Unser Autor Valentin Ospanov hat eine Familiengeschichte, wie es sie im multiethnischen Kasachstan häufig gibt: Kasachische Wurzeln finden sich dort ebenso wie russische und deutsche. Das macht es oft schwer, sich selbst einer Nationalität zuzuordnen – vor allem, wenn die eigene Selbstdefinition mit gesetzlichen Regeln und kulturellen Gewohnheiten aufeinanderprallt.

Vielleicht ist diese Geschichte für manch einen langweilig und uninteressant. Ein anderer mag sagen, dass ich nur nach Deutschland ausreisen will und aus diesem Grund meine Nationalität ändere – weil das eben vom BVA verlangt wird. Die nächsten werfen mir mangelnden Patriotismus vor, und wieder andere werden nur lachen: „Ach, was du nicht sagst! Na, komm schon! Bist du ein Deutscher? Du bist den Deutschen überhaupt nicht ähnlich! Du hast einen kasachischen Namen und einen russischen Vornamen!“

Diese und viele andere Aussagen habe ich mehrmals gehört. Ich wurde in einer internationalen Familie geboren. Als kleiner Lausbub empfand ich besondere, aufrichtige Gefühle für alles was mit „deutsch“ verbunden ist. Sei es die deutsche Küche, die deutsche Sprache, Geschichte, und Kultur. Von meiner Lieblingsgroßmutter, die eine besondere Rolle in meiner Erziehung spielte, habe ich all das geerbt. Ich erinnere mich oft daran, wie ich zum ersten Mal im Vorschulalter von meinen Altersgenossen nach meiner Nationalität gefragt wurde. Ganz unwillkürlich und selbstbewusst lautete meine Antwort, dass ich Deutscher bin. Seitdem hatte ich nur wenige Freunde, weil es ständig Kämpfe gab, in denen ich mich selbst mit Fäusten verteidigen musste und Konfliktsituationen durch Beleidigungen „Du bist Faschi!“, „Ach, du Fritz!“ alltäglich wurden. Meine Freunde gaben mir den Spitznamen „Bundi“ – in Anlehnung an die Bezichnung „Bundesbürger“. Obwohl ich schon 37 Jahre alt bin, höre ich auch heute noch oft von meinen ehemaligen Schulkameraden: „Hey Bundi! Na, was geht ab?“

Sprache als Schlüsselelement der eigenen Identität

Ab der fünften Klasse war im Schulprogramm eine Fremdsprache vorgesehen. Zur Verfügung standen nur Deutsch und Englisch. Die meisten der 32 Schüler in meiner Klasse haben Englisch gelernt und nur acht Personen – zusammen mit mir – haben Deutsch gewählt. Was mich angeht, musste ich mich nicht entscheiden, weil ich ganz sicher war, dass Deutsch meine Muttersprache ist. Dank sogenanntem Sprachgefühl, meine ich, fiel Deutsch mir immer leicht und galt immer als Lieblingsfach in der Schule. Mein riesiger Wunsch, Deutsch zu lernen und meine Kenntnisse im Bereich der Landeskunde zu vertiefen, löste bei anderen nur Spott und Vorwürfe aus.

In meiner ersten Schule hatte ich nur zwei Deutschstunden pro Woche. Ich war echt glücklich, als meine Mutter mich ins Gymnasium mit erweitertem Fremdsprachenunterricht geschickt hat, wo mein Lieblingsfach schon fünfmal pro Woche unterrichtet wurde. Die Fortschritte beim Deutschlernen gaben mir die Möglichkeit, mit vielen anderen begabten Schülern an der Bezirks-, an der Stadt- und einmal an der Republikolympiade für deutsche Sprache im Jahre 2003 in der Stadt Ust-Kamenogorsk teilzunehmen. Es machte mich stolz, dass die deutsche Sprache in Kasachstan auf so hohem Niveau geschätzt wird.

Auf dem Amt kamen die Probleme

Im Sommer 2001, als ich 16 Jahre alt war, habe ich in das Antragsformular für meinen ersten Personalausweis und Pass in die Spalte Nationalität „Deutscher“ eingetragen. Ich beschloss, das selbstständig zu tun, ohne meine Eltern um Hilfe zu bitten. Nachdem ich die Unterlagen übergeben hatte, war ich mit einem heftigen Missverständnis der Sachbearbeiterin der Behörde konfrontiert. Zuerst hat sie sich sehr gewundert und danach sogar mit mir geschimpft, als sie in meiner Geburtsurkunde gesehen hat, dass meine Eltern keine Deutschen (Kasachstandeutschen) sind.

Sie fragte, warum ich in der Spalte „Nationalität“ Deutscher angegeben hatte. „Bist du verrückt? Dein Vater ist Kasache und deine Mutter ist Russin! Du bist überhaupt kein Deutscher!“, – schimpfte sie. Alle meine Versuche, ihr zu erklären, dass meine Großmutter eine Deutsche ist, dass ich mental und geistig Deutscher bin, dass ich Deutsch sprechen kann, weil Deutsch meine Muttersprache ist und ich aus diesen Gründen ein Verfassungsrecht habe, Deutscher zu sein, haben die Situation noch mehr eskaliert und ich wurde aus dem Büro geworfen. Woher sollte ich wissen, dass der Gesetzgeber alles klar geregelt hat? Entweder nimmst du die Nationalität deines Vaters, oder du nimmst die Nationalität deiner Mutter.

Die eine Frage in meinem jugendlichen Kopf ließ mich nicht in Ruhe: Warum ist mein Vater kein Deutscher, ungeachtet der Tatsache, dass seine Mutter – meine Lieblingsgroßmutter – eine Deutsche ist. Nach einem langen Gespräch mit meiner Mutter wurde es mir dann klar: Da mein Großvater Kasache ist, sollte seine Nationalität auch meinem Vater und weiter mir zugeteilt werden. In kasachischen Familien ist es genau so und es gibt keine Alternative dazu.

Man muss sich nichts beweisen

Seit Sommer 1998 war mein Vater nach seinem Schlaganfall bewegungseingeschränkt. Eine Unterhaltung mit ihm über dieses Thema, geschweige denn ein Gang zur Behörde für eine Änderung des Nationalitätseintrages waren absolut nicht möglich. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig als meinen zweiten Antrag mit der Eintragung der Nationalität meines Vaters einzureichen.

Ich bin überzeugt: Wer Ordnung im Kopf hat, bevor er schreibt oder spricht, schafft auch Ordnung auf dem Papier oder in der Rede. „Gib niemals auf, egal wie hart es ist!“, sagte mir einst mein Vater. Doch den Kampf, den ich einige Jahre lang mit mehreren Anträgen vor Gericht führte, um einen dokumentarischen Beweis zu über meine deutsche (kasachstandeutsche) Nationalität zu bekommen, verlor ich. Dann hörte ich eine fragende Stimme in meiner Seele: „Hey, Bundi. Was soll das denn eigentlich? Du brauchst überhaupt niemandem etwas zu beweisen… Mental und geistig warst du, bist du und bleibst du Kasachstandeutscher – abgesehen davon, welche Nationalität in deinen Unterlagen eingetragen ist.“

Dank Deutsch lernen in der Schule und später beim Studium an der Fakultät für Romano-Germanische Philologie, dank meiner Arbeit bei zwei Firmen, die mit der Reparatur für Mercedes-Benz beauftragt sind, dank dem Deutschem Haus in Almaty, wo ich und meine Familie uns zuhause fühlen, und dank meiner Wurzeln und Verwandten in Deutschland ist mein ganzes Leben sowieso mit der deutschen Sprache und mit der deutschen Kultur verbunden.

Bundi

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