Vom 1. Bis 12. September nahmen 17 Teilnehmer aus Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Deutschland und der Schweiz an der Sommerschule in Karaganda mit dem Schwerpunkt „Menschen mit Behinderung im Kontext bürgerschaftlichen Engagements“ teil. Die Teilnehmer hatten die Gelegenheit unter anderem die Entwicklungsmöglichkeiten einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung von Behinderung und eine inklusive Weiterentwicklung der Sonder– und Heilpädagogik durch Eltern und Menschen mit Behinderung im zentralasiatischen Raum, zu diskutieren.

Nach Angaben des Weltbehindertenberichts 2015 gibt es auf der Welt über eine Milliarde Menschen mit Behinderung. Es entspricht 15 Prozent der gesamten Weltbevölkerungsanzahl. Davon leben 80 Prozent aller Menschen mit Behinderung in Entwicklungsländern. In zentralasiatischen Ländern ist es schwierig, genaue Statistiken zu erhalten. Aber offizielle Staatsquellen Kasachstans informieren, dass die Anzahl der behinderten Menschen bei 626.000 liegt oder anders gesagt ungefähr vier Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zu Kasachstan ist der offizielle Anteil der Behinderten in Usbekistan unter zwei Prozent der gesamten Bevölkerung oder bei 800.000.

Hierbei muss man in Kauf nehmen, dass diese Zahlen die reale Situation nicht unbedingt korrekt abbilden. Der wichtigste Grund dafür ist, dass die zentralasiatische Gesellschafft zum Teil stark vom Glauben und damit einhergehenden antiquierten Gesellschaftsbildern geprägt ist. Infolge dieser schämen sich die Eltern ihrer eigenen Kinder, denn behinderte Kinder werden vielerorts als Strafe Gottes für die Sünden der Eltern angesehen. Deswegen passiert es nicht selten, dass Kinder mit Behinderung von der Familie isoliert werden. Oft werden sie von Hause aus unterrichtet, lediglich bis zum ersten Schullabschluss, und erhalten danach meist keine weitere Ausbildung.

Stereotype aufbrechen

Es gibt jedoch internationale Organisationen, NGOs und Freiwilligendienste, die sich dafür einsetzen, dass Menschen mit und ohne Behinderung sowie ihre Familien, der Staat und NGOs am runden Tisch zusammenkommen können. Stephan Kehl, Organisator der Sommerschule und Fachleiter des Programms „Behindertenpädagogik“, initiiert seit Langem solche Projekte in ehemaligen GUS-Ländern wie Belarus, Usbekistan und Kasachstan. In diesen Projekten wie „Unter uns – Menschen mit Behinderung in Belarus“ oder „Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Menschen mit Behinderung in Zentralasien“ betrachtet er stereotype Vorstellungen über Behinderte ganz anders und erklärt: „Alle sind besonders. Ich kann nicht sagen, dass ein behinderter Mensch mehr das eine oder andere braucht. Ich würde sagen, alle Menschen haben ihre Stärken und Schwächen. Und bei ihren Schwächen brauchen alle Menschen mehr Unterstützung.“

Die diesmalige Go-East Sommerschule in Karaganda unterscheidet sich von anderen durch einen stärkeren Fokus auf Organisationen von und für Menschen mit Behinderung und bleibt damit seinem zentralen Gedanken treu: „Nicht über, sondern mit Menschen mit Behinderung zu sprechen“. In Crashkursen konnten sich die Teilnehmer Grundkenntnisse der russischen Gebärdensprache aneignen. Dies half, im Anschluss mit behinderten Menschen in Karaganda ins Gespräch zu kommen. „Wir haben in Seminaren erfahren können, dass sich im Bereich der Behindertenpädagogik und der Gesetzgebung in Kasachstan viel bewegt. Jedoch haben wir durch persönliche Gespräche mit unseren zentralasiatischen Kommilitoninnen und betroffenen Menschen in Karaganda feststellen können, dass die praktische Umsetzung der Vorstellungen noch große Lücken aufweist. Die Menschen, die sich für behinderte Menschen in Kasachstan einsetzen, sind oft selber betroffen und gründen Selbstvertretungsorganisationen. Diese haben jedoch oft nicht genug finanzielle und strukturelle Mittel, um nachhaltig Veränderungen zu erreichen. Von staatlicher Seite werden diese Organisationen in der Regel leider nicht unterstützt“ sagt Judith Trame.

Fortschritt

Während der Fachseminare wurden prägnante Vorstellungen von Inklusion seitens des sowjetischen Psychologen Lew Wygotski, der Behindertenpädagogik in Deutschland sowie der Sowjetunion und aktuelle inklusive Entwicklungen Kasachstans erörtert. Außerdem gab es theoretische Seminare, beispielsweise zur Defektologie und praktische Beispiele, wie den Besuch einer inklusiven Schule. Vertreter der Hochschule und Zivilgesellschaft gaben dabei einen Einblick in die Situation von Menschen mit Behinderung in Kasachstan. Während der Sommerschule sollten die Teilnehmer offen für neue Erfahrungen und bereit sein, ihre bisherige Meinung zu überdenken. Das Projekt verbindet auch die Hoffnung, dass sich die Teilnehmenden danach für Menschen mit Behinderung engagieren, zum Beispiel durch ein FSJ in Deutschland oder auch im Beruf beziehungsweise Alltag.

Ob die Veränderungen (gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung und eine inklusive Weiterentwicklung der Sonder– und Heilpädagogik durch Eltern und Menschen mit Behinderung im zentralasiatischen Raum) vor dem Hintergrund der gesellschafts-politischen Situation dieser Länder realistisch sind, beurteilt Stephan Kehl optimistisch: „Allgemein kann ich sagen, dass auch in Kasachstan oder Usbekistan Veränderungen in der Sonder– und Heilpädagogik zum Teil von Eltern initiiert werden. Eltern können eine besonders hohe Motivation besitzen, neue Entwicklungen zur Unterstützung ihrer Kinder zu fördern, die ansonsten nicht umgesetzt werden würden. Zudem sind sie viel eher bereit, Zeit und Geld dafür zu investieren. Wenn solche Organisationen dann mit dem Staat kooperieren, können nachhaltige Veränderungen erreicht werden.“

Turonbek Kozokov