Dagmar Schreiber arbeitet als Expertin für Tourismusentwicklung seit Juli 2008 in Almaty. Sie betreut im Informations- und Ressourcenzentrum Ökotourismus ein Netzwerk von ländlichen Gästehäusern in den schönsten Regionen Kasachstans. In ihrer DAZ-Serie stellt die bekennende Kasachstanfreundin lohnenswerte Reiseziele vor. In dieser Woche nimmt sie die DAZ-Leser mit zu den westlichsten Ausläufern des Tianschan-Gebirges – nach Kaskasu.

/Bild: Dagmar Schreiber. ‚Interessanter Ausblick: Pferdefleisch auf der Wäscheleine.’/

Auf dem Bahnsteig in Schymkent steht ein kleiner kasachischer Herr im Opa-Alter, mit auffallend aufrechter Haltung und aufmerksamen Augen. Meine Kolleginnen stellen ihn mir vor: Adilchan Abdeschewitsch, unser lokaler Koordinator, früher war er Jagdflieger. Unser Gepäck und wir werden flugs verladen in einen sauberen japanischen Kleinwagen, dann fahren wir in die nasskalte Morgendämmerung südöstlich von Schymkent hinein.

Unterwegs zu den Anfängen der kasachischen Rechtssprechung

Hier und da hält unser Begleiter an, um uns markante Punkte der kasachischen und lokalen Geschichte zu zeigen. In Sairam besichtigen wir frierend ein altes Minarett und zwei Mausoleen, davon eins für die Mutter des legendären Hodscha Achmed Jassawi. Danach gibt es in einer typisch usbekischen Schaichona (Teestube) grünen Tee und Samsa, beides irgendwie abgestanden, aber wenigstens heiß. Derartig aufgewärmt, geht es weiter zum Martöbe, einem Hügel, wo die drei kasachischen Rechtsgelehrten Aiteke Bi, Töle Bi und Kasybek Bi vor 300 Jahren eine Art erstes kasachisches Zivilgesetzbuch beschlossen und verkündet haben, um dem Blutvergießen zwischen den Stämmen ein Ende zu bereiten. Im Dorf Georgijevka, einem der ganz wenigen Orte mit russischem Namen in dieser fast nur von Usbeken und Kasachen besiedelten Grenzregion, wird uns eine schöne russisch-orthodoxe Kirche gezeigt, in der gerade ein Gottesdienst läuft. Zitternde Stimmen vieler alter Frauen beten hinter der Tür inbrünstig für irgendetwas, ich flehe insgeheim um schönes Wetter oder ein heißes Bad.

Und dann kommt das Gebirge langsam näher. Das heißt, es ist natürlich andersherum, wir fahren immer dichter ans Gebirge heran, aber mir scheint es, als ob eine unsichtbare Hand den Grauschleier vor den Bergen wegzieht und das ganze Massiv in unsere Richtung schiebt. Da stehen sie: Der Pik Sairam mit seinen 4.500 Metern und das ganze schöne Massiv Sairam-Ugam mit seinen schneebedeckten Gipfeln, der westlichste Ausläufer des 2000 Kilometer langen Gebirgszuges Tian-Schan. Meine Stimmung verbessert sich schlagartig, als wir am Fuße dieser Bergkette in ein von langen Pappelreihen geschmücktes Dorf fahren, ununterbrochen dieses Panorama vor Augen. Tönkeris.

Matten statt Betten und Stühle

Unser Gästehaus erweist sich als neues, ordentlich verputztes Lehmgebäude, sehr geräumig und sauber. Uns dreien wird das hintere Zimmer zugewiesen, circa 10 Quadratmeter Teppich und an der Wand auf den Truhen aufgestapelt die Korpesch, die gesteppten Matten, auf denen Kasachen so gern sitzen und schlafen. In diesem Haus gibt es weder Betten noch Stühle, das ganze Leben scheint sich auf dem Boden abzuspielen. Zu meiner Überraschung entdecke ich Heizungsrohre – sie führen vom Lehmofen in der Küche durch alle Zimmer – und sind warm. In diesem Haus sollen wir bis zum nächsten Tag bleiben, nach dem Mittagessen wird hier der erste Teil der dreitägigen Schulung für die Betreiber ländlicher Gästehäuser in Südkasachstan stattfinden. Ungläubig besehe ich mir den dafür vorgesehenen Schulungsraum: Der sogenannte Saal, circa 10 mal 5 Meter groß, ist möbliert mit einem langen, flachen Tisch, einer Schrankwand und einem Diwan.

Ich gehe in den Garten, um mir den Abtritt und die Sauna anzusehen. Der Zustand dieser beiden Hygiene-Einrichtungen ist wichtig für die Zertifizierung des entsprechenden Gästehauses. So ein Gästehaus kann ein goldenes, silbernes, bronzenes oder gar kein Zertifikat erhalten, je nach dem, wie viele Punkte von 112 möglichen es zugesprochen bekommt für Qualitätsmerkmale wie Sauberkeit, Sicherheit, Funktionalität und Information in den Ess-, Wohn-, Schlaf- und eben den Hygienebereichen. Die Sauna macht einen einfachen, aber sauberen Eindruck, ich hoffe einem abendlichen Schwitzbad entgegen. Als ich um die Ecke des weit vom Haus entfernten Klohäuschens biege, stutze ich. Drei Hunde, alle ziemlich dick, liegen auf dem großen Rasenstück und kauen vernehmlich knackend auf irgendetwas herum. Große rote Pfützen sind in der Mitte einer riesigen Plastikfolie zusammengelaufen. Es riecht irgendwie süßlich. Ein Seitenblick von mir erhascht, dass ein Junge schwer an einem Gegenstand schleppt. Ich gucke genauer hin. Es ist ein Pferdekopf. Ich verschwinde schnell im Klohäuschen, und als ich wieder herauskomme, habe ich den Beschluss gefasst, im Verlaufe des heutigen Tages in diesem Hause nur Fladenbrot und Sahne zu mir zu nehmen.
Es kommt anders. Das Mittagessen ist köstlich, eine kräftige heiße Brühe mit Kartoffeln und Fleisch lässt die Lebensgeister zurückkehren, das Fleisch auf dem danach servierten Kartoffelberg lasse ich allerdings liegen. Abends gibt es natürlich das kasachische Nationalgericht Beschbarmak, und es ist eindeutig frisches Pferdefleisch, was da auf den Nudelfladen angerichtet ist, aber so appetitlich, dass ich es wage. Schließlich will ich unsere Gastgeber auch nicht verletzen. Sie haben eines ihrer beiden Pferde für die 30 Gäste geschlachtet. So viele Interessierte nehmen an der nachmittäglichen Schulung teil, und alle passen um den großen Tisch herum. Noch nie habe ich im Schneidersitz ein Seminar vor auf dem Boden hockenden Zuhörern gehalten. Es läuft gut, das Publikum ist aufmerksam und neugierig und wohlwollend, die Teepause in der Halbzeit allerdings ein weiterer Anschlag auf meinen Hosenbund. Oft habe ich es gehört, jetzt wird es bewiesen: In Südkasachstans Dörfern ist das gemeinsame Sitzen und Reden und Essen eine Art kultische Veranstaltung, es wird so lange wie möglich ausgedehnt, und man kann dabei alles verbinden: Essen mit Verhandeln, Trinken mit Lernen.

Warten auf warmes Wasser

Die Hoffnung auf einen Saunabesuch nach diesem ersten Schulungs- und Schlemmertag erfüllt sich allerdings nicht. Lailja hat genug mit den vier kleinen Kindern zu tun, Dauylbek muss wohl die Fleischberge verarbeiten – keiner da, um das Schwitzhaus anzuheizen. Also vertrösten wir uns auf den nächsten Tag, putzen uns lediglich die Zähne am gut einsehbaren Waschbecken vor dem Haus und legen uns ungewaschen auf unsere Matten.
Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Kaskasu – immer am Gebirgsrand entlang. Unser Morgenprogramm hat Adilchan Abdeschewitsch in die Berge verlegt, ins Tal des Flüsschens Kaskasu, zu den wilden Aprikosenbäumen, die in flammendem Rot an den Hängen stehen. Eine kleine Wanderung, leider im Regen, soll uns zeigen, was die Touristen hier an Naturschönheiten erwartet. Zu Fuß oder auf dem Pferderücken kann man Ein- oder Mehrtagestouren ins Gebirge unternehmen, in Begleitung eines Führers. Weder darf man ohne Führer in den Nationalpark Sairam-Ugam noch sollten Reitanfänger auf die Begleitung eines Profis verzichten.

Mittags zertifizieren wir zwei Gästehäuser in Kaskasu, nachmittags folgt wieder ein Trainingsseminar. Unser Gastgeber Orynbasar begleitet uns zum Abendspaziergang, und zuerst zeigt er uns stolz seinen Apfelgarten und das kleine Wasserkraftwerk, das er vor zwölf Jahren selbst gebaut hat und das sein Haus mit kostenlosem Strom versorgt. Nur hier dringt abends Licht aus allen Fenstern. Die anderen Häuser funzeln vor sich hin – die neuen Strompreise sind zu hoch für die meisten Dörfler in Südkasachstan, man geht mit den Hühnern ins Bett oder lässt den Fernseher oder gar nur eine Kerze als Beleuchtung gelten.

Zurück im Gasthaus bin ich sauer, denn wieder gibt es kein warmes Wasser und vor allem keine diskrete Waschgelegenheit. Das einzige Waschbecken ist in der Diele angebracht, da, wo alle 30 Sekunden jemand durchläuft. Noch zwei Nächte und einen Tag bis zur Badewanne in Almaty. Wie soll ich das aushalten? Morgen ist noch ein Trainingstag in Dichankol, und wahrscheinlich rieche ich ja schon komisch. Angeblich merkt man es ja selbst nicht … Unauffällig schnüffele ich an meinem Shirt. Ich putze mir die Zähne und wasche wenigstens das Gesicht. Gehe mit einer Flasche aufs hölzerne Klohäuschen, das nicht einmal eine Tür hat. Und fasse mir dann ein Herz und frage Schursin, ob ich morgens einen Teekessel warmes Wasser zum Haarewaschen haben kann. Natürlich, sagt sie lächelnd.

Sobald es hell ist, stehe ich in der Diele und schaue mich suchend um. Der Teekessel steht dampfend auf dem Hocker neben dem Waschbecken. Vorsicht, sagt Schursin, es ist sehr heiß. Sie holt einen Schöpftopf, mischt heißes und kaltes Wasser und sagt: Beug Dich runter, ich helfe Dir. Und wäscht mir die Haare wie weiland meine Mutter. – Alles ist so einfach …

Ende Oktober 2008 ist die 3. Auflage von Dagmar Schreibers Reiseführer „Kasachstan entdecken“ erschienen.

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Kontakt

Zentrale des Zentrums für Ökotourismus Ecotourism Information Ressource Center Almaty, Zheltoksan-Straße 71 / Ecke Gogol-Straße. Tel.: +7 (727) 2 78 02 89, Fax: +7 (727) 2 79 81 46, e-mail: ecotourism.kz@mail.kz, website: www.eco-tourism.kz

Gästehäuser im Gebiet Ugam (Tönkeris, Kaskasu, Dichankol, Lenger) Verein „Ugam“, Adilchan Abdeschew. Gebiet Südkasachstan, Kreis Tole Bi, Lenger, Jubilejnaja-Straße 22. Tel.: +7 32547 61348 oder 62055, +7 701 2220328, e-mail: a3@ok.kz, a3ugam@mail.ru, website: www.ugam.kz.

Anreise aus Almaty: Am bequemsten mit dem Nachtzug aus Almaty nach Schymkent. Übernachtet wird im Zug, Liegewagen einfach, Coupe oder „Ljux“. Diese gemütliche Anreise dauert 13 Stunden. Abholung in Schymkent durch den lokalen Koordinator – nach vorherigem Anruf bei Adilkhan Abdeschev. Das Zentrum für Ökotourismus kann die Organisation übernehmen.

Von Dagmar Schreiber

13/02/09