Herrlich! Die fünfte Jahreszeit ist in vollem Gange. Für die einen ist der Karneval die schönste Zeit im Jahr.

Andere haben die Flucht eingeschlagen, fahren jetzt irgendwo Ski oder liegen in der Sonne. Ist ja auch schön. Aber wer sich gern dem Frohsinn hingeben will, dem bleibt keine Wahl – von Donnerstag bis Mittwoch durchfeiern. Entweder – oder. Etwas dazwischen gibt es nicht. Nur so ein bisschen mitmachen, sich das Ganze mit Distanz anschauen, das erfüllt nicht den Zweck. Denn das Schöne am Karneval ist, dass alles auf dem Kopf steht. Pflichten? Außer der Verpflichtung zum Fröhlichsein keine. Termine? Die drehen sich allenfalls darum, wann man wo am besten schunkeln kann. Pünktlichkeit? Im Karneval sowieso nicht möglich. Und wenn jemand nicht kommt, feiert man eben mit den anderen lustigen Menschen, die in der Nähe stehen. Etikette? Für Wikinger oder Piraten kein Thema, schon gar nicht für Hasen, Frösche oder Meerjungfrauen. Und weil man sowieso eine Maske trägt, gibt es keinen Anlass, anderen gefallen zu wollen. Auch Hierarchien gibt es im Karneval kaum. Manche tanzen auf den Tischen, andere liegen eben darunter. Die wahren Helden führen die Polonaise an, und das scheint sowieso das einzige zu sein, das in Struktur und Ordnung verläuft. Ach so, damit das klar ist, wir reden hier vom wahren Karneval, der auf der Straße und in den Kneipen stattfindet. Und dem kann man nicht entkommen. Dafür darf aber jeder mitmachen. Dazu muss man nicht die Liedtexte beherrschen. Einfach laut „la la la la la“ gröhlen, damit kann man nichts verkehrt machen. Manch einer fragt sich, ob die Narren nicht alle Tassen im Schrank haben. Zugegeben, ja. Schon. Aber es hat auch sein Gutes dieser absolute Kontrollverlust. Damit vergisst man auch, sich über manches und andere zu ärgern und sich abzugrenzen. Menschen tanzen über Geschlechter, Generationen und Nationen hinweg miteinander. Alles wildfremde Menschen, die man wahrscheinlich nie wiedersehen wird. Trotzdem spendiert man sich ein Bier nach dem anderen.

Bei manchen läuft es andersherum. Wer sich außerhalb der Karnevalssaison verkleidet, z.B. als verständnisvoller Ehemann, darf nun eine Woche lang seine wahren Bedürfnisse ausleben – als Revolverheld oder Hunne. Und dann können sich auch Frauen, die das ganze Jahr über als das starke weibliche Geschlecht auf der Bühne stehen, endlich mal einem echten Kerl an die Brust schmeißen. Wer hingegen im Alltag den starken Mann mimen muss, kann jetzt endlich das Häschen aus sich rauslassen. Und wie zufrieden sie dreinschauen, diese rosa Riesenkaninchen. Ach, und schließlich braucht man im Karneval auch nicht mehr politisch korrekt zu sein. Mit großem Juhu raus mit allen Klischees und rein in die Kiste mit dem Gender Mainstreaming. Sogar vom Mülltrennen darf man sich sieben Tage erholen. Schade, dass es schon wieder vorbei ist. Schön war es. Und schön, dass es nächstes Jahr wieder stattfindet.

Von Julia Siebert

03/03/06