In jeder deutschen Familie spielen Weihnachtstraditionen eine große Rolle. Doch nicht jede Familie hat pflegt die gleichen Bräuche. Dies zeigt ein Blick auf die Glückwunschkultur einer russlanddeutschen Familie.

Die fröhlichsten und freudigsten farbenprächtigsten Feiertage in unserem Dorf Nowoskatowka-Schöntal waren Weihnachten und Neujahr (Silvester). Ohne einen Tannenbaum, der unsere Wohnung schmückte, waren Weihnachten und Neujahr nicht vorstellbar. Man könnte denken, dass dieser Brauch schon immer bestand aber dem ist nicht so.

Die Heiden vergötterten die Nadelbäume wegen ihrem ewigen grünen Anzug und dachten, sie seien unsterblich. Deshalb wurden in dieser Zeit keine Tannen und Fichten gefällt. Im Winter, am Tag der Wintersonnenwende wurde im Tannenwald auf einer Lichtung, wo eine Tanne stand, ein Fest mit dem König, der Königin, ihrem Gefolge, den Spielmännern und dem Volk bis in die Nacht hinein gefeiert. Der einsame Tannenbaum wurde mit Stoffstreifen und verschiedenen essbaren Dingen geschmückt. Dann wurde um den Tannenbaum gespielt und getanzt.

Anfangs wurden nur Tannenzweige ins Haus gebracht. Später kam auch der Tannenbaum selbst in Haus. So hielt man es, bis das Christentum begann, doch die Menschen haben diesen Heidenbrauch nicht vergessen, weil die grüne Farbe Leben bedeutet.

Es ist kein Zufall, dass das Neujahr genau acht Tage nach Weihnachten liegt. Als Beispiel bringe ich zwei Neujahrswünsche vor.

Guten Morgen in aller Früh
deswegen bin ich hier.
Ich hab mich diese Nacht besonnen,
was für ein Tag wird kommen.
Heute ist der 8.Tag,
wo Jesus Kind geboren war.
Jesus mach‘ meine Wünsche wahr,
so seid ihr alte Eltern hier,
so geht ihr zu der Tür hinein,
so werde ihr bei dem Heiland sein.

* * *

Lukas schreibt, dass acht Tage nach der Geburt die Beschneidung des Kindes stattfindet, das dabei den Namen Jesus erhält. Der Neujahrstag kann auch als Tag der Beschneidung und Namensgeburt Christi begangen werden.

Es ist gang und gäbe sich vor Beginn des neuen Jahres einen „Guten Rusch“ zu wünschen.

Ich erinnere mich an folgende Neujahrswünsche:

* * *
Glück herein in euer Haus,
der Herr möchte
hier in Gnade walten,
das Böse aber treiben aus.
So viel Glück und so viel Segen
als wie Tröpflein in dem Regen,
alles Glück wird offenbar,
das wünsche ich
euch im neuen Jahr.

* * *
Ich wünsche euch
zum neuen Jahr viel Glück,
dass bei euch das Unglück
geht zurück.
Ihr sollt viele Jahre leben
und lasst euch nach dem Tod
zum Himmel begeben.

* * *
Liebe Freunde, Liebe Kinder,
einen guten Morgen
wünsche ich euch zum neuen Jahr.
Gott wird eure Seele
versorgen noch im diesem Jahr,
ja das ist wahr.

* * *
Glück im Haus,
Glück auf dem Feld,
Gott hat alles heimgestellt.
So viel Glück und so viel Segen,
als wie Tröpflein in dem Regen,
alles Glück wird offenbar,
dass wünsche ich
euch zum neuen Jahr.

Seit der Antike gehören zum Jahreswechsel Geschenke und Glückwünsche. Es folgen nach dem Wünschen fast immer kleine Gaben wie Geld oder Lebensmittel. Die Kinder bekamen Kleingeld und Süßigkeiten, zum Beispiel süße Rosinenbrötchen, Streuselkuchen, Bonbons, ganz selten Schokolade, Kringel, gebrannten Zucker, süße Plätzchen und so weiter. Die Erwachsenen bekamen meist etwas zu essen und zu trinken. Ich kann mich an folgende Kinderwünsche erinnern:

* * *
Ich wünsche Wünsche
und weiß nicht was,
legt mir in meine Tasche
und gibt mir was.

* * *
Ich bin ein kleiner König,
gebt mir nicht zu wenig.
Lasst mich nicht zu lange stehn,
ich muss noch ein Haus weiter gehn.

Bei Unzufriedenheit über den Geiz des Hausbewohners wurden folgende Sprüche ausgesagt:

* * *
Ich wünsche euch ein` Pudel,
mit langen Ohren, mit großen Tatzen,
die sollen euch das ganze Jahr
auf dem Bauch herumtreten.

* * *
Ich schieße euch ein Loch in die Tür.
Stellt mir ein Gläschen Branntwein
und ein Becher Bier raus.

* * *
Ich wünsche euch ein schlechtes
neues Jahr,
hunderttausend Läuse auf einem Haar.

Ein stark angetrunkener Mann aus meinem Dorf Schöntal hat für sich so einen Wunsch:

* * *
Ich bin ein großes Lab
und gebe mir ein Schnapsglas,
ein Schnapsglas ist nicht viel,
so lange bin ich ein Hackenstiel.

Die Wünsche und die Begeisterung vom Neujahr tragen viele Menschen ihr ganzes Leben mit sich. Vieles ist von Neujahrsbräuchen verloren gegangen, aber was geblieben ist, das soll man körnchenweise weiter sammeln und für die Nachkommenden aufbewaren. Wir alle sollen uns viel Mühe geben, damit die Neujahrsbräuche und die Wünsche nicht in Vergessenheit raten.

Von Alexander Weiz