Es gab Zeiten, in denen man innerhalb von zwei Stunden von Almaty nach Moskau fliegen konnte. Ehemals schier endlose Distanzen schrumpften sprichwörtlich wie im Fluge. Trotzdem konnten sich kommerzielle Überschallflüge am Ende nicht durchsetzen. An das Experiment erinnert heute noch der ehemalige Luftbahnhof im Zentrum von Almaty.

Am 1. November 1977 begann eine neue Ära der zivilen Luftfahrt. Die Tupolev TU-144, das erste kommerzielle Überschallflugzeug der Welt, hob zu seinem ersten Passagierflug von Moskau nach Alma-Ata ab. Reisen zwischen Alma-Ata und der Hauptstadt der Sowjetunion waren noch nie zuvor so schnell und komfortabel gewesen. Und das sollten sie auch bis heute nie wieder werden. Als im Jahr 1936 die erste reguläre Fluglinie zwischen Alma-Ata und Moskau startete, betrug die Reisezeit noch rund zwei Tage mit Zwischenstopps in Karaganda, Kostanai und Kasan.

Mitte der 1960er Jahre waren Flugtickets billig, die sowjetische Aeroflot bediente das größte Streckennetz der Welt. Flugreisen waren für Sowjetbürger erstmals kein Luxus mehr. Alma-Ata und die Kasachische Sowjetrepublik erlebten eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs unter dem Ersten Sekretär des ZK der KP Kasachstans Dinmuchamed Kunajew.

Schon in der Innenstadt einchecken

Auf den Pisten des Shymbulak-Skiresorts wurden internationale Wettkämpfe ausgetragen, im Eisstadion Medeo Weltrekorde aufgestellt und gebrochen. In der Stadt fanden Konferenzen wie der Kongress der Schriftsteller Asiens und Afrikas im Jahr 1973 statt. Mit Einführung des Linienverkehrs der TU-144 stand ab dem Winter 1977 auch ein adäquates Verkehrsmittel zur Verfügung, mit welchem die Strecke Moskau – Alma-Ata in knapp zwei Stunden zu bewältigen war. Die Stadt gewann sowohl wirtschaftlich als auch politisch enorm an Bedeutung, unzählige sportliche und politische Großveranstaltungen mit hunderttausenden Teilnehmern und Zuschauern folgten.

Es lag der Rausch der Geschwindigkeit in der Luft, ehemals schier endlose Distanzen schrumpften im wahrsten Sinne des Wortes im Fluge. Man stellte sich dieser Tage zurecht die Frage, warum man so viel Zeit auf dem Weg aus der Stadt zum Flughafen verschwenden solle, wenn die Weiterreise so rasend schnell gehen würde. Die Idee war, bereits in der Innenstadt einzuchecken, das Gepäck aufzugeben und von dort mit Bussen aus dem Stadtzentrum bis direkt ans Flugzeug auf dem Rollfeld gebracht zu werden. Der Gedanke war nicht ganz neu, Prototypen solcher „Luftbahnhöfe“ gab es in den 1920er Jahren bereits in den Innenstädten von Paris und Berlin, der erste „Aerovoksal“ der Sowjetunion entstand im Jahr 1965 in Moskau. Doch das Konzept passte nach Meinung der Entscheidungsträger perfekt zum Zeitgeist des Überschallfluges.

Die Tu-144: Ein Wunderwerk der Technik

Die Architekten I. Scheweljowa und A. Leppik ließen sich bei ihrem Projekt nicht nur von der modernen Sachlichkeit des neuen Flughafens Alma-Ata, welcher im Jahr 1975 eröffnet wurde, inspirieren. Auch das Design Tupolews für den Überschallflieger TU-144 hatte Einfluss auf die Architektur des Gebäudes. Ein Wunderwerk der Technik, wie ein Pfeil scharf überzeichnet, die Suggestion bequemen Reisens in kürzester Zeit zu jedem Ort der Welt. Das zweistöckige Gebäude des Aerovoksal bestach durch Offenheit und Leichtigkeit, eine modern geschwungene Freitreppe im Innern dominierte den großzügigen Warte- und Abfertigungssaal. Schlanke Metallkonstruktionen, die stilisierte kasachische Ornamente darstellten, schützten die großen Fenster vor der Sonne und gaben der Außenfassade ihr charakteristisches Aussehen. Der Aerovoksal ging im Jahr 1978 in Betrieb.

Zu dieser Zeit war das Schicksal des sowjetischen Überschallflugzeugs TU-144 allerdings bereits besiegelt. Die einzige Linienverbindung Moskau – Alma-Ata wurde bereits am 1. März 1978 wieder eingestellt, nach lediglich 55 Passagierflügen. Der Traum des zivilen Überschallflugzeugs war in der Sowjetunion gescheitert. Das britisch-französische Konkurrenzmodell Concorde ist inzwischen ebenfalls, nach immerhin 27 Dienstjahren, im Jahr 2003 endgültig stillgelegt worden. Auch hier waren nicht nur schwere technische Probleme und schwere Flugzeugabstürze, sondern insbesondere die fehlende Wirtschaftlichkeit der Grund für den Rückzug aus dem zivilen Überschallflug. Vom Rausch der Reisegeschwindigkeit ist nichts geblieben.

Von der Liste der Architekturdenkmäler gestrichen

Flugzeuge benötigen inzwischen wieder vier bis fünf Stunden von Almaty bis nach Moskau. Mehr als die reine Geschwindigkeit spielt heute der Treibstoffverbrauch einer Maschine für die Airline eine zentrale wirtschaftliche Rolle. Der Luftbahnhof im Zentrum von Almaty war in seinem ursprünglichen Konzept immerhin noch bis ins Jahr 2000 in Betrieb. Auch die Idee einer effizienten, zeitsparenden und komfortablen Flugabfertigung bereits im Stadtzentrum hat sich wohl unter den Bedingungen der modernen Zivilluftfahrt nicht durchgesetzt.

Nun ist jeder Passagier wieder selbst für den Weg zum Flughafen verantwortlich. Das Gebäude des Aerovoksal wurde im Jahr 2015 von der Liste der lokalen Architekturdenkmäler gestrichen. Im Innern hat sich seitdem ein Basar für Mobiltelefone und billigste chinesische Unterhaltungselektronik etabliert. Obwohl es Initiativen für eine Rettung der Architektur und eine Umwandlung in ein Kulturzentrum gibt, die Zukunft dieses Gebäudes scheint völlig ungewiss.

Philipp Dippl