Der Name Jelena Gerinas dürfte nur den wenigsten ein Begriff sein. Und trotzdem gehört die Frau vermutlich zu den bekanntesten Persönlichkeiten der untergegangenen Sowjetunion. Besser gesagt, ihr Portrait.

Weit früher allerdings, im Jahr 1851, eröffnete der aus dem brandenburgischen Belzig stammende Zuckerbäcker Theodor Ferdinand von Einem auf dem Moskauer Arbat die kleine Konditorei „Einem“ mit fünf Angestellten. Von Einem lernte 1857 den deutschen Kaufmann Julius Heuss aus Walddorf im Schwarzwald kennen. Als Geschäftspartner baute Heuss das Konditoreigeschäft sukzessive aus. Nachdem von Einem 1876 kinderlos gestorben war, errichtete sein Teilhaber Julius Heuss an der Südspitze der Jakimanka-Insel inmitten des Moskwa-Flusses die größte und modernste Süßwarenfabrik des damaligen Russlands. Die Schokoladen und Bonbons aus der charakteristischen, aus rotem Backstein errichteten Fabrik waren fortan für ihre hohe Qualität in ganz Europa bekannt. Die Süßwarenfabrik „Einem“ wurde 1913, zum 300. Jubiläum der Romanow-Dynastie, zum Hoflieferanten erklärt. Die Oktoberrevolution allerdings änderte die Verhältnisse. Die Firma wurde verstaatlicht und in „Staatliche Süßwarenfabrik Nr. 1“ umbenannt. Ab 1922 trug die Fabrik den patriotischen Namen „Roter Oktober“.

Das staatliche Ernährungsprogramm der Sowjetunion gab in den 1960er Jahren die Aufgabe aus: „Wir brauchen eine erschwingliche Milchschokolade!“ Der Fotojournalist und Mitarbeiter in der Schokoladenfabrik Roter Oktober, Alexander Gerinas, fotografierte etwa zur gleichen Zeit seine erst acht Monate alte Tochter Jelena. Die Fabrik Roter Oktober gewann nicht nur die Ausschreibung des Ernährungsprogramms zur Produktion dieser sowjetischen Volksschokolade, sondern entschied sich nach langer Suche auch dazu, das Motiv der acht Monate alten Jelena Gerinas für die Verpackung dieser Schokolade zu verwenden. 1966 erschien die Schokolade mit dem Abbild Gerinas und dem Namen „Aljonka“, benannt nach der Tochter der ersten Frau im Weltall, Kosmonautin Valentina Tereschkowa, erstmals in den sowjetischen Geschäften und erfreute sich seitdem großer Beliebtheit.

Wie der Bär auf die Praline kam

Zwischen 1873 und 1898 war ein Iwan Schischkin Professor für Malerei an der Petersburger Kaiserlichen Kunstakademie und leitete die Meisterklassen der Landschaftsmalerei. Er gilt als einer der herausragendsten Maler von Naturlandschaften, und seine Bilder zeichnen sich durch eine tiefschürfende russische Symbolik aus. 1889 malte er das Gemälde „Morgen in einem Kiefernwald“. Das mit den vier Bärenjungen ist allgemein auch als „Die tollpatschigen Bären“ bekannt. Das Motiv fand bereits im Zarenreich seinen Weg auf die Verpackungen einer Praline, die aus zwei dünnen Waffelscheiben und einer Praliné-Mandelfüllung bestand. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde die Praline mit den tollpatschigen Bären ebenfalls in der Schokoladenfabrik Roter Oktober hergestellt und erlangte mit seiner hellblauen Verpackung enorme Beliebtheit. Gerade zur Neujahrszeit wurde die mit einem Kilopreis von vier Rubel vergleichsweise teure Praline gerne gekauft und zwischen Weihnachtskugeln und Girlanden als Schmuck an den Tannenbaum gehängt.

Die zahlreichen Schokoladensorten der verschiedenen Süßwarenfabriken wie Roter Oktober, Rot-Front oder die Babajew-Fabrik zierten nicht selten berühmte Charaktere aus Gemälden oder Gedichten und russischen Volksmärchen. Auch der russische Nationaldichter Puschkin prangt von der Verpackung einer Schokopraline. Selbst der Kara-Kum-Wüste in Turkmenistan wurde ein eigenes Schokokonfekt unter gleichem Namen gewidmet. Und so durften die Schokoladen mit ihren farbenfrohen Verpackungen in der Sowjetunion auf keiner Teetafel fehlen.

Der Beginn von Rachat

Die Geschichte der sowjetischen Süßwaren lässt aber auch Almaty nicht außen vor. 1942 wurde in den Hallen der Likör- und Wodkafabrik Alma-Ata und mit Unterstützung der Moskauer Fabriken Babajew und Rot-Front die Süßwarenfabrik Alma-Ata gegründet. Die Produktion begann mit Maschinen und Ausrüstungen, die man im Zuge des Zweiten Weltkriegs aus dem ukrainischen Charkow nach Alma-Ata evakuierte. 1964 wurde eine neue Produktionsstätte zur Herstellung von Schokolade und anderen Süßwaren gebaut, zwischen 1978 und 1979 folgte ein neues Verwaltungsgebäude mit Kantine und medizinischem Bereich. Seit dieser Zeit strömt ein süßlicher Duft aus dem sowjetmodernistischen Gebäude mit seiner markanten, vor Sonneneinstrahlung schützenden Fassade aus Metallornamenten, welches sich in direkter Nachbarschaft zum Grünen Basar im Zentrum von Almaty befindet. Bis heute schwebt eine Schokoladenwolke über dem gesamten Viertel des Grünen Basars.

Zahlreiche in der Sowjetunion beliebte Schokoladen und Pralinen werden seitdem in Almaty produziert, wie zum Beispiel das Konfekt mit den vier Bären. 1992 wurde die Süßwarenfabrik Alma-Ata aus staatlicher Hand entlassen und in die Aktiengesellschaft „Rachat“ umgewandelt. Seit 2004 existiert ebenfalls eine Produktionsstätte in Schymkent.

Klage gegen Hersteller von Aljonka-Schokolade

Jelena Gerinas, das Gesicht der Aljonka-Schokolade, hat für ihren Werbeeinsatz übrigens nie eine Belohnung erhalten. Jahrzehnte später verklagte die Frau den Hersteller Roter Oktober auf eine Schadenersatzsumme von fünf Millionen Rubel sowie eine künftige prozentuale Beteiligung an der weiteren Verwendung des Bildes. Das Gericht wies die Klage ab und gab der Süßwarenfirma Recht, da diese ausreichend belegen konnte, dass das Ursprungsfoto so weit verändert wurde, dass bereits eine eigenständige Originalarbeit vorliegen würde. Die Aljonka-Schokolade mit dem Kindergesicht ist derweil wieder der absolute Verkaufsschlager des Unternehmens Roter Oktober. Die inzwischen 56- Jährige Jelena Gerinas lebt heute mit ihrem Mann und zwei Kindern in Chimki bei Moskau und arbeitet als Bibliothekarin. Das alte, kleine Kopftuch, welches sie als Baby auf der Fotografie trug, sowie das fotografische Archiv ihres Vaters mitsamt der berühmten Aufnahme aus dem Jahr 1965 bewahrt sie bis heute auf.

Das Gemälde „Morgen in einem Kiefernwald“ von Iwan Schischkin ist heute in einer der berühmtesten Kunstsammlungen der Welt, der Tretjakow-Galerie in Moskau zu bewundern. Neben den vier tollpatschigen Bären zeigt es vermutlich einen Wald in der Nähe von Narva-Jõesuu in Estland, wo Schischkin gerne die Sommermonate verbrachte. Das Motiv machte nicht nur diese besondere Schokoladenpraline in der Sowjetunion berühmt. Andersherum war es vielleicht die Schokoladenfabrik Roter Oktober, die „Morgen in einem Kiefernwald“ durch die zahllose Vervielfältigung zu einem der berühmtesten Gemälde in der sowjetischen Bevölkerung machte. In einer Abstimmung wurde das Gemälde von Schischkin zum zweitbeliebtesten in Russland gewählt, nach dem Bild „Die drei Recken“ des Malers Viktor
Wasnezow.

Qualität von Rachat spricht für sich

2013 übernahm die südkoreanische Lotte-Gruppe einen Großteil der Aktien der Rachat-Süßwarenfabrik in Almaty und modernisiert seitdem das Unternehmen sowohl in der Produktion als auch im Bereich der Produkte selbst. Neben einer Vielzahl an Süßwaren wie Bonbons, Weingummis, Keksen, Waffeln oder Dragées zählt aber nach wie vor besonders die Schokolade zum Kerngeschäft. Die Verpackungen zieren heute oftmals kasachische Motive. Es gibt eine Baiterek-Praline, eine Astana-Schokolade oder Schokotäfelchen mit Fotomotiven kasachischer Landschaften. In edlen Umverpackungen sind die Pralinensortimente auch beliebte Souvenirs für Verwandte und Freunde und finden so nicht selten ihren Weg zum Beispiel zur kasachstandeutschen Verwandtschaft in Deutschland.

Gleiches gilt für die in der kasachischen Nationalfarbe Himmelblau gehaltenen Schokoladentafeln mit dem schlichten Namen Kasachstan. Auch diese schmeckt nicht nur besonders gut, sondern ist auch ein gern gesehenes und beliebtes Mitbringsel. Ebenfalls existiert seit einigen Jahren eine von einem lokalen Künstler entworfene Schokoladen-Sonderedition mit Motiven berühmter Gebäude Almatys.

Die Qualität der Schokolade des Unternehmens Rachat spricht für sich und steht derjenigen der großen Moskauer und der westlichen Süßwarenwerke in nichts nach. Die kleinen Schokoladentafeln und Pralinen mit ihren bunten, noch aus Zeiten der Sowjetunion stammenden Designs und Umverpackungen sind unverändert ein wichtiger und hoch geschätzter Teil jeder Festtafel und jeder Teerunde. Allein das ist ein starker Beweis für den guten Geschmack der Rachat-Schokolade. Viele Menschen werden sich an den Geschmack ihrer Kindheit erinnern, wenn sie zu den Schokopralinen mit den vier tollpatschigen Bären greifen. Und für alle anderen scheint es wohl keinen einfacheren und süßeren Weg zu geben, auch heute noch ein Stück Sowjetunion zu probieren.

Philipp Dippl

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