Im Golfclub „Nurtau“ holten die Golfstars am letzen Septemberwochende erstmals bei einem internationalen Turnier zum Abschlag aus. Im Rahmen der „European Challenge Tour“ spielten 106 Teilnehmer aus über 20 Ländern um den Jackpot von 250.000 Euro. Zwei Schweizer waren auch mit von der Golfpartie.

Auf dem Gelände des Sanatoriums „Alatau“ außerhalb Almatys riecht die Luft nicht nach Dieselöl. Keine protzigen Wolkenkratzer versperren einem die Sicht auf die Berge, von denen einige das ganze Jahr mit einer Schneedecke überzogen sind. Beinahe kitschig künstlich anmutende grüne Wiesen laden zum Sonnenbaden ein, dürfen allerdings ausschließlich von Golfspielern betreten werden. Denn trotz Bergluft und -sicht ist das hier nicht die Schweiz, sondern der Golfclub „Nurtau“, einer von drei Clubs im ganzen Land. In Kasachstan, das den gut 400jährigen Golfsport vor nicht mal zehn Jahren für sich entdeckt hat, boomt das Spiel mit dem kleinen harten Ball. Und nach dem Motto „Nicht kleckern, sondern klotzen“ sind hier mindestens sieben weitere Golfplätze in Planung oder Arbeit. „Das macht zehn Golfplätze für höchstens 400 aktive Golfer“, schätzt Fatima Kasimowa, Chefredakteurin des hiesigen Hochglanzgolfmagazins „Golf.kz“.

Auf dem Weg zur Golfnation

Um Kasachstans Golfboom zu fördern, haben die Verantwortlichen des Golfclubs „Nurtau“ einen weiteren Schritt in die Offensive gewagt: Erstmals in der Geschichte dieser ehemaligen Sowjetrepublik findet ein internationales Golfturnier der „European Challenge Tour“ auf kasachischem Boden statt. Weil nun aber der hiesige Journalist von Golf nichts versteht, luden die Organisatoren im Vorfeld zu einer Informationsveranstaltung ein, inklusive Exkursion auf den Golfplatz. Denn nichts wird dem Zufall überlassen auf Kasachstans Weg zur Golfnation, die richtigen Leute sind hier am Werk. Bilder im Clubhaus zeigen etwa, wie der kasachische Präsident im Golfoutfit, einem Feldherren gleich, über die peinlich genau gemähten Wiesen zieht. In seiner Eröffnungsrede lobt er dann auch den Golfsport über den grünen Klee und bezeichnet ihn als einen „Sport des Friedens“. Und friedlich ist die Athmosphäre wirklich, wenn man erst mal aus städtischen Slums und Feierabendverkehr durch das gut bewachte Tor auf die Allee zum Golfclub fährt. Im Garten vor dem Clubhaus sind die fahrbaren Golfsäcke geparkt, scheinbar wartend auf ihre Herren, die unter ausladenden Sonnenschirmen in teuren Markensportsachen an den kostenlosen Drinks nippen. Andere Saubermänner schlendern lässig über die Grünanlage, verfolgt von schwitzenden golfsackschleppenden „Caddys“. Und wieder andere feilen noch verbissen in der „Driving Range“ an ihren Abschlägen. Schließlich geht es in den nächsten vier Tagen darum, etwas abzubekommen von den 250.000 Euros Preissumme, übrigens die höchste Dotierung eines Turniers der zweitrangigen „European Challenge Tour“. Zudem winkt für jeden „Hole-in-one-Schlag“ ein Automobil von Audi. Aber Geld allein reicht nicht als Motivation. Die Spieler der Top 50 der Challenge Tour sind hergekommen, um sich zum Saisonausklang noch den einen oder anderen Punkt zu sichern. Denn wer sich am Ende des Jahres unter den ersten 20 befindet, spielt nächstes Jahr auf der „Großen Tour“.

Ein Schweizer hat große Pläne

Nicht mehr über die Challenge Tour qualifizieren kann sich der erfolgreichste Schweizer Golfprofi André Bossert. Vor dem Turnier sitzt der 1.90 m große Hüne gelassen im Clubhaus und gibt bereitwillig Auskunft. Er ist positiv überrascht von den in Kasachstan vorgefundenen Bedingungen: „Ich kenne Russland, wo es recht wild zugeht, und war daher erstaunt, als ich den Flughafen in Almaty sah. Und auch der Golfplatz erinnert mit den Bergen im Hintergrund eher an Südafrika, wo ich aufgewachsen bin. Natürlich rollen die Bälle hier nicht wie auf den „Greens“ bei den US-Open, aber die Bedinungen sind besser als erwartet und die Leute sehr nett“, sagt Bossert. In der Tat hat der Golfclub im Hinblick auf das spezielle Event extra einen europäischen Greenkeeper angestellt, der sich seit einem Jahr um die Gräser im „Nurtau“ kümmert – mit  Erfolg. Und den Erfolg in Kasachstan sucht auch André Bossert: „Ich will am Ende der Saison zumindest unter die Besten 80 der Tour kommen, dazu brauche ich hier eine Top-5-Klassierung. Ich fühle mich gut und habe in den letzten drei Wochen speziell mit mentaler Unterstützung gearbeitet.“ Bossert ist mit seinen 43 Jahren der Methusalem im Teilnehmerfeld, eine lange Verletzungspause zwang den ehemaligen „Tourspieler“ dazu, sich nun mit der „zweiten Garde“ von Loch zu Loch zu schlagen. Deshalb hat für ihn die Challenge Tour nicht erste Priorität: „Für mich ist es wichtig, ab und zu an einem großen Turnier teilzunehmen. Die Athmosphäre, die Plätze und die Zuschauer sind einfach etwas ganz anderes. Ganz zu schweigen von den Preissummen.“ Ziel sei es natürlich, auch wieder zur internationalen Elite zu gehören. Zu diesem Zweck wird Bossert schon im November an einem Ausscheidungsturnier für die European Tour teilnehmen.

Kasachische Schlusslichter

Auf den Bonzenstatus seiner Sportart angesprochen, meint André Bossert: „Als ich 1988 nach Europa kam, wurde ich oft schräg angeschaut, wenn ich mich als Golfer outete. In der Schweiz etwa war Golf elitär und teuer, weil schlicht und einfach das Land für Golfplätze fehlt und Arbeitskräfte ein Vielfaches kosten im Vergleich zu anderen Ländern. In Südafrika wird Golf von Schwarzen und Weißen gespielt und an Schulen neben anderen Sportarten angeboten.“ Dank seines dopinglosen Images wird Golf auch in der Schweiz mehr und mehr zum Breitensport, und es gibt bereits fünf öffentliche Plätze. André Bossert bestätigt: „Golf ist wirklich ein irrsinniger Sport für jedermann, und am Ende gewinnt der mit den wenigsten Schlägen.“

So kam es, dass Julien Clément, der andere Schweizer, bei den ersten Kasachstan Open nach dem zweiten Turniertag in Almaty das Feld mit lediglich 132 Schlägen anführte, während Bossert, abgeschlagen auf Rang 80, das Finale von der Zuschauertribüne aus beobachten musste. Am Ende siegte der Ire Stephen Browne mit 273 Schlägen, Clément fiel zurück auf den neunten Platz.

Von den vier Kasachen, die am Turnier teilnahmen, schieden zwei aus. Nurlan Bisakow lieferte mit Platz 97 das beste Resultat, dicht gefolgt von Nurlan Makulbekow auf dem 99. Rang. Immerhin kann sich Makulbekow damit brüsten, als „Caddy“ des Schweizers Clément hautnahe beim Erfolg dabei gewesen zu sein. Und eins ist sicher: Nächstes Jahr gibts eine zweite Chance für die Kasachen, wenn sich die Golfelite wieder auf zentralasiatischem Rasen zur „European Challenge Tour“ trifft.

30/09/05