Kein Telefon, kein fließendes Wasser und kaum Kontakt zur Außenwelt: Mitten in der kasachischen Steppe haben zwei Missionsbenediktiner begonnen, einen kleinen Stützpunkt zu errichten. In ein oder zwei Jahrzehnten könnte hier ein Kloster stehen. Einstweilen aber kämpfen die beiden mit den Elementen – vor allem gegen das Eis, das sich beständig ins Innere der Hütte frisst.

Als es Nacht wird in Osjornoje, sind die beiden Schweizer Missionare wieder allein. Der gewaltige Sternenhimmel spannt sich lautlos über die zentralasiatische Steppe. Eben haben sie das kleine Haus bezogen, das zur Keimzelle eines neuen Klosters werden soll. Ringsum verlöschen die Lichter. Die erste Nacht!

Das Örtchen Osjornoje liegt im Norden der Republik Kasachstan. 600 Menschen leben hier. Ein paar einfache Häuser – sonst nichts. Am 3. November sind Pater Joseph Maria Schnider und Bruder Matthias Beer hier angekommen. Erzbischof Tomas Peta aus der kasachischen Hauptstadt Astana hatte sie persönlich nach Osjornoje begleitet. Am Abend feiern sie zusammen die Messe. „Ihr seid ein Geschenk der Mutter Gottes“, sagt der Erzbischof zum Abschied. Er segnet die beiden, spricht ihnen Mut zu und fährt weiter – hinaus in die unendlichen Weiten des riesigen Landes.

„Der Vollmond und der gewaltige Sternenhimmel waren Zeugen des Neuanfangs“, schreiben die beiden beinahe hymnisch in die Heimat; spürbar durchdrungen von der Begeisterung des Neubeginns. Doch was wird die Zukunft bringen? Benediktinisches Leben in der kasachischen Steppe – kann das gelingen?

Im Schweizer Heimatkloster Uznach gibt man sich Zeit. Vor genau zwei Jahren hat Abt Marian Eleganti seine „Vision“ eines Missionsprojekts in Kasachstan niedergeschrieben. Der Auftrag für die Mitbrüder lautet zunächst: „Die Sprache lernen und das Land erkunden.“ Sie sollen außerdem „eine kleine, benediktische Cella bilden und nach der Regel leben“. Und dann? Die Mönche können in der Seelsorge helfen, Menschen ansprechen und Gäste aufnehmen.

Mögliche Kandidaten aus Kasachstan, die sich für das Klosterleben interessieren, sollen später im Schweizerischen Uznach ihre Noviziatsausbildung erhalten. Bis zu zehn Jahre sollen sie in der Schweizer Gemeinschaft mitleben. „Wenn ihre Zahl groß genug geworden ist, ziehen diese Mitbrüder in ihre angestammte Heimat“, um dort eine Gründung auf Dauer zu beginnen und eine Gemeinschaft aufzubauen.

„Wir wollen keine schnelle Sache“, sagt Abt Marian. Der Same soll Zeit zum Wachstum haben. „Wenn wir dort in 20 Jahren fünf Mönche  haben, die aus dem Land selbst stammen und gut und verlässlich sind, ist das früh genug und ein großer Erfolg.“

20 Jahre? Für die beiden Missionare in Osjornoje zählen zunächst die Anforderungen des Augenblicks. Man denkt hier nicht in Jahrzehnten, sondern von Tag zu Tag. Der Kühlschrank geht kaputt. Das Schürholz ist nass. Das Stromkabel schmort. – Das Leben im kasachischen Winter ist nicht leicht.

Fließendes Wasser gibt es gar nicht im Haus. Fast täglich müssen die Mönche mit Eimern zum 200 Meter entfernten Wasserbrunnen gehen, um das salzige Grundwasser mit Hilfe einer Handkurbel aus einer Tiefe von zehn Metern heraufzuziehen und es dann nach Hause zu schleppen.

Die Winter hier, jenseits des Urals, sind streng. Bald fallen die Temperaturen auf minus 30 Grad. Der kalte Wind macht das Atmen schwer. Die 200 Meter zum Brunnen werden zur Qual. Bis zur Rückkehr ins Haus haben sich Eiskristalle im Gesicht festgesetzt. Die Finger sind vor Kälte kaum mehr zu bewegen.

„Das Einfeuern ist zu unserem täglichen Ritual geworden“, heißt es in einem Brief an das Schweizer Heimatkloster. „Nach dem Aufstehen muss zuerst einer von uns beiden Holz in den kleinen Ofen legen, der in der Küche steht und das ganze Häuschen mit einem Wasserrohrsystem aufwärmt. Dann anzünden und hoffen, dass es genügend Glut gibt, damit anschließend ein Kessel mit Kohle hineingeschaufelt werden kann.“

Für ihren ständigen Kampf mit der Kälte brauchen sie inzwischen vier Kessel Kohle pro Tag. Dennoch frisst sich das Eis ins Innere des Hauses. Im Vorraum hängen bald Eiszapfen an der Decke.

Im heimischen Uznach strahlt derweil eine milde Sonne vom weißblauen Himmel. Die Schweizer Gemeinschaft im modernen Klosterbau am Nordrand des Zürichsees verfolgt mit einiger Spannung die Entwicklung in Kasachstan. 28 Mitglieder zählt der Konvent in der Schweiz. Die jüngsten ihrer Theologen haben sie nun für die Kasachstan-Mission hinausgeschickt. Natürlich hätte das Kloster die beiden auch zuhause gut gebrauchen können.
Ein ganzes Jahr haben sich die Uznacher mit ihrer Entscheidung Zeit gelassen. Den ersten Anstoß gab im Januar 2004 ein Diavortrag von Pater Jean-Marc Stoop. Der gebürtige Schweizer arbeitet als Generalvikar im kasachischen Erzbistum Astana. Bei seinem Besuch in Uznach referierte er über die Situation der katholischen Kirche in diesem riesigen Land. Abt Marian stellte sich im Anschluss an diesen Vortrag die Frage, „ob nicht Gott an unser Missionskloster einen neuen Anruf richtet“.

Der Ort ist klug gewählt. In Osjornoje gibt es eine in ganz Kasachstan bekannte Wallfahrt. Im März 1941, in karger, hungerreicher Zeit, soll sich hier ein Fischwunder ereignet haben. Heute steht dort eine Marienstatue für „die Mutter mit den Fischen“. Die benediktinische Neugründung heißt deshalb „Cella Unserer Lieben Frau vom reichen Fischfang“.

Natürlich gab es Bedenken, ob die Uznacher eine solche Gründung mit ihren personellen Ressourcen überhaupt stemmen könnten. Schließlich stimmte der Konvent aber dem Wagnis zu. „In all unseren Überlegungen haben wir uns immer wieder das Bild der armen Witwe aus Sarepta vor Augen gehalten, die das Letzte, was sie noch an Vorräten besaß, dem Propheten geben sollte“, sagt Abt Marian.

Die beiden in der Ferne mühen sich unterdessen nach Kräften, ihrem Auftrag gerecht zu werden. Allen Widrigkeiten zum Trotz haben sie bereits kurz nach ihrer Ankunft in Kasachstan eine erste klösterliche Ordnung eingeführt. Der Tag beginnt um 5.30 Uhr. Um 6 Uhr beten sie Vigil und Laudes. Frühstück gibt es gegen 7.30 Uhr. Um 11.45 Uhr folgt Sext und Non, um 18.30 Uhr die Vesper. „Bei der Rekreation hören wir meistens Musik von einer CD und lesen gemeinsam aus einem Buch über die Geschichte der katholischen Kirche in den Oststaaten. Um 21 Uhr singen wir dann die Komplet. Anschließend zieht sich jeder auf sein Zimmer zurück.“ Bereits jetzt haben sie einige russische Elemente ins Chorgebet eingebaut. „Der Engel des Herrn“ erklingt schon in der Landessprache.

Auf dem Speiseplan stehen vor allem Kartoffeln, Reis, Gerste und Mais. All das gibt es in den drei kleinen Dorfläden zu kaufen. Ganz selten kommt einmal eine Wurst auf den Teller. „Hungern brauchen wir also nicht. Wir stellen jedoch fest, dass das Rüsten und Kochen relativ viel Zeit beansprucht.“

Der Kontakt mit der Außenwelt ist in diesem entlegenen Flecken Erde äußerst schwierig. Telefon haben die Mönche nicht im Haus. Auch Handys funktionieren an diesem Ort nicht. „Im Grunde genommen wissen wir kaum noch, was draußen in der Welt passiert. Außer dem deutschen Vatikan-Magazin „L’Osservatore Romano“, den wir wöchentlich erhalten, haben wir keine Tageszeitungen.“

Umso dankbarer sind die beiden über die Freundlichkeit der Menschen in Osjornoje. Erste Kontakte sind geknüpft. Und auch die Tiere des Orts haben die Missionare offenbar schon in ihr Herz geschlossen. „Erst kürzlich kam des Nachbars Glucke mit ihren elf Küken zu uns auf Besuch und fraß uns vor der Haustür fast aus den Händen. Ebenso furchtlos scheint ein Mäuschen zu sein, welches frech und munter auf den Küchenmöbeln herumspaziert, während wir uns im Raum zum Essen aufhalten.“

Von Thomas Gampl

04/07/2007