Almatiner Alltagsgeschichten

Die Taxi-Konversationen in Almaty beginnen in der Regel mit drei Fragen: „Woher?“, „Verheiratet?“, „Warum nicht?“. Danach geht es entweder um die Vorzüge von Mercedes und BMW oder die Bayern, oder es herrscht Funkstille. Nach etwa zehn solcher Fahrten freut man sich über jede neue Facette, die die Monotonie der Konversationen durchbricht.

Für etwas Abwechslung sorgte kürzlich ein frommer muslimischer Fahrer, der mich zu einem Termin an den Stadtrand brachte. Mit seiner Fitness-Statur, seiner Lederjacke, dem Kurzschnitt und einer voluminösen nachtschwarzen Sonnenbrille erinnerte er eher an einen Actionhelden als an einen Taxifahrer. Dazu passte sein Angebot, auf einem Monitor in der Mitte des Fahrzeugs Filme zu schauen.

Ich war skeptisch und lehnte dankend ab. Mein Argument, dass ich ihn nicht vom Fahren ablenken wolle, parierte er jedoch: „Der allmächtige Allah beschützt uns“, entgegnete er mit gewichtigem Ton und erhobenem Zeigefinger. Trotzdem blieb der Bildschirm dunkel, denn der Mann hatte nun ein Thema gefunden, das ihn umtrieb.

Er erzählte von seiner tugendhaften Lebensführung, die man ihm angesichts seines asketischen Erscheinungsbildes ohne jeden Zweifel abnahm. Doch die Welt, sie sei keine einfache. Überall werde gelogen und verschwiegen. So wisse heute kaum jemand, dass Jacques Cousteau, der berühmte französische Meeresbiologe, einst zum Islam übergetreten sei. Der Mann sprach damit eine verbreitete Theorie an, die sich in Internetforen und auf YouTube-Videos findet: Demnach habe Cousteau die Entdeckung gemacht, dass Wasserschichten mit unterschiedlichem Salzgehalt sich nicht mischen. Als er später auf eine Stelle im Koran stieß, die dieses vermeintliche Wunder als Wirken Allahs darstellte, habe er voll Ehrfurcht den Islam angenommen.

Dostojewski, Tolstoi, Goethe: Alles Muslime

„Bist du überrascht?“, fragte der Taxifahrer triumphierend. „Dann halt dich fest!“ Und er begann aufzuzählen: „Dostojewski, Tolstoi, Goethe – sie alle waren Muslime.“ Aus Respekt vor dem Fahrer und seinem unerschütterlichen Glauben setzte ich eine erstaunte Miene auf und nickte anerkennend. Obwohl ich mit seinem Eifer und seinen kruden Theorien nichts anfangen konnte, war er mir nicht unsympathisch. Trotzdem begann ich mich mit leichtem Bangen zu fragen, wohin uns dieses Gespräch noch führen würde. Warum niemand davon wisse, fragte er mich, und antwortete gleich selbst: „Weil sie dann all ihre Nachtclubs, Discos, Bierstuben, ihre Banken und Börsen schließen müssten!“

So ging es noch einige Minuten weiter. Ich hörte geduldig zu, bis wir unser Ziel erreichten. Dann gab er mir zum Abschied den Rat: „Besorg dir einen Koran, darin findest du alle Antworten auf deine Fragen.“ Ich sagte nichts mehr und zückte mein Portemonnaie, um zu bezahlen. Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Du bist ein guter Mann, das ist nicht nötig!“ Ich wollte widersprechen, doch er wiederholte die Bewegung. Die Missionsfahrt hatte eine halbe Stunde gedauert und ihm nichts eingebracht außer der vagen Hoffnung, dass seine Aussagen bei einem möglichen künftigen Mitstreiter auf fruchtbaren Boden gefallen waren. Ich dachte mir in dem Moment: Glaube muss wirklich Berge versetzen.

Christoph Strauch