In der Coronakrise ist an Reisen nach Zentralasien kaum zu denken. Gut, dass der polnische Autor Andrzej Stasiuk schon da war und in der „Beskiden-Chronik“ die mystischen Landschaften beschreibt.

„Weißrussland – dieses unbekannte, beunruhigende Land.“ Andrzej Stasiuks neuestes Werk könnte nicht aktueller beginnen. Wie viel wussten die meisten Westeuropäer über „das verriegelte Tor des Ostens“, wie es Stasiuk nennt? Bevor in Belarus tausende auf Straßen gingen, um gegen den seit 26 Jahren amtierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko zu demonstrieren? Für den Polen Stasiuk ist das Nachbarland hingegen zum Greifen nah: mit ähnlichen Menschen, demselben Landschaftsbild. Und doch liegt hinter der Grenze für ihn etwas Düsteres.

In der „Beskiden-Chronik“ nimmt Stasiuk den Leser mit auf eine Reise durch das Polen der Jahre 2013 bis 2018. Fast poetisch muten seine Beiträge an, die er in dieser Zeit für die Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny geschrieben hat. Wie zum Beispiel, als er im Autoradio von Morgensendung zu Morgensendung springt. Von Quizsendung über Werbung zu Politikerinterviews und Pfarrern, die die Jungfrau Maria und Jesus Christus preisen.
Sehnsucht nach der Ferne

Begegnung mit einem fundamentalistischen Tramper

Die Beskiden gehören zu den Karpaten und trennen Polen im Süden von Tschechien, der Slowakei und der Ukraine. Stasiuk war zum ersten Mal während des orthodoxen Osterfestes dort, als die Menschen in die Kirchen drängten. Schon seit 1986 lebt der gebürtige Warschauer in diesem Grenzgebiet, das ihm zur Heimat geworden ist. Ein Ort, von dem aus er sich in die Ferne und nach dem er sich in der Ferne sehnt. Und so verlässt Stasiuk in seiner Textsammlung immer wieder Polen und reist in den postsowjetischen Osten „auf der Suche nach dem verachteten Erbe“.

Er erinnert sich an Zentralasien in Anekdoten, die jedem Reisenden in der Region bekannt vorkommen dürften. Da ist der kirgisische Grenzbeamte, der den Ausreisestempel vergisst und damit dem Protagonisten bei der nächsten Einreise eine zweistündige Durchsuchung beschert. Erst der Satz „Ich liebe Kirgistan“ erweicht die Grenzer. Gut, dass er sich immerhin ein paar Brocken aus dem verhassten Russischunterricht seiner Schulzeit gemerkt hat, ist Stasiuk dankbar.

Dann trifft er auf einen Tramper, der mitten in der kasachischen Steppe auftaucht. Stasiuk nimmt ihn im Auto mit. Dem Namenlosen sei vor kurzem Gott erschienen, erzählt er. Nun träume er davon, bis 2030 die Macht über Kasachstan zu übernehmen. Sogar dem Präsidenten Nasarbajew habe er deshalb geschrieben. Leider ohne eine Antwort zu erhalten.

Sind wir nicht alle ein bißchen Nomaden?

Besonders bemerkenswert findet Stasiuk den Stolz auf die Hauptstadt Astana. Immer wieder sei er gefragt worden, ob er schon dort gewesen sei. Und tatsächlich macht Astana Eindruck auf den Polen. Als er auf dem Prospekt zwischen dem Einkaufszentrum Khan Schatyr, das wie eine neckische Pickelhaube auf ihn wirkt, und dem Präsidentenpalast flaniert, konstatiert er nüchtern: „Es ist eine Stadt zum Anschauen.“ Denn die Stadt, die sich so plötzlich aus der Steppe erhebt, lädt nur bedingt zum Leben ein.

Andrzej Stasiuk reist auf dem Landweg von Polen bis in die Mongolei. Man merkt, wie unwirklich ihm das Gebiet dazwischen in seiner Einöde erscheint. Der perfekte Urlaubsort. Bei der Landschaft des ehemaligen Atomwaffentestgeländes ist er sich nicht sicher, „ob sie schon von der Vernichtung getroffen oder noch nicht ganz erschaffen worden war“. Obwohl man in Kasachstan heute nur noch selten auf echte Nomaden trifft: Sind wir es nicht alle ein bisschen? Vor allem die Osteuropäer sind es nach Stasiuks Meinung: Tschechen, Ungarn, Polen, Rumänen und viele andere Völker, die weder zu Europa noch Asien gehören und ein „seltsames Grenzdasein“ fristen.

Dieses Grenzdasein lässt sich auch auf Belarus übertragen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die „Beskiden-Chroniken“. Ein Land, das sein Los noch nicht gezogen habe, schreibt Stasiuk. Das fast vergessen über Dekaden hinweg im Osten des Kontinents lag, an der Außengrenze der Europäischen Union, obwohl es im Zweiten Weltkrieg von allen Ländern Europas den größten Bevölkerungsverlust hinnehmen musste. Momentan zieht Belarus die Aufmerksamkeit auf sich. Es scheint für Belarus die Zeit gekommen, das Los zu ziehen.

Othmara Glas