Im Sommer ist es in Städten wie Nur-Sultan populär, ein Ethnodorf zum Stadtfest aufzubauen. Eine ganze Menge von großen weißen Jurten stehen dann dort, voll mit Souvenirs oder kulinarischen Spezialitäten. Aber lange Zeit hat dabei niemand an die Kinder gedacht – die fragten sich: Warum gibt es keine kleinere Jurte zum Spielen?

Ein ehemaliger Bauer aus dem Gebiet Almaty kam einst auf den Gedanken, eine Ethno-Jurte aufzubauen – ungewöhnlich und nicht alltäglich. Es ist eine Möglichkeit, sich als ein Nomade zu fühlen. Dadurch kann heute jeder eine echte kleine Jurte errichten. Die Kinder freuen sich darüber besonders; sie spielen in der Jurte und klettern gern unter das Schanyrak (ein Dach). Doch ursprünglich ging es weniger darum, die große Nationalbehausung der Kasachen nachzubauen, wie um einen Protest gegen fremde Spiele.

Unerwartete Inspiration

Aidar Beksultan, der ehemalige Bauer, ist auch ein kinderreicher Vater. Seine Kinder lieben es, wie alle anderen, zu spielen. Eines Tages wählten sie als Spielgerät im Hof einen fremdartigen Wigwam mit kuscheliger Atmosphäre, und das zehrte lange Zeit an seiner Seele. Aidar kam plötzlich auf die Idee, etwas Modernes und zugleich Verwandtes zu basteln.

Der patriotische Ärger resultierte darin, dass Aidar ein kleines Spielhäuschen im Ethnostil entwickelte. Doch damit nicht genug – er entschied auch noch, ganz Kasachstan damit zu versorgen. Außerdem kauften einige ehemalige Landsleute, die in die USA oder nach Großbritannien emigriert waren, seine kleinen Jurten zur Erinnerung an die Heimat. Den Käufern geht es darum, in einem neuen Zuhause richtig Wurzeln zu schlagen und gleichzeitig den Himmel durch ein kasachisches Schanyrak zu erblicken.

Bastelmaterial

In Kasachstan sind es hauptsächlich Kindergärten, die Ethnospielzeuge kaufen. Aber auch die Idee, so etwas zum Familienpicknick mitzunehmen, wird zunehmend populärer. Obwohl die Jurte circa 20 Kilo schwer ist, kann man sie mühelos in eine spezielle Tasche einpacken.
Man braucht kein Kamel oder ein anderes „Nomadenverkehrsmittel“ mehr, um die Ethnojurte zu transportieren. Es reicht ein Auto. Ansonsten ist alles wie bei einer normalen Jurte.

Das Häuschen besteht aus mindestens sechs Teilen. Im Kasachischen nennt man diese „Uyk“. Wenn man ein größeres Haus bauen will, dann braucht man mehr Teile dafür. In der Regel ist es aber genug, zehn Teile zu haben, um das Nomadenhaus aufzubauen.

In alten Zeiten baute man Jurten aus Weide. Aidar aber bastelte sie aus Birkenholz. Den Filz dafür rollt man mit der Hand. Die Arbeit dauert insgesamt zwei Tage. Die ganze Familie nimmt daran teil – die Männer errichten die Behausung, und die Frauen sorgen, wie üblich, für die Gemütlichkeit. Alle Ornamente stickt man mit der Hand.

Leben im Freien

Aidar ist der Sohn eines Schäfers. Er ging oft mit aufs Feld (im Kasachischen „Zhajlau“) und kann daher Jurten ohne Problem aufbauen. Die heutige Generation dagegen weiß gar nicht mehr, wie man das macht. Man könnte das ändern, indem Kinder öfter die Jurte zusammen mit ihren Eltern aufbauen. So funktioniert Traditionspflege.

Von Beruf ist Aidar Künstler und Bildhauer. Sein späterer Weg war schon in der Kindheit vorgezeichnet, denn er ging nie ohne einen Bleistift und sein Bilderheft aufs Feld. Heute arbeitet er im Baubereich.

Wichtige Details

Während die Familie die Jurte aufbaut, hören sich die Kinder ganz aufmerksam Geschichten an. Zum Beispiel, dass der Eingang im Osten sein sollte, damit die aufgehende Sonne alle Steppenarbeiter weckte. Oder, was noch wichtiger ist – man durfte auf keinen Fall auf die Schwelle treten. Das war ein Tabu, weil es eine böse Absicht des Gastes bedeutete. Bunte Bänder hingen an der Decke und schützten Menschen vor bösen Geistern. Und das Schanyrak brauchte man für die Götter, die durch dieses „Dach“ die Menschen anschauten. Es gilt als das wahre Fenster zum Himmel. Dazu ist noch zu erwähnen, dass es in der Jurte einen Frauen- und einen Männerbereich sowie sieben weitere Zonen gab. Jede Zone hatte ihren eigenen Zweck.

Pläne für die Zukunft

Aidar will die Idee für seine Kinder weiterentwickeln – das Geschirr, die Möbel und alles andere sollen echt sein. Sogar moderne Spielsachen will er ersetzen – beispielsweise soll Barbie gegen die schöne Kunekej und der berühmte Superman gegen Batyr Tolagaj umgetauscht werden.

Diana Odinzowa

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