Eine Rezension von Max Schatz

„Flügelschlag der Zeit“ heißt der aktuelle Gedichtband der zweisprachig schreibenden russlanddeutschen Autorin Agnes Gossen. Nach zuletzt „Zwei Schwingen“ mit Gedichten in Deutsch und Russisch und „Zeittropfen“, einer Sammlung von Haikus, widmet sie sich darin wieder ganz der deutschsprachigen und formal ungebundenen Dichtung.

Zwei Jahrzehnte Dichtkunst und Veröffentlichung etlicher Lyrikbände zeugen von einer Konstanz, und definitiv hat die Dichterin einen eigenen, unverwechselbaren Stil, der sich wie ein roter Faden durch ihre Werke zieht. Wobei dieses Rot nie zu grell leuchtet, um jeden Preis auffallen will. Und das ist bereits die größte Stärke ihrer Poesie: die Unaufdringlichkeit, Leichtigkeit, eine gewisse bescheidene Zurückhaltung dem Leser zuliebe.

Agnes Gossen: Seele statt Schnörkel

Agnes Gossen schafft – und auch das mit einer Leichtigkeit – den nicht einfachen Spagat zwischen Persönlichem, das in vielen ihrer Gedichte mal zwischen den Zeilen, mal offenkundiger zutage tritt, und der absoluten Leserfreundlichkeit. Jedes ihrer Gedichte hat eine allgemein verständliche und zugängliche Sprache. In Zeiten, in denen es vielen verlockend erscheint, das eigene Innenleben literarisch nach außen zu stülpen – oft ohne Rücksicht darauf, wie viel man als Rezipient verarbeiten kann und will – stellt diese selbstlose Berücksichtigung des Lesers einen kostbaren Fund dar.

In Zeiten, wo die Poeten sich gegenseitig mit allerlei Schnörkeleien und ausgeklügelten Wortneuschöpfungen zu überflügeln versuchen, sodass schon eine gewisse Übersättigung von neuen Ideen entsteht, will man sich auch mal durch einen Text fühlen, statt den Sinn entschlüsseln zu müssen. So steht die Seele, weniger das Denken bei Agnes Gossen im Mittelpunkt.

Und ihre Dichtung ist wahrhaftig Balsam und Baumelbank für die Seele im schwierigen Alltag mit seinem häufigen Verdruss und immer schlechten Timing. Apropos Timing. Sind nicht gerade in den zeitlichen Unpässlichkeiten viele kleine und globalere Probleme begründet? In „Flügelschlag der Zeit“ versucht die Dichterin, das große Rätsel „Zeit“ philosophisch zu ergründen. Und wohl in keinem ihrer anderen Bände beklagt sie so das beschleunigte Leben und die damit verbundene menschliche Kälte der Moderne. In den Worten und Sprachbildern merkt man den brennenden Wunsch, die Zeit, diesen fliegenden, fliehenden Vogel, irgendwie festzuhalten. Die Stille zu entdecken, zu entschleunigen, stehen zu bleiben und ebenso zurückkehren zu können.

Werk bedeutet Weiterentwicklung im Schaffen von Agnes Gossen

Dabei ist ihr dies bereits gelungen – durch das Schaffen der Gedichte, Nachsinnen und Schreiben. Formal, so scheint es, findet man in diesem Lyrikband mehr gereimte Gedichte als zuvor, wobei die Streuung von Reim und freiem Vers sehr ausgewogen, gut komponiert ist. Manche Holprigkeiten im Rhythmus, wie der dritte Vers im Vierzeiler „Mildes Licht auf grauen Haaren, / junges Lächeln, ganz verschmitzt, / und das Lied vom treuen Husaren / tönt doch etwas zugespitzt“, leicht vermeidbare unreine Reime („Weisheit / 3 leise“) oder Inversionen („nur dich vermisse hier ich“) sind schade, doch sicher verzeihlich, weil diese Art von Poesie nicht durch die Suche nach Genauigkeit punkten will – weil sie sich überhaupt nicht zum Ziel setzt, in irgendeiner Weise zu punkten. Stattdessen will sie für den Leser Bilder der Hoffnung vor dem Hintergrund einer letztendlich liebe- und verständnisvollen Schöpfung zeichnen.

Gute Lyrik kommt nicht ohne treffende Metaphern oder einfach eindrucksvolle Momente aus, und diese gibt es hier, wohldosiert und an den richtigen Stellen. Zum Beispiel: „Der Wind spielt Harfe auf froststarren Zweigen“, „Wenn du nur nachtrauerst dem vergangenen Leben, sitzt du in einem Boot, rückwärts zu den kommenden Klippen“, „So viele kleine Gesten… gemeinsame Sorgen, gemeinsames Lachen entpuppten sich später als Schmetterlinge des Glücks“…

Alles in allem ein Buch, das man ausdrücklich empfehlen kann, das hohe Niveau der vorherigen Werke der Autorin hält und auch einen Punkt der Weiterentwicklung in ihrem Schaffen markiert.

Agnes Gossen, „Flügelschlag der Zeit“, BMV Verlag Robert Burau 2018, 112 Seiten, ISBN 978-3-947542031

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