Wie in allen Ländern mit einer christlich-abendländisch geprägten Kultur so galt auch in Deutschland Homosexualität seit dem Mittelalter als „widernatürlich“ und Homosexuelle als Sünder. Erst im späten 19. Jahrhundert begann sich diese Einstellung langsam zu ändern. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Berlin zur schwulen Weltmetropole. Die goldenen Zwanziger waren auch eine Zeit, in der die schwule Subkultur blühte und die noch junge Sexualforschung sich offen mit dem Thema auseinandersetzte. Die Nationalsozialisten setzten dieser liberalen Ära ein plötzliches Ende. Die Homosexualität stellten die Nazis unter schwere Strafen. Tausende Schwule wanderten in Konzentrationslager. Viele von ihnen wurden ermordet.

Nach dem Krieg brachen die Bundesrepublik und die DDR zwar mit dem Dritten Reich, die brutale Unterdrückung homosexueller Lebensweisen lebte aber vor allem in der BRD fort. Sexuelle Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern standen weiterhin unter Strafe, ein Umstand, dem erst die sexuelle Revolution der 60er ein Ende bereitete. Doch auch wenn die Strafbarkeit homosexuellen Sexes damit aufgehoben war, so bedeutete Schwul- oder Lesbischsein doch immer noch einen Makel, der für die Betroffenen häufig Diskriminierung und Isolation bedeutete.

Erst das alles beherrschende Thema der 80er – AIDS – holte die Homosexualität aus der Schmuddelecke und bereitete den Weg für wachsende Akzeptanz und schließlich Toleranz in den 90er Jahren. Die mediale Öffentlichkeit diskutierte gleichgeschlechtliche Liebe, und Filme wie „Der bewegte Mann“ und „Echte Kerle“ wurden mit ihren schwulen Hauptfiguren zu Publikumshits.

Kein Wunder, dass auch die Politik irgendwann nachzog. Nach dem Regierungswechsel 1998 schuf die rot-grüne Bundesregierung mit der eingetragenen Partnerschaft zum ersten Mal die Möglichkeit, dass Schwule und Lesben ihrer Liebe auch eine staatlich anerkannte Form geben konnten. Denn die Homo-Ehe stellt homosexuelle Partnerschaften heterosexuellen weitgehend gleich.

Männer, die sich ohne Angst mit ihrem Freund in der Straße zeigen können. Frauen, die ihre Freundin heiraten. Alles eitel Freude Sonnenschein in Sonnenschein? Nicht ganz. So weist der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland darauf hin, dass noch immer in weiten Teilen Nachholbedarf für Deutschland besteht. Noch sind homosexuelle Paare heterosexuellen Paaren im Steuerrecht nicht gleichgestellt. Noch dürfen gleichgeschlechtliche Paare zusammen keine Kinder adoptieren. Und trotz Quotenschwuler in Fernsehserien und lesbischer Stars wie Hella von Sinnen bricht für viele Jugendliche immer noch eine Welt zusammen, wenn sie entdecken, dass sie homosexuell sind. So stellte der Berliner Senat in einer Untersuchung fest, dass 18 Prozent aller jugendlichen Schwulen und Lesben bereits versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Auch am Arbeitsplatz – besonders in Bundeswehr und Polizei – ist Diskriminierung trotz „Diversity Management“ immer noch ein Problem, das nicht selten tragischen Ausgang nimmt. Schönheitswahn, Angst vor Einsamkeit im Alter und ein laxer Umgang mit AIDS lassen die erreichten Erfolge mitunter schal aussehen.

Dennoch, das Klima hat sich geändert: Die Mehrzahl der Deutschen steht Schwulen und Lesben heute positiv gegenüber – und scheut sich auch nicht, schwule Ministerpräsidenten zu wählen. So sind sowohl der Hamburger Oberbürgermeister Ole von Beust als auch der Regierende Bürgermeister der deutschen Hauptstadt Berlin Klaus Wowereit offen schwul. Das Selbstbewusstsein der Homosexuellen in Deutschland fasste Wowereit am vergangenen Wochenende auf seiner Ansprache zum CSD zusammen: „Wir sind eine wichtige gesellschaftliche Gruppe und wir werden uns unser Recht auf Gleichberechtigung nicht nehmen lassen.“

Geschichte des CSD

Der CSD erinnert an das erste bekannt gewordene Aufbegehren der Queer Community gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street im Szeneviertel Greenwich Village am 27. Juni 1969 in der Szene-Bar Stonewall Inn, die Stonewall Rebellion. Zu dieser Zeit gab es immer wieder gewalttätige Razzien in polizeibekannten Szenekneipen. Der 27. Juni markiert dabei den Tag, an dem erstmals ein Aufbegehren gegen Willkür und Gewalt stattfand. Es kam in der Folge zu tagelangen Straßenschlachten zwischen den Opfern der Polizeirepression und den Ordnungskräften. Seit 1970 wird in New York am letzten Samstag des Juni, dem Christopherstreet Liberation Day, mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis erinnert. In Deutschland fanden 1979 die ersten CSDs unter dieser Bezeichnung in Bremen und Berlin statt. Größere Schwulen- und Lesbendemonstrationen gibt es in Deutschland allerdings schon seit 1972 (die erste in der Bundesrepublik Deutschland am 29.4. in Münster). (Wikipedia)

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