Der Monat Oktober ist vorbei. Die Blätter der Bäume sind gelb und rot gefärbt und leuchten in der Herbstsonne, die Temperaturen sind bereits deutlich gesunken. Der Winter naht, und in der Tradition der katholischen Kirche stand kürzlich das christliche Allerheiligenfest am 1. November an. Es ist der Tag, an dem die Katholiken der Heiligen ihrer Kirche gedenken, aber auch für alle anderen Verstorbenen – all die im Fegefeuer verlorenen Seelen – ein Gebet sprechen.

Im Jahreskreis der Kelten wird in der Nacht zum 1. November seit jeher das sogenannte Mondfest „Samhain“ gefeiert. An diesem Fest des Spätherbsts stehen die Tore zur Anderswelt offen, die Toten besuchen die Welt der Lebenden und andersherum. Im streng katholischen Irland vermischten sich rund um das 8. Jahrhundert beide Traditionen. Sie feierten am 1. November den Beginn des keltischen Jahres und den Winteranfang mit einem großen Totenfest. Dazu gehören auch die Volksbräuche in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November, am „All Hallows’s Eve“, am Abend vor Allerheiligen. Diese Bräuche nahmen irische Auswanderer mit nach Amerika und ließen sie dort weiterleben.

Almatiner Gruselgeschichten

In den USA wurde aus den Volksbräuchen in der Nacht vor Allerheiligen schließlich das, was uns heute besser unter dem Namen Halloween bekannt ist: das kitschig-bunte amerikanische Gruselfest. Mit größter Freude dekorieren die Amerikaner ihre Häuser mit Kürbissen, Pappmachéskeletten, riesigen Plastikspinnen und selbstgebastelten Geistern und Zombies. Die Kinder ziehen am Abend des 31. Oktober in Hexen- und Mumienkostümen von Haus zu Haus und fordern: „Süßes oder es gibt Saures“! Und in den Fernsehsendern laufen kitschige Gruselkomödien und Horrorfilme aus den 90er Jahren rauf und runter. Dieses Halloweenfest, die amerikanisierte Version eines katholischen Feiertags und eines keltischen Brauchtums, wird seit einigen Jahren auch im Rest der Welt immer beliebter. Selbst in Kasachstan verkleiden sich die Menschen inzwischen mit großer Freude als Geist oder Untoter und feiern auf speziellen Halloween-Mottopartys durch die Nacht.

Eine andere Methode, in diesen letzten Herbsttagen und vor dem anstehenden Totenfest etwas in Gruselstimmung zu kommen, ist, sich unheimliche Mythen und mysteriöse Legenden zu erzählen. Und einige solcher Gruselgeschichten gibt es auch in Almaty. Eine davon lautet zum Beispiel so: Ein gewisser Metropolit Pimen traf im Oktober 1917 in der Stadt Wernyj ein. Er begann dort, öffentliche Gottesdienste und Gebete zu lesen, und erlangte in sehr kurzer Zeit enormes Ansehen in der gläubigen Bevölkerung der Stadt. Doch die Zeit war bereits eine andere und die Bolschewiken rückten vor, um die Macht im Siebenstromland zu übernehmen.

Verhängnisvoller Widerstand gegen die Bolschewiken

Vater Pimen sprach sich öffentlich gegen die von den Bolschewiken eingeführte staatliche Ehe aus, forderte die Menschen zum Eintritt in die zaristische Weiße Armee im Kampf gegen die Bolschewiken auf, und verurteilte schließlich aufs Schärfste die Ermordung von Zar Nikolaus II. und seiner Familie im Juli 1918. Doch dies war zu viel für die neuen Machthaber. Geheimpolizisten und Rotarmisten drangen am 16. September 1918 in sein Haus ein, holten Vater Pimen ab und fuhren ihn auf einer Kutsche in ein Wäldchen nördlich von Wernyj. In diesem kleinen Wäldchen wurde der Erzbischof an Ort und Stelle erschossen. Gläubige begruben den Leichnam noch in der selben Nacht heimlich in der Familiengruft des Generalgouverneurs des Gouvernements Siebenstromland unweit der Christi-Himmelfahrt-Kathedrale. Seitdem gilt das kleine Wäldchen als verflucht.

Doch Vater Pimen soll es vor seinem Tod noch gelungen sein, Kirchenschätze und Ikonen in Sicherheit zu bringen und in dem kleinen Wäldchen zu vergraben. Eine Ikone soll sich gar aus einer Kupferikone in reines Gold verwandelt haben. Seitdem schweben die traurige Seele Pimens und andere glücklose Geister über dem Hain und bewachen die Schätze, die bis heute nicht gefunden wurden. Ihr Jammern und Klagen soll in den dunklen und kalten Herbstnächten zu hören sein. Die Kirchenreichtümer sollen Unglück oder gar den Tod bringen über jene, die sie einmal finden werden.

Der Werdegang des Eduard Baum

Soweit die Legende. Aber um bei den Fakten zu bleiben – bei dem Wäldchen im Norden Almatys handelt es sich um den Hain des Forstwissenschaftlers und Forstinspektors des Gebietes Siebenstromland, Eduard Baum.

Eduard Ottowitsch Baum wurde im Jahr 1850 geboren und ging nach seinem Abschluss der Landwirtschafts- und Forstakademie Petrowsk und des Landwirtschaftsinstituts St. Petersburg im Jahr 1874 in die Stadt Wernyj. Dort begann er seine Arbeit als Regionalförster unter dem Generalgouverneur des Gebietes Siebenstromland. In dieser Position beschäftigte sich Eduard Baum insbesondere mit der Zucht, der Auswahl und dem Import von Samen und Pflanzmaterial. Aus Russland brachte er 44 Laub-, 17 Nadel- und 52 Straucharten in die Stadt.

Grünes Bauen als Auftrag

Baum sah die Notwendigkeit eines sogenannten „grünen Bauens“ in der Stadt Wernyj und anderen Städten und setzte sich so für die Entstehung von Parks und Grünanlagen ein. Auf seine Initiative hin wurde in Wernyj das Dekret erlassen, die Bewohner der Stadt müssten ganze 20 Obstplantagen und Parkanlagen anlegen und bepflanzen. Er gründete im Jahr 1871 die Garten- und Pflanzenschule von Wernyj, auf dessen Territorium sich heute der Zentrale Gorki-Park für Kultur und Erholung befindet.

Zahlreiche Bäume und Sträucher, die noch heute die Straßen und Parks der Stadt Almaty zieren, wurden auf Initiative von Eduard Baum gepflanzt. 1892 beantragte er beim Stadtamt Wernyj, dass das Land, welches zur Kosakensiedlung der Stadt gehörte, der Errichtung eines „Vergnügungsparks“ zur Verfügung gestellt werden solle. Es begann eine umfangreiche Aufforstung und Bepflanzung des gesamten Areals, welches seitdem als der Hain von Eduard Baum bekannt war. 1880 erbaute der Architekt Pawel Senkow ein Haus komplett aus dem Holz der Tjan-Shan-Fichte und im traditionellen russischen Stil. In diesem Haus lebte Eduard Baum bis zu seinem Tode 1921.

Die Höhen und Tiefen des Baum-Haines

Bis 1927 lebte die Enkelin von Eduard Baum mit ihrem Ehemann in dem wunderschönen Holzhaus. Doch sie wurden ausquartiert, und das Haus ging in Staatsbesitz über. Der dazugehörige Garten fiel der Erschließung neuer Wohnflächen zum Opfer. Zeitweise befand sich der Tourismusrat des Gebietes Alma-Ata in dem Gebäude, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Kasachstans zog die konsularische Abteilung des Nachbarlandes Kirgistan in die Räume des Hauses des Forstwirtes Baum.

2008 ging das Territorium des Baum-Wäldchens in den Bestand des Nationalparks Ili-Alatau über. Mit diesem Schritt ging es steil bergab mit dem schönen Wäldchen. Es entwickelte sich in den folgenden Jahren zum kriminellsten und gefährlichsten Ort der Stadt Almaty. Raubüberfälle und Vergewaltigungen standen auf der Tagesordnung, oft wurden Leichen in den versteckten Winkeln des Geländes gefunden. Obdachlose und Drogenabhängige quartierten sich ein und der Park glich zeitweise eher einer Müllkippe. Dies änderte sich erst mit dem Jahr 2018 wieder, als der Park zurück in den Besitz der Stadt Almaty ging. Der Naturpark wurde aufwendig rekonstruiert, Freiwillige sammelten 43 LKW-Wagenladungen voll Müll ein, weitere Maßnahmen zur Neuentwicklung wie Spiel- und Sportplätze sowie das Pflanzen neuer Bäume ist geplant.

Ein Schmuckstück am Rande der Stadt

Der Hain des Eduard Baum ist heute wieder ein Schmuckstück am Rande der Stadt. Auch gilt er als überaus beliebtes Ausflugsziel und Fotomotiv gerade in den rot-gelb-goldenen Herbsttagen. Die Kirchenreichtümer von Väterchen Pimen bleiben derweil verschollen, doch es werden sich weiterhin mutige Almatiner auf die Suche danach begeben. Die Herbstpracht wird aber schon bald dem strengen, grauen und kalten Winter weichen. In der katholischen Kirche bereitet man sich derweil auf das nicht mehr weit entfernte Weihnachtsfest vor.

Der nächste große Termin im keltischen Jahreskalender ist das Fest namens „Beltane“, der keltische Sommeranfang. Dieses Fest zum 1. Mai jeden Jahres hat Parallelen mit der germanischen Walpurgisnacht, bei der die Hexen auf dem mitteldeutschen Berg Brocken den Hexentanz ums Feuer tanzen und dem Teufel den Hintern küssen. Der Lauf der Zeit bleibt also voll von Mysterien. Eduard Baum wiederum, der Mann, der Almaty grün gemacht hat, würde in diesem Jahr seinem 100. Todestag feiern.

Philipp Dippl

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