Im Deutschen Theater in Kasachstan stand Lydia Deringer mit Begeisterung auf der Bühne. Ihr Traum von einer Wiederbelebung des Theaters in Deutschland  erfüllte sich jedoch nicht. Doch fand sie andere Wege, um ihre Leidenschaft auszuleben.

Die Sentenz, das Leben sei ein Spiel, bestreitet Lydia Deringer, obwohl eine Strophe der von ihr ins Deutsche übersetzten russischen Romanze das auch behauptet. Die Übersetzungen hat die einstige Schauspielerin des Deutschen Theaters in Kasachstan für die Aufführung „Tango Sentimental“ am Schlosstheater Celle gemacht. Das Programmheft zu dieser Inszenierung verkündet, dass Lydia noch die Beratung der am Stück beteiligten Schauspieler absolviert und ihnen die russische Aussprache beigebracht hat. In Kasachstan war Lydia besonders durch ihre anziehenden Verkörperungen in Episoden der Theateraufführungen beliebt, doch auch größere Rollen konnte sie vortrefflich meistern.

Hauptheldinnen spielte Lydia seltener. Ob es an den Regisseuren, die die Helden in den Stücken an die Schauspieler verteilten, oder an ihrer eigenen Zurückhaltung lag – darüber kann man heute nur spekulieren. Lydia selbst meint, dass sie immer dachte, „die anderen wären besser als sie“, weshalb sie sich nicht in den Vordergrund drängte. Sicher aber ist, dass ihr schöpferisches Leben damals an „ihrem Theater“ äußerst abwechslungsreich und attraktiv war – trotz ihrer Bescheidenheit und der Befürchtung, manchmal zu viel ihren Senf zum Geschehen abzugeben und sich aufzuspielen.

Ehrenamtliches Engagement im Jugendzentrum

In Deutschland 1993 angekommen, hatte sie nur ein Ziel vor Augen: So schnell wie möglich einen Job finden und etwas Nützliches tun, um nicht zu verzweifeln. Mit dieser Entschlossenheit kam sie in ein Wohnpflegeheim im niedersächsischen Unterlüss und begann in der Haushaltsabteilung zu arbeiten. Insgeheim aber hoffte sie, dass es irgendwann in Deutschland zum Neuaufbau ihres ehemaligen Theaters kommen würde, von dem sie jede Nacht sehnsuchtsvoll träumte, und dass sie eines Tages wieder auf der Bühne stehen würde: umschwärmt von Zuschauern, angesehen von der Öffentlichkeit und glücklich in ihrem erlernten Beruf.

Als sie mit der Zeit aber merkte, dass es niemals dazu kommen würde, fing sie an, ehrenamtlich im Jugendzentrum Theater zu machen. Zusammen mit Jugendlichen schrieb sie Texte für die Vorstellungen und setzte sie in Szenen um. Damit auch alle Zuschauer genügend Spaß hatten, umrahmte Lydia die Auftritte der jungen Talente mit Rapmusik und modernen Tänzen. Um ihren schöpferischen Durst zu löschen, organisierte sie am örtlichen Albert-König-Museum Literatur- und Musikabende, trug Texte von Siegfried Lenz und Kurt Tucholsky sowie russlanddeutsche Schwänke vor. Als Lydia in der Kirche während der Liturgie zum ersten Mal Texte aus der Bibel vorlas, war sie so überzeugend, dass man sie sofort ins Pfarramt aufnahm.

Von der Bühne in die Theaterschneiderei

Durch einen Zufall kam Lydia Deringer 2001 an das Schlosstheater Celle. Der Trieb, erneut die Atmosphäre des Bühnengeschehens zu erleben, war so heftig, dass es ihr egal war, mit welcher Rolle man sie hier betrauen würde. Sie begann als Helferin in der Theaterschneiderei. Fleißig und zuvorkommend stürzte sie sich mit vollem Schwung in das gewohnte theatralische Umfeld und arbeitete sich in den bisher unbekannten neuen Job ein. Später übernahm sie zusätzlich die Kostüme der Darsteller und betreute sie als Ankleiderin.

Eines Tages stellte die Gewandmeisterin Lydia als Ankleiderin der Intendanz vor. Im Gespräch mit der Leitung offenbarte sie, dass sie sich vor einigen Jahren an diesem Theater als Schauspielerin beworben hatte, aber eine Absage bekam. Das Interesse der Leitung an ihrem schauspielerischen Können war enorm. Seitdem setzt man sie hin und wieder auch als Schauspielerin in den Inszenierungen ein.

Inzwischen konnte Lydia Deringer ihr Talent in einigen Aufführungen auf der Bühne des Schlosstheaters beweisen, wobei sie sehr überzeugend in den Rollen der Zofe (Maria Stuart), Liese (im „Zerbrochenen Krug“), Anfisa (in „Drei Schwestern“) und anderen Nebenrollen auftrat. Selbstverständlich würde sie es bevorzugen, öfter auf dieser Bühne zu stehen, doch Lydia hat in all den Jahren gelernt, andere Prioritäten im Leben zu setzen und dabei glücklich zu sein. Auch wenn sich dieses Glück manchmal schmerzlich anfühlt. Und ihr ist klar: das Leben ist kein Spiel, sondern ein harter Kampf, in dem man entweder verliert oder gewinnt.

Hauptrolle hinter den Kulissen

Mit ihrem Job als Ankleiderin ist Lydia trotz allem zufrieden: immerhin ist sie an ihrem Wunschort, auch wenn sie die Hauptrolle hinter den Kulissen spielt. Heute ist sie in alle neuen Produktionen des Schlosstheaters eingeweiht und kann sich im vollen Maße mit dem Ensemble auf die Momente des Erfolgs beim Publikum freuen sowie unmittelbar nach den Vorstellungen das Lob der Kollegen genießen. Sie fühlt sich glücklich, dass ihr Wissen und Können geschätzt und anerkannt werden. Der häufig wiederholte Satz ihrer Arbeitskollegen „Ich verlasse mich auf dich“ bedeutet ihr sehr viel.

An das deutsche Theater in Kasachstan, wo sie ihre ersten Schritte als Berufsschauspielerin begann, erinnert sich Lydia Deringer mit überwältigenden Gefühlen. Vieles vermisst sie,  einiges würde sie gerne wiederholen. Besonders die langen Gastspielreisen, die Auftritte in den deutschen Dörfern, wo man die damals blutjungen Schauspieler so warmherzig aufnahm und mit riesigem Applaus würdigte – diese wundervollen Zeiten werden nie in Vergessenheit geraten, weil sie Teil einer unauslöschlichen Geschichte sind.

Rose Steinmark, Münster

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