Kasachstan ist siebenmal so groß wie Deutschland, aber seine gesamte Bevölkerung entspricht gerade einmal der in Nordrhein-Westfalen. In Deutschland gibt es rund 11.790 Gemeinden, davon 2.000 Städte. In Kasachstan hingegen gibt es nur 88 Städte, von denen lediglich drei eine Bevölkerung von mehr als 1 Milionen Einwohner haben, und 6.500 dörfliche Ortschaften. Unsere Autorin und unser Praktikant tauschen sich über ihre Erfahrungen mit dem Leben in der größten Stadt Kasachstans und in einem Dorf in Deutschland aus.

Aizere Malaisarova: Almaty ist mit rund 2 Millionen Einwohnern die größte Stadt Kasachstans. Ich wohne in der Zhibek-Zholy-Straße – in jenem Teil, der als „Arbat“ bekannt ist. Ich ging in die Schule, die von meinem Zuhause zwei Minuten zu Fuß entfernt war. Behandelt werde ich in einer Klinik in der nächsten Nachbarschaft, spazieren gehe ich auf dem Arbat oder im sogenannten „Goldenen Quadrat“ mit schönen Parks und einer Architektur aus der Stalin-Zeit. Meine Familie kauft bis heute in einem uralten sowjetischen Supermarkt namens „Universalny Magazin“ ein, der angesichts der Dominanz der Kette „Magnum“ inzwischen fast verlassen ist. Bis ich 18 Jahre alt wurde, war mein Lebensumfeld auf ein Viertel zwischen dem Grünen Basar, der KBTU und dem Park vor dem Theater der jungen Zuschauer (TUZ) beschränkt – ich hatte keinen Bedarf, in der Stadt herumzufahren. Erst an der Uni habe ich erfahren, dass meine Stadt so enorm groß ist.

Der Soziologe Richard Sennett definiert eine Stadt als „eine menschliche Siedlung, in der sich wahrscheinlich Fremde begegnen“. Fremde Menschen haben keine gemeinsame Vergangenheit und höchstwahrscheinlich keine gemeinsame Zukunft, aber sie treffen sich überall: im öffentlichen Transport, auf der Straße, im Supermarkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich fremde Menschen treffe, ist deutlich höher, als wenn ich meine Schul- oder Unifreunde treffe. Sogar meiner besten Freundin kann ich ohne Verabredung nicht begegnen, obwohl sie nicht weit weg von mir wohnt.

Privileg, in der größten Stadt des Landes geboren zu sein

Zu dieser Anonymität der Großstadt gehört auch das Phänomen der Wohnungsnummern. Als ich in Deutschland war, war ich überrascht, dass Nachnamen auf den Klingeln an jedem Haus stehen. Die Lücke für die Wohnungsnummer fehlt auch in allen Formularen, deswegen habe ich ein paar Mal wichtige Fehler mit der Post gemacht. Bei der kasachischen Post können Briefe und Päckchen ohne Wohnungsnummer verloren gehen, denn wie würden die Postboten ahnen, wo genau ich wohne? Hunderte Menschen wohnen in einem Haus!
Ich bin eine echte Almatinerin, für mich dreht sich ganz Kasachstan um diese Stadt, obwohl ich weiß, wie tief ich mich täusche.

Ich bin mir dessen bewusst, dass es ein Privileg ist, in der größten Stadt des Landes geboren zu sein. Almaty zieht Tausende Menschen an, die auf der Suche nach besseren Lebensaussichten sind. Aber wenn man keine Möglichkeit hat, in eine größere Stadt umzuziehen, hat man weniger Chancen, in einen sozialen Fahrstuhl einzusteigen. In Deutschland gibt es keine so großen Unterschiede in den Lebensstandards zwischen den Klein- und Großstädten, die innere Migration ist dank der entwickelten Infrastruktur sehr aktiv, und ich wünschte, es wäre in Kasachstan auch so.

Max Osterried: Frühmorgens werde ich von Vogelgesang geweckt, der aus dem Garten in mein Zimmer dringt. Ich schaue auf mein Smartphone. Samstag. Und bestes Grillwetter. Höchste Zeit, Vorbereitungen zu treffen! Schnell mache ich mich fertig für den Tag und werfe dabei einen Blick auf den Busfahrplan. Der nächste Bus in die Stadt fährt erst in zwei Stunden. Macht nichts! Mit dem Fahrrad bin ich genauso schnell dort. Ich greife mir meinen Rucksack und stürme aus der Haustüre. Für einen Moment genieße ich die frische Luft, die Sonne auf meinem Gesicht und das Glitzern des Taus im Gras. Dann geht es los. Einen Fahrradweg gibt es nicht. Wozu auch? So früh am Morgen sind ohnehin kaum Autos unterwegs.

In meinem Dorf leben etwa 3000 Einwohner auf einer Fläche von 5 Quadratkilometern. Zum Vergleich: In Almaty leben über viermal so viele Menschen auf derselben Fläche. So hat im Schwäbisch Gmünder Umland fast jede Familie ein eigenes Haus mit Garten. Appartementnummern gibt es dort nicht, stattdessen stehen Familiennamen auf den Klingelschildern. Man kennt seine Nachbarn und begegnet sich auch ständig.

Lindach bei Schwäbisch Gmünd

Die niedrige Einwohnerzahl hat natürlich auch ihre Nachteile. Abgesehen von der nötigsten Grundversorgung gibt es hier nichts. Um zu arbeiten, shoppen zu gehen oder um ein Kino zu besuchen, muss man entweder ins 10 Kilometer entfernte Schwäbisch Gmünd fahren oder eine Dreiviertel- bis ganze Stunde Fahrt in die nächste Großstadt, Stuttgart, auf sich nehmen. Auch für Bildung über Grundschulniveau muss man Lindach verlassen.

Beschauliches Landleben

Um fair zu sein: während man in Almaty vieles zügig und zu Fuß erreichen kann, kann der Weg zu den größeren Einkaufszentren besonders bei Stau Stunden in Anspruch nehmen. Ich muss zwar in eine andere Stadt fahren, die Distanz ist aber nicht unbedingt größer. Kaum 15 Minuten später stehe ich schon in Schwäbisch Gmünd. Im Einkaufszentrum finde ich auch zügig, wonach ich suche. Im Supermarkt gibt es Zutaten für Salate und Vegetarisches für meine Geschwister. Brötchen kaufe ich beim Bäcker und Würstchen und Fleisch beim Metzger ein paar hundert Meter weiter.

Wer so schnell einkauft, hat sich auch eine Pause verdient. Und so schlendere ich nach getaner Arbeit noch ein wenig durch die Fußgängerzone. Ich grüße ein paar Nachbarn und Bekannte und treffe auch alte Klassenkameraden. Wir essen gemeinsam ein Eis auf dem Marktplatz, erinnern uns an früher und tauschen Neuigkeiten aus. Dann wird es Zeit für mich, nach Hause zu fahren, schließlich kostet der Heimweg bergauf bedeutend mehr Zeit.
Gegen Mittag treffe ich wieder zuhause ein, und meine ganze Familie macht sich an die Vorbereitungen. Wir machen Salate, putzen den Grill und holen die Bierbänke aus dem Keller. Pünktlich um 17 Uhr stehen unsere Freunde vor der Tür, und wir grillen, lachen und feiern bis tief in die Nacht hinein.

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