Er verbindet Menschen aus allen Ecken dieser Welt, begeistert sie für die Familienforschung und unterstützt sie bei der Suche nach den eigenen Wurzeln. Peter Aifeld wurde 1991 in Ajagus, Gebiet Semipalatinsk, in Kasachstan geboren. Seit 1996 lebt er in Deutschland. Momentan schreibt Peter seine Bachelorarbeit im Rahmen seines Studiums Geschichte und Öffentliches Recht an der Universität Würzburg. Im Oktober vergangenen Jahres nahm er parallel ein Masterstudium in Cultural Landscapes auf. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Peter mit der Ahnenforschung und ist mittlerweile in der ganzen Welt vernetzt.

Peter Aifeld

Eigentlich hat alles ganz banal angefangen, erzählt Peter Aifeld: Mit 16 Jahren wollte er seinen Familiennamen ändern lassen, denn „Aifeld“ ist für den deutschsprachigen Raum eher ungewöhnlich. Dazu musste er nachweisen, dass er Vorfahren habe, deren Name anders geschrieben wurde. Das war der Beginn seiner Suche nach den eigenen Wurzeln.
Im Zuge seiner Recherchen fand Peter heraus, dass in dem Dorf, wo einst sein Großvater lebte, es keine andere Familie mit dem Nachnamen „Aifeld“ gab. Dafür aber viele, die „Eichwald“ hießen. Daraufhin hat er seine Verwandten befragt und bestätigt bekommen, dass der Familienname tatsächlich ursprünglich Eichwald war.

„Meine Vorfahren wurden 1941 nach Kasachstan deportiert. Meine Großmutter stammt ursprünglich von der Wolga, mein Großvater aus dem Gebiet Donbass in der Ukraine. Unsere Wurzeln liegen im ehemaligen Preußen und in Hessen. Jahrelang bin ich nicht weitergekommen und habe begonnen, meine Großmutter auszufragen. Die Geschichten aus ihrer Kindheit fand ich immer sehr spannend“, erzählt der junge Ahnenforscher.

Erfolgreiche Ahnenforschung im Netz

Großvater Peter Eichwald-Aifeld

Die Großmutter erinnerte sich an einen Cousin, der sich bereits seit Jahren mit Familienforschung befasste. In einem Telefonat erfuhr Peter von ihm, dass bereits ein Verwandter damals im Wolgagebiet Informationen zur Familiengeschichte gesammelt hat. Er hatte Zugang zu den Archiven und bis 1941 war die Familie auch im Besitz einer alten Bibel, in der die Namen und Daten der Vorfahren verzeichnet waren. Diese Bibel wurde 1766 nach Russland mitgebracht. Der erste Vorfahre, der damals aus Deutschland an die Wolga, in die Kolonie Dobrinka ausgewandert ist, hieß Konrad Schenk. Er stammt aus Billertshausen in Hessen.

Die Bibel ist im Zweiten Weltkrieg durch Deportation leider verloren gegangen. Derjenige, der diese Bibel geerbt hat, hatte selbst keine leiblichen Kinder. Seine Adoptivkinder interessierten sich nicht dafür – es waren ja nicht ihre Vorfahren. Also schickte dieser Verwandte an seinen Neffen per Post die ganzen Einträge aus der Bibel.

„Meine Vorfahren lebten früher in den sogenannten Planer Kolonien bei Mariupol“, berichtet Peter. „Sie sind 1823 aus Preußen eingewandert. Als ich dazu recherchiert habe, lernte ich eine Forscherin kennen. Es stellte sich heraus, dass wir sogar miteinander verwandt sind. Sie lieferte mir Unterlagen zu einigen Zweigen meiner Familie und diese habe ich auf der Ahnenforschung-Plattform MyHeritage eingetragen.

Nachfahren der Kolonie weltweit verstreut

Zwei Tage später meldete sich David Gerlinsky aus Kanada bei mir. Als er die Unterlagen entdeckte, wollte er wissen, woher ich diese Informationen habe. Daraufhin haben wir uns ausgetauscht und er berichtete mir, dass sie seit 70 Jahren – seit ihre Vorfahren damals aus dem Russischen Reich nach Kanada ausgewandert sind – versuchen, an sämtliche Dokumente zu kommen. Leider bisher mit wenig Erfolg. Immer wieder hieß es: Es gibt nichts mehr, es ist alles verbrannt, seit dem Ende der Sowjetunion ist eh nichts mehr vorhanden.“

Peter erzählte seinem neuen Bekannten, dass es Volkszählungen von 1832 und 1834 gibt, sowie zahlreiche Kirchenbücher. Daraufhin bat dieser Peter, die Sachen zu bestellen. Innerhalb einer Woche besorgte Peter die Volkszählungen, doch dann standen die Kanadier vor einer neuen Herausforderung: Die Unterlagen waren alle auf Russisch. Peter erklärte sich bereit, die Dokumente zu den sechs katholischen Dörfern komplett zu übersetzen.

„Als die Übersetzung fertig war, schickte ich David alles zu und wir dachten uns: Und nun? Wir haben die Unterlagen, aber wie bringen wir diese an die Leute? Daraufhin habe ich eine Facebook-Gruppe eingerichtet. David hat seine Bekannten und Verwandten eingeladen, ich meine.“

Mittlerweile zählt die Gruppe über 300 Mitglieder, die weltweit verstreut sind: In Nord- und Südamerika, in Europa, in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Alle Mitglieder sind direkte Nachfahren der damaligen Siedler der Planer Kolonie.

Virtuelle Dorfgemeinschaft

„Wir sind eine kleine virtuelle Dorfgemeinschaft, in der alle miteinander verwandt sind“, berichtet Peter Aifeld. „Nachdem wir die ersten Unterlagen erhalten haben, fragten wir uns: Was gibt es noch in der Ukraine und in Russland? Einige haben versucht, selbst zu forschen, und sind leider auf Betrug reingefallen. Man hat sie regelrecht ausgebeutet. Ich habe zum Beispiel einen Verwandten, der auf eigene Faust versucht hat, Kontakte herzustellen und Unterlagen zu besorgen. Er hat an einen Herrn 5.000 Dollar für ein paar Seiten gezahlt. Die vollständigen Unterlagen haben wir etwas später für nur insgesamt 800 Euro bekommen – und zwar für die komplette Kolonie.“

Mit der Zeit ist klar geworden: Die Informationen müssen zentralisiert werden, doch leider kosten die Unterlagen oft Geld. Daher hat die Community ein Fundraising gestartet. Bis heute wurden etwa 45.000 Kirchenbucheinträge aus Russland und aus der Ukraine eingekauft. Dafür 15.000 Euro ausgegeben. „Meine Aufgabe besteht darin, die Kontakte herzustellen und die Unterlagen zu besorgen“, erklärt der zielstrebige Ahnenforscher. „Oft müssen diese auch noch übersetzt werden, weil sie auf Russisch sind. Dafür haben wir ein Team aus ehrenamtlichen Übersetzern, die bei der Aufarbeitung der Unterlagen große Leistung erbringen.“

Es gibt keine festen Beiträge: Manche spenden 5 Euro, andere 500. Die Mitglieder können sich beteiligen, aber es besteht kein Zwang und keine Pflicht. Jeder kann für sich entscheiden, wie und in welchem Rahmen er das Projekt unterstützt, denn davon profitieren letztendlich alle. Was als kleine Nebenbeschäftigung begann, nimmt mittlerweile einen bedeutenden Platz in Peters Leben und in seiner Ahnenforschung ein.

Zusammenarbeit mit den Archiven wichtig

„Digitalisierung der Dokumente und Informationen würde die Ahnenforschung wesentlich vereinfachen“, ist sich Peter Aifeld sicher. „Vielleicht würden sich dann mehr Menschen – vor allem junge Menschen dafür begeistern. Viele schrecken davon ab, weil sie Ahnenforschung mit viel zeitlichem und finanziellem Aufwand assoziieren. Oft wissen die Menschen auch nicht, wo sie überhaupt beginnen oder die Informationen suchen sollen.“

Ganz wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit den Archiven, betont er. In manchen Fällen lohnt es sich, mehrmals nachzufragen und nachzuhaken. Die Aushändigung der Unterlagen kann Zeit in Anspruch nehmen. Peter Aifeld spricht aus Erfahrung: „Nicht gleich verzweifeln, wenn beim ersten Mal eine Absage kommt. Geduldig bleiben und bei Bedarf höflich nachfragen. Oft ergeben sich die Dinge erst beim zweiten, dritten, manchmal auch beim zehnten Anlauf. Ahnenforschung erfordert viel Zeit und Geduld, deshalb muss man hartnäckig bleiben. Das zahlt sich aber irgendwann aus.“

Ein Puzzle, das es zu vervollständigen gilt

Für Peter Aifeld gleicht die Ahnenforschung einem Puzzle: Fehlt ein kleines Teil, ist das Puzzle unvollständig. „Das Wissen über die eigene Geschichte eröffnet neue Möglichkeiten“, betont er: „Es ist spannend, bestimmte geschichtliche Ereignisse mit den Lebenswegen der eigenen Vorfahren verknüpfen zu können. Dadurch wird die Geschichte als Ganzes greifbar, sie wird lebendiger. Wenn man seine eigene Familiengeschichte versteht, dann versteht man auch, warum manche Dinge im Leben sind wie sie sind.“

Mittlerweile hat sein Projekt ein neues Level erreicht. „Es ist an der Zeit, noch mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, Zugriff auf die Daten zu ihren Vorfahren zu bekommen“, erklärt Peter: „Vor ein paar Monaten entstand hierzu die Idee, eine eigene Webseite mit einer Datenbank ins Leben zu rufen, die alle Daten über die Siedler der Planer Kolonien von der Gründung 1823 bis zur Auflösung 1943 enthalten soll. Zudem soll der geschichtliche Kontext dem Leser näher gebracht werden.“ Die Website ging nun vor Kurzem online und ist unter www.planerkolonien.de abrufbar. Die Datenbank wird ständig aktualisiert und erweitert.

Ein beeindruckendes Projekt, mit einer weltweit vernetzten Community und vielen engagierten Helfern, die all das möglich gemacht haben. Und vor allem unzähligen Menschen aus aller Welt, die dank Peters Engagement und Initiative viel über ihre eigenen Wurzeln, ihre Herkunft und ihre Geschichte erfahren haben. Vielleicht hat der eine oder andere somit sein eigenes Puzzle vervollständigen können.

Katharina Martin-Virolainen

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