Wir haben Angst vor den russischen Jugendlichen. Und die russischen Jugendlichen haben Angst vor uns. Oft stehen sie in großen Gruppen auf der Straße. Und wissen nicht, wohin mit sich. Und wir wissen auch nicht, wohin mit ihnen. Und weil wir eigentlich nichts übereinander wissen, macht das eben Angst.

Dabei wollen wir alle nur das eine: Dass wir froh und glücklich sind und Perspektiven haben. Wir haben immerhin Perspektiven und wissen, wo es lang geht. Doch keiner traut sich, auf die Gruppen der russischen Jugendlichen zuzugehen. Was in gewisser Weise auch verständlich ist. Gruppen wirken immer bedrohlich. Die Jungs haben kurze Haare und harte Gesichtszüge. Sie wirken abweisend. Und sie sind laut. Normal laut, wie man eben in Russland ungehemmter kommuniziert. Und wie es unter Jugendlichen eben lauter zugeht. Hinzu kommt der Einfluss der Medien, die von kriminellen Taten berichten. Die gibt es zwar. Aber mehr noch gibt es sehr viele Jugendliche, die friedlich und unauffällig ihr Leben führen. Doch die sieht man leider nicht so offensichtlich, weil sie nicht in Gruppen an Supermärkten und auf Plätzen stehen.
Russische Jugendliche haben es schwerer als andere Zuwanderer. Sie kommen oft in einem Alter, in dem es schwieriger ist, sich in einem neuen Land zu integrieren. Mit 14, 16 oder 18 hat man schon eine feste Clique zu Hause in Russland oder Kasachstan und man findet nicht so ohne weiteres neue Freunde und lebt sich in ein komplett neues Umfeld ein. In der Pubertät behauptet man sich in der Gesellschaft und findet seinen Platz auch fern von der Familie. Aber wie sich behaupten, wenn man die Spielregeln der neuen Heimat gar nicht kennt und sich auch sonst kaum auskennt?
Dabei sind sich viele Politiker in Deutschland einig: Hier müssen Initiativen zur Integration und Förderung gestartet werden. Und solche Initiativen könnten sehr erfolgreich verlaufen. Denn russische Jugendliche wollen arbeiten. Sie blühen auf, wenn sie so richtig anpacken dürfen und zeigen können, was sie drauf haben. Doch leider gibt es noch zu wenig Projekte, die auf die Integration russischer Jugendlicher abzielen. Und die Probleme wachsen schneller als es Lösungen gibt. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, den es nicht zu verlieren gilt, will man nicht eine ganze Generation von Neu-Bundesbürgern verlieren.

18/08/06