Medien und Politiker in der Bundesrepublik empören sich über den islamfeindlichen Kommentar von Vize-Chef der „Bild“-Zeitung. Steckt dahinter eine bewusst kalkulierte Provokation oder handelt es sich um eine ernstzunehmende Konfrontation von islamfeindlichen, antisemitischen und rassistischen Debatten?

Der Deutsche Pressekodex ist eindeutig: Jedem Journalisten verbietet er, gemäß Punkt 10 „religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen“. Außerdem darf nach Punkt 12, kein gewissenhaft arbeitender Journalist Andere aufgrund ihres Geschlechts, religiösen und ethischen Zugehörigkeit diskriminieren. Diese Regeln müssen aber nicht eingehalten werden. Es handelt sich um eine freiwillige Selbstverpflichtung, die 1973 vom Presserat als Sammlung ethnischer journalistischer Grundregeln beschlossen wurde.

Islamfeindlicher Kommentar

Dass sich nicht jeder Journalist an den Pressekodex halten muss, zeigt die Kontroverse um den Kommentar von Nicolaus Fest in der „Bild“– Zeitung. Der Vize-Chef des größten Boulevardblattes der Bundesrepublik, hatte mit einem kleinen aber radikalen, islamfeindlichen Kommentar für Furore gesorgt.

In der „Bild am Sonntag“ stellte Fest sich als „religionsfreundlichen Atheisten“ dar, der mit „Juden, Christen, Buddhisten kein Problem habe, wohl aber mit dem Islam. Sein Kommentar firmierte unter der Überschrift „Islam als Integrationshindernis“. Die Antwort auf diese, von ihm im Kommetar versteckte Frage, entpuppt sich als pure Hetze gegen den Islam und muslimische Zuwanderer.

Bewusst kalkulierte Aufreger?

In den Medien wird lebhaft über den Kommentar von Nicolaus Fest debattiert. | Bild: cc Joroen Bosmann flickr

Diese unmissverständlich rassistische Meinung aus der Spitze des größten meinungsbildenden Presseorgans Deutschlands löste somit einen Sturm von Protesten aus. So versuchte „Bild“-Chef Kai Dieckmann mit einem Gegenkommentar die Wogen zu glätten. Die Meinung des Chefs kommt den Grundsätzen des Pressekodex wieder näher: In seinem Haus gäbe es keinen Platz für herabwürdigende Äußerungen gegenüber Religion und ihren Anhängern. Auch die verantwortliche Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“, Marion Horn musste zu dem Kommentar Stellung nehmen und sich für den entstandenen Eindruck, dass die „Bild“ islamfeindlich sei, entschuldigen. Dies berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Tagesspiegel“.

Neue Medienkampagne

Die Chefetage der „Bild“ hatte fast zeitgleich zum Kommentar eine Kampagne gegen Antisemitismus gestartet. Damit reagierte das größte Boulevard-Blatt Deutschlands auf die Proteste gegen die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästinenser-Organisation Hamas im Gazastreifen. Unter anderem wurden Bundeskanzlein Angela Merkel und auch Bundespräsident unter der Überschrift „Nie wieder Judenhass!“ abgebildet. Es wird also bei der Bild zwischen Hetze gegen den Islam und gegen Juden getrennt. Der „Bild“-Leser bekommt den Eindruck, dass Antisemitismus kein Problem sei.

Naher Osten beeinflusst Stimmung

Genauso wenig sind die Muslimen in Deutschland antisemitisch gesinnt. Generell gäbe es in Deutschland keine antisemitische Stimmung unter den Muslimen. Dass jede Art von Menschenhass unter Muslimen inakzeptabel sei, bekräftigte Ali Kizilkaya, der Chef des Islamrats und Sprecher des Koordinierungsrates der Muslime, gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Es geht um Krieg und Besatzung in Palästina. In diesem Kontext gibt es Überreaktionen, die nicht akzeptabel sind, wenn sie antisemitisch werden“, so Kuzilkaya. Auch in Deutschland waren bei Demonstrationen gegen Israels militärisches Vorgehen in Gaza antisemitische Parolen zu hören.

Die Lage im Nahen Osten beeinflusst die Stimmung in Deutschland. Davon ist Thomas Kröter von der Frankfurter Rundschau überzeugt. Er warnt davor, die Kritik an der israelischen Regierung mit einer Kritik an deutschen Juden und grundsätzlichen Existenz Israels gleichzusetzen. Besonders im Internet hat sich laut seinem Bericht die antisemitische Stimmung verschärft.

Dies beweist eine neue Studie, die sich rein auf die sprachliche Erscheinung des Judenhasses im Internet konzentriert. In diesem Zusammenhang hat die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel von der TU Berlin festgestellt, dass die judenfeindlichen Äußerungen im Netz ein neues Ausmaß erreicht hätten. Ziel der Studie ist es, genau die Sprache zu untersuchen, die meist der Anfang antisemitischer Handlungen sei.

Zweifel an Aufrichtigkeit

Damit ist Nicolaus Fest mit seinem populistischen Kommentar nicht der einzige, der sich einer diskriminierenden Sprache bedient. Sein Kommentar war nicht antisemitisch, sondern islamfeindlich. Der Islam ist auch eine Religion. Da bleibt nur zu fragen, wie ernst die Leser das Engagement der „Bild“-Zeitung nehmen dürfen?

Vor dem Hintergrund der Debatte um den bennanten Kommentar veröffentlichte die Frankfurter Rundschau einen Bericht, über  wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland. Darin zitiert der Autor Ergebnisse einer Anfrage der Linkspartei im Bundestag bezüglich feindlicher Übergriffe auf Moscheen in Deutschland. Davon wurden im vergangenen Jahr 36 gemeldet. Im Jahr 2012 waren es 35. Insgesamt gab es zwischen 2001 und 2011 durchschnittlich 22 Übergriffe pro Jahr.

Von Dominik Vorhölter