Am 1. Januar 1966 erschien die erste Ausgabe der Zeitung Freundschaft, einer Publikation, die dazu bestimmt war, nicht nur ein einfaches Druckorgan zu werden, sondern ein wahrhaftiger geistiger Halt für viele Generationen der Deutschen in Kasachstan. Zum 60. Jubiläum der Zeitung, die heute den Namen Deutsche Allgemeine Zeitung trägt, blicken wir dankbar und stolz auf den zurückgelegten Weg zurück und erkennen die Verantwortung an, jene Traditionen fortzuführen, die hier vor sechzig Jahren begründet wurden.

Die Geschichte unserer Zeitung begann in einer Zeit, in der der Erhalt der Muttersprache, der Kultur und des nationalen Gedächtnisses nicht nur Professionalität, sondern auch Mut erforderte. Die Entscheidung zur Gründung einer deutschen Tageszeitung wurde im Oktober 1965 durch das Büro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans getroffen.

Formal war sie eine Parteizeitung, in Wirklichkeit jedoch die lang ersehnte Stimme des Volkes, für das es lebenswichtig war, Worte in der eigenen Sprache zu lesen und zu hören. Die Abonnentenzahl stieg schnell auf 25.000 Exemplare und wurde zum anschaulichen Beweis dafür, dass weder Deportationen, noch Repressionen, noch der Verlust nationaler Schulen den kulturellen Code und das Sprachgedächtnis der sowjetdeutschen Bevölkerung zerstören konnten.

Der erste Chefredakteur, Alexej Borisowitsch Schmeljow (Debolskij), leistete eine wahrhaft titanische Arbeit, indem er in Zelinograd ein einzigartiges Team zusammenstellte. Mehr als vierzig Journalisten, Redakteure, Linguisten und Übersetzer aus der gesamten Sowjetunion, darunter auch Veteranen, die bereits die Arbeitsarmee durchlaufen hatten, sowie junge Hochschulabsolventen, vereinten sich mit einem Ziel, eine Zeitung zu schaffen, die ihrem Leser würdig war.

Einen besonderen Platz in diesem Team nahmen die Linguistinnen ein – die sogenannten „Karyatiden“, auf deren Schultern nicht nur die redaktionelle Arbeit lag, sondern auch die Mission, die deutsche Sprache, Kultur, Folklore und literarische Tradition zu bewahren.

Für mich als Chefredakteurin der Deutschen Allgemeinen Zeitung ist es eine besondere Ehre und Freude zu wissen, dass mir das Schicksal erlaubte, neben denen zu arbeiten, die am Ursprung der Zeitung standen und ihren moralischen und professionellen Kern formten.
Das ist vor allem Ivan Sartison – ein Redaktionsveteran, dessen Erinnerungen und Texte zu einer lebendigen Chronik der Zeitung geworden sind. Ebenso Eugen Hildebrand, den ich als eine wahrlich „epochale-Person“ beschreiben möchte, der 1966 zu Freundschaft kam und der unserer Zeitung bis zu seinen letzten Lebenstagen treu diente.

Seine Anspruchshaltung an das Wort, seine Unnachgiebigkeit gegenüber sprachlicher Nachlässigkeit, sein tiefes Wissen über die Geschichte der russlanddeutschen Bevölkerung und seine hingebungsvolle Liebe zur deutschen Sprache bleiben für uns Maßstab beruflicher Integrität. Seine Worte über den ersten Chefredakteur „Er war ein Kulturmensch!“ lassen sich gleichermaßen auf Eugen Hildebrand selbst anwenden.

Einen besonderen Platz in der Geschichte der Zeitung nimmt auch Herold Belger ein, der unser ständiger Autor war, ein herausragender Schriftsteller und Denker, dessen Worte stets durch Tiefe, moralische Genauigkeit und echte Verantwortung gegenüber den Lesern geprägt waren. Seine Texte formten den intellektuellen Raum der Zeitung und halfen, das komplexe Schicksal des Volkes im breiten historischen und kulturellen Kontext zu verstehen.

In verschiedenen Jahren arbeiteten in der Redaktion der „Freundschaft“ und der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ herausragende Persönlichkeiten – Übersetzer, Publizisten, Schriftsteller und gesellschaftliche Akteure. Ihre Namen sind für immer in die Geschichte dieser Publikation eingetragen. Das heutige Team der DAZ betrachtet dieses Erbe nicht als Archivrelikt, sondern als lebendige Verpflichtung: die deutsche Muttersprache zu bewahren, die nationale Identität zu stärken und ehrlich gegenüber Leserinnen und Lesern sowie der Zeit zu sein.

Sechzig Jahre sind nicht nur ein Datum. Es ist ein Weg, den wir gemeinsam mit dem Volk gegangen sind – mit seinen Schmerzen und Hoffnungen, Verlusten und Wiedergeburten. Indem wir das Werk unserer Lehrer und Mentoren fortsetzen, verstehen wir klar: Solange das Wort lebt, solange es Verantwortung für Sprache und Gedächtnis gibt, hat die Zeitung eine Zukunft.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum, Deutsche Allgemeine Zeitung.

Ihre Olesja Klimenko.

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