Über Geschmack lässt sich nicht streiten, und das Zeitempfinden ist bekanntlich auch höchst individuell. Gegen die Zeit an sich ist man meist relativ machtlos. Mit den Maßstäben und dem Zeitgefühl aber kann man spielen. Und rechnen.

Besonders langsam vergeht die Zeit, wenn man eingeschränkt ist, zum Beispiel wenn man krank ist. Dann möchte man nichts lieber als möglichst schnell wieder fit sein. Wenn man flach liegt und kaum ein Buch halten kann, dröhnt einem das Ticktack, der erbarmungslosen Uhr schrill in den Ohren. Hundertmal, tausendmal Ticktack, und man liegt immer noch da und hängt in den Seilen. Dabei vergehen – objektiv betrachtet oder im Rückblick – „nur“ einige Tage oder Wochen oder Monate. In der geologischen Zeitrechnung eine Winzigkeit.

Um nicht an meiner Angeschlagenheit zu verzweifeln, versuche ich, durch objektive Betrachtungen mein subjektives Empfinden zu überwinden, vorzugsweise durch mathematische Umrechnungsfaktoren. Mein Heilpraktiker kommentierte zuletzt meinen Heilungsverlauf mit: Jetzt wird’s zäh! Wir brauchen also zunächst eine Zeitachse, um das „Jetzt“ abzutragen. Seit er mich behandelt, sind ca. zwölf Wochen verstrichen. Über Dreisatz gerechnet lautet die Rechenaufgabe: Wenn für mich zäh gleich zwölf Wochen sind, die für meinen Heilpraktiker nicht zäh sind, was heißt dann für meinen Heilpraktiker zäh? Legen wir für unser unterschiedlich empfundenes Zähigkeitsempfinden einen gefühlten Umrechnungsfaktor von drei zugrunde, weil ich dreimal schneller die Geduld verliere, hieße das zäh nach Heilpraktiker gleich dreimal zwölf Wochen, das sind 36 Wochen! Uff!

Dieses ernüchternde und wenig zufriedenstellende Ergebnis fordert weitere Expertenmeinungen. Wenn es um die Wurst geht, verderben viele Köche den Brei. Aber wenn es um wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn geht, sehen vier Augen mehr als zwei. So habe ich mich an meinen elfjährigen weisen Berater Marc gewandt. Sein Umrechnungsfaktor beziehungsweise Rechenergebnis lautet: „Nun, wenn man bedenkt, dass Wochen objektiv betrachtet nicht sonderlich viel sind, vermute ich mal, dass mit „zäh“ ein zahnspangenähnlicher Zeitraum bezeichnet wird.“ Wir rechnen also nun in Zahnspangenzeiträumen. Zahnspangenträgern kommen die durchschnittlich eineinhalb Jahre subjektiv sehr lange vor, für Kiefernorthopäden und Eltern ist es objektiv „nur“ eine gewisse Zeit.

Wenn also ein Zahnspangenzeitraum von eineinhalb Jahren gleich zäh ist, wären 36 Wochen auch ohne validierten Umrechnungsfaktor nicht zäh. Auf den ersten Blick. Doch der Vergleich hinkt. Denn man soll Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und so auch nicht die Pein, eine Zahnspange tragen zu müssen, mit der Schmach der Schmerzen. Jedenfalls nicht ohne Bestimmung des Umrechnungsfaktors, wofür wir zunächst den Zeitfaktor gleichsetzen müssen. Es fragt sich, ob eine Woche Zahnspange gleich eine Woche Schmerzen wären. Die Antwort lautet: Nein. Eine Woche Schmerzen sind zweimal so schlimm wie eine Woche Zahnspange. Das heißt, zwei Wochen Zahnspange gleich eine Woche Schmerzen. Dann entsprechen eineinhalb Jahre 78 Wochen Zahnspange, 39 Wochen Schmerzen und zäh. Was fast genau dem ersten Ergebnis entspricht. Bei allen Bemühungen – es lässt sich einfach nicht schön rechnen, und es bleiben im arithmetischen Mittel 37,5 Wochen Schmerzen, was mir subjektiv viel zu lang ist. Immerhin habe ich diesen viel zu langen Zeitraum durch meine mathematischen Betrachtungen um zwei Stunden verkürzt. Ganz objektiv.

Julia Siebert