Die Fitnessbranche leidet besonders stark unter der Coronakrise. Fitnessstudios mussten während des Lockdowns schließen, und seit der zaghaften Öffnung bleiben immer noch viele Kunden dem Präsenztraining fern – aus Skepsis, wegen der neuen Regeln, oder weil es inzwischen neue Möglichkeiten gibt, auch zuhause zu trainieren. Jana Iwtschenko vom 18. Gymnasium in Almaty hat einen Fitnesstrainer getroffen, der aus erster Hand über die aktuellen Probleme der Branche berichtet.

Die Pandemie hat zweifellos alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens beeinflusst. Während manche Branchen etwa von einem Digitalisierungsschub profitierten, leiden andere massiv unter den sozialen Distanzregeln. Mit am härtesten betroffen sind die Gastronomie sowie die Reise– und Freizeitbranche. Durch das Coronavirus sind einer Vielzahl von Unternehmen und Einrichtungen enorme finanzielle Einbußen entstanden. Das erlebt auch Nikolai Tschernikow, der in Almaty als Fitnesstrainer arbeitet, am eigenen Leib. „Der Lockdown hat den Gewinnfluss vollständig blockiert“, lautet sein ernüchterndes Fazit für die Frühlings– und Sommermonate. Viele Einrichtungen seien dadurch gar in ihrer Existenz bedroht: „Die Clubs hatten letztendlich keine Mittel mehr, um die Miete zu zahlen. Niemand war auf ein solches Ereignis vorbereitet, weder die Eigentümer der Clubs noch die Vermieter. Für einige Fitnessstudios war endgültig Schluss, da die Eigentümer der Räumlichkeiten keine Nachsicht hatten. Sie mussten für immer schließen.“

Doch nicht nur für die Clubs selbst, sondern auch für die Besucher, mit denen Nikolai als Trainer stets in engem Kontakt steht, ist die aktuelle Situation eine Katastrophe. „Können Sie sich vorstellen, welche Anstrengungen und Investitionen dieser Sport von Athletеn und Bodybuildern verlangt? Viele von ihnen begannen im Winter, sich auf Wettkämpfe vorzubereiten, und im Frühjahr konnten sie nicht teilnehmen“, klagt der Fitnesstrainer. Die Folge: Den Organisatoren der Turniere entstanden hohe Verluste. Und für die professionellen Bodybuilder sieht Nikolai sogar Folgen, die über den finanziellen Aspekt hinausgehen. So spiele es auch für die Psyche eine negative Rolle, wenn man über einen langen Zeitraum hart und konzentriert für einen Wettkampf trainiere, große Anstrengungen auf sich nehme, und am Ende erkennen müsse, dass alles umsonst war.

Viele haben zur Zeit kein Geld für’s Fitnessstudio

Für die Clubs habe sich die Situation laut Nikolai auch nach der Wiedereröffnung nicht substantiell verbessert – und das, obwohl man gerade jetzt, nach Monaten in den eigenen vier Wänden, ein größeres Interesse an körperlicher Fitness und Bewegung beobachte. Schließlich hätten die Menschen so weniger Energie verbraucht, und da kann schon mal das ein oder andere Pfund dazukommen. Problem nur: Auch die einfachen Stammgäste der Fitnessstudios haben aktuell weniger Geld in der Tasche, nachdem viele von ihnen über einen längeren Zeitraum kaum Einkünfte hatten und zudem die Inflation im Zuge des Ölpreisverfalls angezogen ist. „Natürlich hat jetzt nicht jeder die Mittel und die Zeit, sich um seine Fitness zu kümmern“, schildert Nikolai. Die Anzahl der Kunden sei um das Dreifache gesunken. Verlierer dieser Entwicklung seien alle beteiligten Seiten: „Die Menschen sind nicht mehr fit, ihre Immunität ist geschwächt, und die Fitnessbranche befindet sich auf dem Rückzug.”

Mögliche zusätzliche restriktive Maßnahmen, die steigende Fallzahlen in den kommenden Monaten mit sich bringen könnten, rufen bei Nikolai wie auch anderen Mitarbeitern der Fitnessbranche Besorgnis hervor. Denn schon jetzt würden auch die bereits vorhandenen Regeln und Empfehlungen Kunden verunsichern. Markierungen zur Einhaltung der sozialen Distanzregeln etwa, oder maximale Auslastungskapazitäten von 50 Prozent bzw. einer Person pro fünf Quadratmeter.

„In kleinen Lebensmittelgeschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es immer Gedränge, aber es sind keine Markierungen erforderlich“ kritisiert Nikolai. „Aber gerade dort riskieren Menschen, sich mit dem Virus anzustecken – und nicht in einer gut belüfteten, geräumigen Fitnesshalle, die regelmäßig nach Zeitplan mit Antiseptikum behandelt wird.“

Hohe Strafen bei Regelverstößen belasten zusätzlich

Hinzu kommt, dass Fitnessclubs regelmäßig von verschiedenen Kommissionen kontrolliert werden. Schon kleine Verstöße gegen die geltenden Regeln können viel Geld kosten. Die Rede ist derzeit von Beträgen um die 278.000 Tenge – was beim aktuellen Kurs rund 550 Euro entspricht. Somit kann ein Besucher, der sich nicht an die sozialen Distanzregeln hält, theoretisch dafür sorgen, dass ein Fitnessclub einigen seiner Angestellten nur die Hälfte des Monatslohns zahlen kann. Für Clubs, die während der gesamten Quarantäne geschlossen bleiben mussten, ist die Situation bedrohlich: Sie haben über einen längeren Zeitraum kaum Geld verdient und drohen jetzt, noch welches zu verlieren.

Natürlich kennt die Fitnessbranche auch in Zeiten von Corona nicht nur Verlierer. Das zeigt das Beispiel großer globaler Anbieter von Home-Fitness-Lösungen wie Peloton und Nautilus, die ihre Fitnessgeräte zur Haustür liefern und obendrein noch maßgeschneiderte Online-Trainingskurse zusammenstellen. Auch stationäre Fitnessstudios sind zunehmend dazu übergegangen, Online-Kurse aufzuzeichnen und für Ferntrainings zur Verfügung zu stellen. Nikolai Tschernikow als professioneller Fitnesstrainer sieht dies naturgemäß kritisch. Die Online-Kurse könnten Präsenztrainings nicht Eins zu Eins ersetzen und führten dazu, dass Übungen fehlerhaft verinnerlicht würden.

„Eine beträchtliche Anzahl von Menschen nimmt normalerweise an solchen Trainings teil, und der Trainer ist einfach nicht in der Lage, Fehler durch Videokommunikation zu korrigieren und jedem Kunden die richtige Technik für die Durchführung der Übungen zu vermitteln. Dadurch führt ein Großteil der Gruppe die Übungen falsch durch, und ein solches Training führt zu keinem positiven Ergebnis.“ Zudem steige so auch das Verletzungsrisiko, gibt Nikolai zu bedenken. „Natürlich ist es theoretisch möglich, ein effektives Online-Training für zwei oder drei Personen durchzuführen, aber einige Clubs haben Gruppen mit einer riesigen Anzahl von Kunden rekrutiert, um zumindest ein wenig Einkommen zu erzielen.”

Prognosen für die Zukunft kaum möglich

Was die Zukunft bringt, weiß Nikolai nicht. Wie viele andere Mitarbeiter der Fitnessbranche stehen auch er und sein Club vor einer ungewissen Zukunft. „Aktuell gibt es keinen Anlass dafür, eine Prognose abzugeben“, sagt er. „Es ist schwierig, für die kommenden Monate etwas vorherzusagen, ohne zu wissen, was uns morgen erwartet.” Wichtig sei nun, dass es keinen neuen Lockdown mit strengen Quarantänemaßnahmen wie im Frühjahr gebe, damit die Clubs wenigstens den Minimalbetrieb aufrechterhalten könnten. „Dann kann sich die Situation innerhalb der nächsten sechs Monate stabilisieren.“ Das gehe aber nur, wenn die Bevölkerung wieder finanziell fest auf beiden Beinen stehe und Ausgaben tätigen könne.

Der Fitnesstrainer hofft nun, dass auch ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein Kunden zurück zu den Fitnessstudios bringen könnte. „Aktuell ist niemand sicher, aber das Vertrauen muss schrittweise zurückgewonnen werden. Sport ist jetzt ein wichtiger Schritt hin zur Stärkung des Immunsystems“, so Nikolai. Seine Botschaft an Fitnessliebhaber, aber auch die Gesellschaft als Ganzes: „Vernachlässigen Sie nicht Ihre Gesundheit! Hören Sie nicht auf, auf sich selbst aufzupassen, und wir werden das alles überstehen.“

Jana Iwtschenko

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