Ende des Jahres 2018 wurde in Eppingen, Baden-Württemberg, auf Initiative der Autorin und Kulturschaffenden Katharina Martin-Virolainen das Russlanddeutsche Kinder- und Jugendtheater gegründet. Im Januar 2019 feierte die Theaterformation bereits die erste Premiere und brachte das eigene Stück „Es war einmal in Wolhynien“ auf die Bühne. Das Theaterstück stellte einen Streifzug durch das historische Gebiet in der Ukraine dar, in dem früher neben Ukrainern auch viele deutsche Siedler sowie andere Minderheiten wie Polen oder Juden lebten. Aufgrund des überwältigenden Erfolgs sowie der zahlreichen positiven Rückmeldungen vor allem zum Thema der Aufführung wurde beschlossen, auch in Zukunft Theaterstücke über die Geschichte und das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion auf die Bühne zu bringen.

Im Laufe der nächsten Monate entwickelte sich zwischen der LMDR-Hessen e.V. und dem Russlanddeutschen Kinder- und Jugendtheater eine enge Zusammenarbeit. Es entstand die Idee, das Theaterstück von Wendelin Mangold „Vom Schicksal gezeichnet und geadelt“ uraufzuführen. Für dieses Theaterstück wurde der in Hessen lebende Autor im Jahr 2013 mit dem Hessischen Landespreis „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ ausgezeichnet.
Nach wochenlangen Planungen und Vorbereitungen wurde im November 2019 das Theaterprojekt in Hessen umgesetzt. Beim Projekt haben nicht nur die Kinder des Russlanddeutschen Kinder- und Jugendtheaters mitgewirkt, sondern auch professionelle Schauspielerinnen und begeisterte Theaterspielerinnen. Im Vorfeld wurde das Skript angepasst, die Rollen auf die Teilnehmenden zugeschnitten und von ihnen fleißig eingeübt. Anschließend setzten die Schauspielerinnen und Schauspieler das Theaterstück innerhalb von zwei Tagen in gemeinsamen Proben zusammen.

Geschichte der deutschen Kolonisten im Fokus

Beim Projekt stand nicht nur das Theaterspiel im Vordergrund, sondern auch der Austausch zwischen der jungen Generation der Deutschen aus Russland mit Zeitzeugen und Experten aus dem Bereich Schauspiel und Literatur. Katharina Martin-Virolainen übernahm beim Theaterprojekt die künstlerische Leitung, organisatorisch wurde sie dabei von Natalie Paschenko von der LMDR-Hessen unterstützt. Die Uraufführung des Theaterstücks „Vom Schicksal gezeichnet und geadelt“ feierte am 16. November im Haus der Heimat in Wiesbaden erfolgreich Premiere und wurde vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen.

Der Premiere in Wiesbaden folgte bereits im Dezember die Uraufführung des theatereigenen Werkes „Meine Leute“, geschrieben von Katharina Martin-Virolainen. Eine große Stütze waren bei beiden Theaterprojekten die ehemaligen Schauspielerinnen des Deutschen Theaters Temirtau in Kasachstan Lilia Henze und Viktoria Gräfenstein. Sie unterstützten die Kinder und Jugendlichen bei der Produktion als Theaterpädagoginnen und als Regie.

Beide Theaterstücke greifen auf vielfältige Weise die Geschichte der deutschen Kolonisten und ihrer Nachkommen auf. Dabei werden die historischen Ereignisse und Hintergründe erläutert, die dazu geführt haben, dass im 18. Jahrhundert Deutsche nach Russland ausgewandert waren – und dass ihre Nachkommen heute wieder in Deutschland leben. Im Laufe der beiden Theaterwerke wird das Schicksal der einzelnen Generationen beleuchtet, und auch die sprachlichen und kulturellen Eigenschaften und Besonderheiten der Deutschen aus Russland sowie deren Entwicklungen über zwei Jahrhunderte mithilfe von musikalischen, tänzerischen, bildlichen und multimedialen Einlagen dargestellt.

Zweifach prämiertes Werk

Das Erinnerungsprojekt bewies bereits in der Entstehungsphase der beiden Theaterstücke ein großes Potential, um zur Aufklärung der Geschichte der Deutschen aus Russland beitragen zu können. Eine Besonderheit des Erinnerungsprojekts ist die enge Zusammenarbeit von mehreren Kulturschaffenden aus unterschiedlichen Sparten – von Literatur über Schauspiel bis Musik – , und nicht zuletzt der vielfältige Aufbau beider Theaterstücke unter Einbezug klassischer Theater- und Schauspielelemente mit multimedialen Einsatz.

In diesem Jahr wurde erneut der Hessische Landespreis „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“ verliehen. Mit dem ersten Platz, dotiert mit 6000 Euro, wurde das Russlanddeutsche Kinder- und Jugendtheater gemeinsam mit der LMDR-Hessen für das Projekt „Mit Theaterspiel gegen das Vergessen“ ausgezeichnet. Die Kinder und Jugendlichen sowie die Projektleitung haben sich riesig über die Benachrichtigung zur Auszeichnung mit dem ersten Preis und die Einladung zur Preisverleihung am 17. November 2021 gefreut. Auch für Wendelin Mangold war die Auszeichnung des Theaterstücks eine besondere Freude: Damit ist sein Werk zweifach prämiert – als Text und als Bühnenspiel.

Zu Tränen gerührt

Peter Beuth, der Hessische Minister des Innern und für Sport, und Margarete Ziegler-Raschdorf, die Hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, lobten die ausgezeichnete Arbeit der Theatergruppe, gratulierten zu der Auszeichnung, und überreichten den Gewinnerinnen und Gewinnern den Landespreis sowie Blumen und die „Hessen-Tasche“ als Geschenk für die Kinder und Jugendlichen. Johann Thießen, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und Landesvorsitzender der LMDR-Hessen, sprach einige Dankesworte und freute sich mit dem Russlanddeutschen Kinder- und Jugendtheater über die Auszeichnung.

Anschließend begeisterten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler das Publikum mit ihrer Darbietung: Sie führten zwei Auszüge aus den beiden prämierten Theaterstücken auf, begeisterten damit das Publikum und rührten viele Anwesende zu Tränen. Für die Kinder war es ein Highlight, nach anderthalbjähriger Pause, wieder auf der Bühne vor Publikum spielen zu dürfen.

Die Sehnsucht der Russlanddeutschen nach Heimat

Zwei Tage nach der Preisverleihung in Wiesbaden konnten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler sich bereits über die nächste Auszeichnung freuen. Im Rahmen des Videowettbewerbs „Junge Spätaussiedler/innen und junge Angehörige der Landsmannschaften als Brückenbauer in Deutschland und Europa“ erhielt die Theaterformation für den Kurzfilm „Hatte meine Oma Träume?“ die Auszeichnung zum dritten Platz. Der Wettbewerb wurde von der Deutschen Gesellschaft e.V. und der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ausgerufen.

„Unter der hervorragenden Regie von Katharina Martin-Virolainen stellen die Kinder besonders gut die fehlende Zugehörigkeit und die Herausforderungen des Ankommens der Russlanddeutschen dar“, hieß es auf der Instagram-Seite des Wettbewerbs.

Der filmische Beitrag „Hatte meine Oma Träume?“ fasst die Geschichte mehrerer Generationen von Deutschen aus Russland in literarischer Form und beeindruckenden Filmaufnahmen zusammen. Die Kinder und Jugendlichen berührten und überzeugten durch ihr schauspielerisches Talent und die Tiefe, mit der sie ihre eigenen Großeltern darstellten. Regie, Text und Schnitt des Films übernahm die Leiterin der Theatergruppe Katharina Martin-Virolainen. Ihr Bruder, Daniel Martin-Virolainen, sorgte für die eindrucksvollen Filmaufnahmen, die den Schmerz, das Hin- und Hergerissensein, die Heimatsuche und die Sehnsucht der Deutschen aus Russland selbst durch den Bildschirm spürbar an die Zuschauer transportieren.

Die Preisgelder möchte das Russlanddeutsche Kinder- und Jugendtheater in die Entwicklung ihrer Theaterarbeit investieren und plant im nächsten Jahr mehrere Aufführungen anzubieten.

Katharina Martin-Virolainen

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