Wenn Kasachen heiraten, gibt es drei Feste für die gesamte Verwandtschaft und einen Hammelkopf für den Brautvater – ein Bericht über Hochzeits-traditionen in Kasachstan.

Saule M. ist etwas spät dran. Die Deutschlehrerin aus Taldykorgan ist 36 Jahre alt und damit ein statistischer Ausreißer unter den Bräuten Kasachstans. Denn im zentralasiatischen Land sollten Mädchen idealerweise vor dem 25. Lebensjahr unter die Haube kommen. Es wundert also nicht, dass der Durchschnitt der jungen Frauen am Traualtar bei 24 Jahren liegt. Vor einem Altar landen die Brautpaare übrigens selten, denn christliche Hochzeiten sind in Kasachstan eine Ausnahme. Dafür haben die Kasachen ein eigenes, unerschöpfliches Repertoire an Bräuchen, das unaufhörlich mit islamischen Traditionen und westlichen Trends angereichert wird.

Auch Saule M. und ihr Verlobter Ulan N. legen großen Wert auf eine traditionelle kasachische Hochzeit. „Wir sind Kasachen. Es ist wichtig, dass wir die Traditionen unserer Kultur aufrechterhalten und fortführen“, erklärt Saule. Seit dem ersten August stecken beide mitten im vierwöchigen Vermählungsprozess. Die erste Feierlichkeit „kyz uzatu“ haben sie bereits hinter sich gebracht. Zwei weitere stehen ihnen noch bevor. Bei der Schließung des Ehebunds ist die Vermählung der beiden Familien nämlich fast genauso wichtig, wie diejenige von Braut und Bräutigam.

Gold und Geschenkerituale

„Kyz uzatu“ bedeutet so viel wie „Verabschiedung der Braut“. Die Braut wird während dieser Feier von ihrem Vater symbolisch für die Ehe freigegeben. Hierzu lädt die Familie der Braut zu einem großen Fest ein. Bei Saule und Ulan waren es über hundert Gäste. Dabei trägt die Braut häufig eine prächtig verzierte nationale Tracht. Die Gäste kommen schwer beladen mit Geschenken für die wichtigsten Verwandten der Braut, das können 15 oder auch mehr Personen sein. Kostbare Geschenke wie Goldschmuck sind nicht unüblich. Saule M. erhielt von ihren Schwiegereltern Goldohrringe mit Edelsteinen. Sie sollen zeigen, dass sie von nun an Ulans Braut ist und damit zu seiner Familie gehört. In den Wochen der Vermählung werden immer wieder Geschenke, auch außerhalb der Feierlichkeiten, zwischen den Familien ausgetauscht. Diese Tradition nennt man „ki’it“.

Das zweite Fest „zhigittyn toj“ findet im Hause der Familie des Bräutigams statt. An einer reich gedeckten Tafel heißt die Gemeinschaft die Braut willkommen.

Antrag per Telefon

Die ausschweifenden Festlichkeiten und der Austausch unter den Verwandten sind nicht zuletzt deshalb so wichtig, da sowohl Braut und Bräutigam als auch die Angehörigen einander in der Regel noch gar nicht lange kennen. Auch bei Saule und Ulan ging es für europäische Verhältnisse ganz schnell. „Ein Jahr mit der Vermählung zu warten ist für uns schon sehr lang“, kommentiert die zierliche Kasachin mit schulterlangem Haar und lacht. Saule lernte den 39-jährigen Agrarunternehmer Ulan auf einer Geschäftsreise nach Almaty kennen. Dreimal hatten sie sich getroffen. Dann rief Ulan an und teilte Saule mit, dass er sie seinen Eltern vorstellen möchte. Ihre Zustimmung galt als Jawort.

Nun laufen die Vorbereitungen für das letzte, große Fest, bei dem sowohl das Standesamt als auch die Moschee besucht werden. Saule ist überraschend entspannt und genießt die besondere Zeit der Vermählung. Anders als in der westlichen Welt übernehmen die Familien des Brautpaares die komplette Organisation und Finanzierung der Hochzeit. „Wir machen nichts“, freut sich Saule.

Aller guten Dinge sind drei

Dem Brautvater wird ein gekochter Hammelkopf serviert. | Bild: cc Peretz Partensky flickr

Unabdingbar für den dritten und letzten Teil der Hochzeitsfeierlichkeiten ist ein „tamada“, eine Art Zeremonienmeister und Experte für kasachische Riten. „Ich moderiere die Hochzeitsgesellschaft mit Spielen, Wettbewerben, Musik aber auch traditionellen Ritualen durch den Abend“, erklärt der 33-jährige Arman Alim seine Arbeit. Zentrales Element ist dabei der „betaschar“. Hierbei besingt ein Dombraspieler, der „akyn“, die Vorzüge und die Schönheit der Braut und spielt dazu auf dem zweisaitigen Nationalinstrument Kasachstans. Anschließend enthüllt er das Gesicht der Braut, indem er den Schleier mit der Spitze seines Lauteninstruments lüftet. Als Zeichen ihrer Ehrerbietung verbeugt sich die Braut nun vor jedem einzelnen Angehörigen des Bräutigams. Man nennt diesen Brauch „salem“.

Das Geschäft mit der Ehe boomt. Das Gehalt eines „tamada“ liegt im dreistelligen Bereich, zum Teil bis zu 5.000 Euro pro Abend. Arman arbeitet in Almaty, der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans, und kann sich über die Nachfrage nicht beklagen. Zwei– bis dreimal pro Woche begleitet er junge Paare und deren Familien in den Bund der Ehe.

Eines ist wohl in jedem Land Hochzeitstradition: Es werden Köstlichkeiten gereicht, dass sich sprichwörtlich die Tische biegen. In Kasachstan serviert man dem Brautvater eine besondere Delikatesse: Ein gekochter Hammelkopf symbolisiert seine Stellung als Familienoberhaupt. Die Einzelteile des Tierkopfes werden ihrer Bedeutung nach an die jeweiligen Gäste verteilt. „Die Ohren werden den Kindern serviert, damit sie gehorchen. Der Gaumen geht an die Frauen, da in Wirklichkeit sie das Sagen in der Familie haben. Und die Augen werden zwar nicht gegessen, werden aber der ältesten Frau zugeteilt, damit sie alle Angehörigen gut im Auge behält und über sie wacht“, erklärt Arman.

Alkohol spielt auf kasachischen Hochzeiten eine zunehmend geringere Rolle.

„Mittlerweile wird fast jede zweite Hochzeit, die ich begleite, „halal“ abgehalten. Die islamische Tradition verbietet es, Alkohol zu trinken. Man könnte meinen, dass diese Hochzeiten vergleichsweise langweilig ausfallen. Ich versichere Ihnen jedoch, dies ist keineswegs der Fall“, schmunzelt der gefragte Hochzeitsmoderator.

Bloß kein weißes Kleid

Eine kleine Aufgabe muss Saule bei Ihrer Hochzeit doch selbst verrichten, nur hat sie noch nicht die Zeit gefunden, um ihre Hochzeitsrobe auszusuchen. Eines steht für sie jedoch fest: Es soll kein weißes Kleid werden. „Weiß ist in der kasachischen Kultur eine Farbe der Trauer. Zur Beerdigung tragen Frauen weiße Kopftücher“, begründet sie ihre Entscheidung. Den kegelförmigen Hut mit Federspitze „saukele“ will Saule ebenfalls aufsetzen.

Nach all den Feiern, dem persönlichen und finanziellen Einsatz der gesamten Verwandtschaft könnte man meinen, dass kasachische Ehepaare größere Skrupel hätten, sich zu trennen als westliche Pärchen. Überraschenderweise wird jedoch auch in Kasachstan jede dritte Ehe geschieden.

Dieser Text ist im Rahmen der VIII. Zentralasiatischen Medienwerkstatt (ZAM) entstanden. Die ZAM ist ein Kooperationsprojekt der Deutschen Allgemeinen Zeitung, des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), der Goethe-Institute Almaty und Taschkent, des deutsch-russischen Jugendportals To4ka-Treff sowie der Friedrich Ebert Stiftung.

Von Alexandra Wedl, Anastasia Sadovnikova, Olga Herschel