Die Schwestern Gulnara und Gulmira Gabassowa haben sich dem zeitgenössischen Tanz verschrieben. Doch der Stil, der in Europa gang und gäbe ist, muss sich auf den Bühnen Zentralasiens neben dem klassischen Ballett erst noch etablieren.

Als Gulnara und Gulmira Gabassowa vor sechs Jahren begannen, sich professionell mit zeitgenössischem Tanz zu beschäftigen, war das in Kasachstan noch Neuland. Während in Europa experimentelle Inszenierungen fast als etabliert gelten können, dominiert in den ehemaligen Sowjetrepubliken traditionell das Ballett. Auch die beiden Schwestern haben eigentlich eine klassische Choreografie-Ausbildung durchlaufen. Der moderne Tanz aber, so berichtet Gulmira, übt seit jeher eine größere Faszination auf sie aus. „Hier hat man eine viel größere Gestaltungsmöglichkeit als im Ballett und kann Experimente umsetzen, viel mehr mit Bewegungen spielen.”

Die Choreographie der jüngst im Deutschen Theater Almaty aufgeführten Stücke „Hunde weiblichen Geschlechts” und „Hunde männlichen Geschlechts” wurde von ihnen ausgearbeitet. Sie zeigen, wie Männer und Frauen wirklich sind, mit all ihren Schwächen, Sorgen und Leidenschaften.

„Wir haben uns entschlossen, die Schauspieler in die Rollen von Hunden schlüpfen zu lassen, um einen Abstand zwischen Publikum und Sujet aufzubauen”, betont Gulmira. Die jeweils sechs Männer und Frauen stellten gängige Typen ihres Geschlechts dar. Angefangen bei der strengen Bibliothekarin, über die kühle Diva bis hin zum sexy Vamp. In einer gelungenen Symbiose aus zeitgenössischem Tanz und Ballett präsentieren die Darstellerinnen ein Feuerwerk von Vorurteilen der Männerwelt gegenüber dem schwachen Geschlecht. Kindliche Naivität, Zickigkeit und weibliche Konkurrenz neben Sensibilität und tiefer Schwermütigkeit. In ähnlicher Manier verkörperten die Tänzer typisch männliche Eigenschaften und Vorlieben. Bei Wodka sitzen Soldat, wilder Punker, geschniegelter Geschäftsmann und Gigolo zusammen, trinken, bellen den Frauen hinterher und prügeln sich.

Ohne Sprache wird so ein Gesamtbild von bemerkenswerter Dichte und Aussagekraft geschaffen. Trotz der Distanz, die Publikum und Tanzende trennt, werden beim Zuschauer Assoziationen zum Selbst geweckt: Es bleibt nicht aus, dass man sich hier und da wieder erkennt und sich mit den Akteuren und ihren Handlungen zu identifizieren beginnt. Das Stück wirkt wie ein leicht verzerrender Spiegel, den man dem Einzelnen vorsetzt. Untermalt von Klassikern der Weltmusik wie Emir Kusturica, den Chemical Brothers und Max Raabe wird so ein Milieu geschaffen, in dem jeder Beobachter und Mitspieler zugleich ist. Beide Aufführungen endeten in einem begeisterten Applaus des Publikums.

Für die gestalterische Umsetzung dieses Stücks benötigten die Schwestern ungefähr zwei Monate. Hierbei halfen ihnen sowohl die Professionalität des Ensembles des Staatlichen Akademischen Tanztheaters, als auch die eigene internationale Bühnenerfahrung. Mit ihren Inszenierungen traten sie in Zentralasien und Europa auf. Seit 2000 nehmen sie regelmäßig an Tanzfestivals unter anderem in Frankreich, Österreich und der Türkei teil. Auch in Deutschland konnten die Schwestern bereits Projekte verwirklichen. Diese Erfahrung ermöglicht ihnen, sich auch selbst weiter zu entwickeln und neue Spielräume für das eigene Schaffen zu erschließen.

Doch es gibt auch Schwierigkeiten. „Es ist nicht leicht, im kulturellen Leben von Almaty seine Nische zu finden”, unterstreicht Gulmira. Der Truppe fehlt vor allem eine feste Bühne. Gastauftritte an verschiedenen Theatern sind die Folge. Doch weit darüber hinaus besteht in Almaty, trotz positiver Resonanz des Publikums, nach wie vor eine geringe Sensibilität für das künstlerische Medium Tanz. „Wir sind hier an der Peripherie”, so Gulmira. „Umso schwieriger fällt es, die Öffentlichkeit für zeitgenössische Tanzveranstaltungen zu begeistern.“ Manchmal weht auch in der florierenden Metropole Kasachstans noch der Wind der alten Zeit.
Doch Gulmira blickt mit Zuversicht nach vorn. „Unsere Hoffnung liegt auf einer eigenen Bühne”, hebt sie hervor. Wenn sie mit ihren Inszenierungen präsenter seien und regelmäßig auf Veranstaltungstafeln auftauchen würden, fände sich auch ein größeres Publikum für modernen Tanz in Almaty und Kasachstan.

02/12/05