Teil 4: Das Miteinander

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen allein leben, wird den Zeiten nachgetrauert, als noch drei Generationen unter einem Dach lebten. Als wäre es das Schönste, was es gibt; der Atem vieler Menschen wärmt die Stube, man plaudert, verübt Handarbeiten und backt zusammen Plätzchen. Ein schönes Bild. Aber in der Realität? Da scheint mir doch viel Nostalgie im Spiel, und es fragt sich, ob das wirklich immer so schön war, wenn man sich ständig auf der Pelle hing, keinen Rückzugsraum für sich finden konnte und im Schlaf immer mit der Nase in anderer Leute Nacken stieß – Verwandte hin oder her.

Aber so wie heute ist das auch nichts. Jeder lebt für sich, jeder an einem anderen Ende Deutschlands, die Großeltern vereinsamen daheim oder im Heim. Man sieht sich selten bis gar nicht. Und da die Kinder immer später geboren werden, erleben sich Großeltern und Enkel kaum mehr. Da kann nur viel auf der Strecke bleiben – Lebensweisheiten, die den Horizont öffnen.

So ist das, aber so muss das nicht zwangsläufig sein, finden einige. Und erfinden Lösungen, die das Miteinander der Generationen fördern. Denn wir haben uns viel zu sagen und zu geben – von jung zu alt, von alt zu jung, wir brauchen einander.

Dass es nicht unbedingt Blutsverwandte sein müssen, darin liegt die Lösung. So können Großeltern für Kinder „gebucht“ werden, die ansonsten keine hätten. Studenten sorgen für ihre großelterlichen Nachbarn und müssen dafür keine Miete zahlen. Ideen wie das Mehrgenerationenhaus sind auf dem Vormarsch.

Der Vorteil gegenüber früher: Man kann sich bedarfsgerecht die gewünschten Familienmitglieder zusammenstellen, die lästigen Tanten kann man weglassen, und nur an Tagen und in einem Ausmaß, wie es in den Kram passt. Und wenn es zu viel wird oder man nicht zueinander passt, lässt man es eben wieder sein. So bekommt man die Rosinen, Konflikte kann man vermeiden. Und hierin könnte der Haken liegen: Vielleicht gibt es ohne Konflikte auch keine Familienidylle, so wie es das Huhn nicht ohne das Ei gibt. Und vielleicht braucht es für all das die emotionale verwandtschaftliche Bindung („Es ist doch die Familie!“). Aber wer weiß. Bemerkenswert ist in jedem Fall der Ansatz und Wunsch, die Generationen wieder zusammenzuführen, die einsamen Herzen in die Gemeinschaft zu bringen und voneinander lernen zu wollen. Ich für meinen Teil stelle es mir sehr erfrischend vor, Welt und Lebensalltag auch durch andere Blickwinkel zu erleben – aus Sicht kleiner Kinder und älterer Menschen. Und gerade auch in der Weihnachtszeit gäbe es ein schönes Bild ab: zwölf Menschen, drei Generationen, auch noch Hund, Katze, Maus dabei, im fröhlichen Miteinander um die Krippe versammelt, singen aus vollem Halse: Oh, Tannenbaum! So wie früher. Und das ohne Streitigkeiten, es sei denn, man bucht sich eine böse Schwiegermutter. Frohes Fest!

Julia Siebert

22/12/06