Der kasachstandeutsche Fußballstar Alexander Merkel zog als Kind mit seinen Eltern von Almaty nach Deutschland. Schon als Jugendlicher rief der Traum einer Profikarriere ihn hinaus in die Welt, es folgten Stationen unter anderem in Italien, England, der Schweiz und den Niederlanden. Im September hat Merkel ein ganz neues Kapitel seiner Karriere aufgeschlagen und kickt seitdem für den saudi-arabischen Club Al-Faisaly Harmah. Wir haben mit ihm über seine Kindheit, seine Karriere und die Bedeutung seiner kasachischen Heimat für ihn gesprochen.

Der deutsche Schriftsteller Michael Ende ließ einst die Heldin in einem seiner Werke sagen: „Das Gefährlichste im Leben sind die Wunschträume, die in Erfüllung gehen.“ Was glauben Sie, ist da was dran?

Ich denke, dass Träume für den Menschen eins der schönsten Dinge sind. Weil sie realisierbar sind, wenn man daran glaubt und viel Arbeit und Fleiß investiert. Sie erinnern uns immer wieder daran, wieso und weshalb wir etwas tun. Natürlich ist man etwas enttäuscht, wenn sie nicht in Erfüllung gehen, aber man sollte im Leben nie aufgeben, sondern immer weiter machen und positiv sein.“

Sie stammen ursprünglich aus Almaty. Kommt es manchmal vor, dass Sie Ihre Geburtsstadt vermissen?

Es ist sehr schwer zu sagen, ob ich Almaty vermisse, weil ich mit sechs Jahren als kleiner Junge mit meiner Familie von dort weggezogen bin. Aber ich erinnere mich mit einem Lächeln an die Zeit zurück. Denn dort habe ich meine Kindheit erlebt und gelebt. Ich würde gerne eines Tages mit meiner Frau und unserem Kind nach Kasachstan ziehen, sei es nach Almaty oder Astana. Damit ich meiner Familie zeigen kann, wo ich gelebt habe. Wie unsere Mentalität ist. Wie unsere Kultur ist. Wie lecker unser Essen ist und vor allem wie schön unser geliebtes Land ist. Das ist mein großes Ziel, und es wäre schön, wenn es eines Tages möglich sein würde.

Können Sie etwas über Ihre Wurzeln erzählen, über Ihre Vorfahren?

Meine Eltern und deren Eltern sind alle in Kasachstan bzw. in der damaligen Sowjetunion geboren und aufgewachsen.

Ihr Vater hat früher selbst für den kasachischen Verein „Kairat“ gespielt, und das durchaus erfolgreich. Verdanken Sie ihm Ihre Liebe zum Fußball?

Ja, dafür werde ich meinem Vater ein Leben lang danken. Ich habe als kleines Kind mit ihm auf der Couch Fußball im Fernsehen angeschaut. Er hat mich zum Fußball gebracht, er hat viel Zeit in mich investiert, viel mit mir trainiert. Und mir beigebracht, wie man diszipliniert an sich selber arbeitet, wenn man etwas erreichen möchte. Er ist mein großes Vorbild!

Warum haben Sie dem Club Astana abgesagt und stattdessen entschieden, für Al-Faisaly in Saudi-Arabien zu spielen?

Ich habe Astana nie abgelehnt. Ich weiß nicht, wer Ihnen sowas gesagt hat. Ich war bereit, nach Astana zu gehen, weil es ein sehr guter Club ist. Ich hatte sehr gute Gespräche mit dem damaligen Trainer Michael Bilek und hatte mich schon gefreut, nach Kasachstan zu kommen, in der Premier League zu spielen und mit meiner Familie in Astana zu leben. Aber leider wollten nicht alle im Club, dass ich nach Astana komme. Eine von diesen Personen ist erst vor ein paar Tagen entlassen worden. Aber das ist Fußball, das Leben geht weiter, man muss weiter hart an sich arbeiten. Und vielleicht werde ich irgendwann wieder die Chance bekommen, für einen kasachischen Club zu spielen.

Viele haben gedacht, dass Sie es bevorzugen, in einer europäischen Liga zu spielen – etwa bei einem prestigeträchtigen Club in den Niederlanden. Ist es im Nahen Osten jetzt besser?

Ich habe in Europa zehn Jahre auf einem hohen Niveau gespielt. Ich wollte einfach mal was Neues erleben und ausprobieren, weil das Schöne am Fußball ist, dass er dir die Möglichkeit gibt, in solchen Ländern zu leben, die Kultur kennenzulernen, neue Erfahrungen zu sammeln. Als eine normale Person würde ich das alles nicht erleben. Eine Fußballkarriere geht nicht so lange, deswegen möchte ich so viel wie möglich sehen und empfinden.

2008 gaben Sie Ihr Debüt in Italien beim AC Milan. Mit welchen fußballerischen Highlights bleibt Ihnen die Zeit dort in Erinnerung?

Ich denke, diesen Moment werde ich nicht vergessen – als 16-Jähriger allein nach Italien zu ziehen. Es war definitiv keine leichte Entscheidung, die Familie zu verlassen, um sich den großen Traum zu erfüllen und Fußballprofi zu werden. Aber ich habe die Herausforderungen angenommen. Es waren sehr harte Zeiten am Anfang, als ich manchmal weinend im Bett lag und meine Familie nicht da war. Ich musste schneller erwachsener werden und auf eigenen Beinen stehen. Aber ich bereue keine Sekunde im Leben, denn dieser Schritt hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Ich würde es immer und immer wieder noch einmal so machen. Ende 2010 ist mein Traum wahr geworden, und ich habe für einen großartigen Club namens AC Milan in der Champions League debütiert.

Sind Sie bei Niederlagen besonders niedergeschlagen? Wie schaffen Sie es, sich in solchen Fällen von negativen Gefühlen zu befreien?

Niederlagen oder Rückschläge gehören zum Fußball oder zum Leben dazu. Daraus lernt man und entwickelt sich viel mehr. Man kann nicht immer gewinnen. Das Wichtigste ist: Egal, wie oft man hinfällt – man sollte immer wieder aufstehen und weitermachen. Nie aufgeben! Und noch etwas kann ich nennen, was fuer mich sehr bedeutsam ist: Man sollte ehrlch zu sich selber sein!

Nicht wenige Sportler sind abergläubisch. Beispielsweise der ehemalige Verteidiger der französischen Nationalmannschaft Laurent Blanc, der dem Torhüter Fabien Barthez als Glücksbringer einen Kuss auf den Kopf gab. Wie ist es bei Ihnen, haben Sie auch irgendeinen Talisman oder ein Glücksritual vor dem Spiel?

Ich habe keine Rituale und bereite mich ganz normal auf ein Spiel vor, ohne auf irgendwas zu achten.

Welche sind Ihre drei wichtigsten Charaktereigenschaften?

Disziplin, Respekt, Ehrgeiz.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Marina Angaldt. Übersetzung und Redaktion: Christoph Strauch

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