Ein Studentenvisum in Deutschland zu verlängern kann viel schwieriger sein, als es zu bekommen – diese Erfahrung macht unsere Autorin Schachnos Bachtijorowa aus Duschanbe (Tadschikistan).

Im Sommer beantragt Schachnos das Visum für Deutschland, da ihr die Stipendien – DAAD Journalisten International in Berlin und das Copernicus-Stipendium, ein Auslandsemester ermöglichen. Die Ausstellung verläuft sehr schnell, ohne Probleme. Nach nur einer Woche erhält sie das Visum mit dem Hinweis, es nach drei Monaten in Deutschland verlängern zu müssen. In ihrem Heimatland Tadschikistan erfüllt die deutsche Botschaft in Duschanbe ihre Aufgaben präzise und professionell. Insbesondere in der Visumsabteilung sei die Effektivität und Genauigkeit, die man den Deutschen nachsagt, spürbar, so Schachnos.

Berlin oder Hamburg


Mit großen Erwartungen kommt Schachnos in Berlin an. Gegen Ende des Monats beginnt sie bereits, über die Visumverlängerung nachzudenken. Sie stellt sich die Frage, ob sie ihr Visum in Berlin oder in Hamburg verlängern lassen müsse. Der Anreisekoordinator des Stipendienfördervereins Copernicus e.V. Hamburg, Rüdiger Marx, unterstützt sie bei dem bürokratischen Wirrwarr und kontaktiert die Ausländerbehörde Berlin und Hamburg. „Darauf folgt ein wahrlich langer Briefwechsel zwischen ihm und den Behörden. Nach langem hin und her stellt sich heraus, dass Hamburg zuständig ist“, erklärt die junge Studentin.

Sie kauft sich ein Busticket nach Hamburg und sucht nach einer Übernachtungsmöglichkeit, wobei ihr der ehrenamtlich geführte Verein Copernicus unter die Arme greift. Es kostet den hilfsbereiten Anreisekoordinator viel Mühe, Zeit und einige Nerven. Dennoch lässt sich alles regeln, und Schachnos fährt frohen Mutes nach Hamburg.

Optimistisch gestimmt besucht sie dort das Kundenzentrum, um sich anzumelden. „In Hamburg können Sie sich nicht anmelden, da Sie bis Ende September in Berlin bleiben werden“, wiederholt Schachnos die Aussage der Sachbearbeiterin. „So viele Umstände und alles umsonst?“, verzweifelt sie allmählich.

Warum ist alles so kompliziert?

Müde und entmutigt kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie sich um einen Termin bei der Ausländerbehörde (ABH) bemüht – allerdings vergeblich. Es seien keine Termine frei. Auf Anfrage bei der Pressestelle der ABH, erklärt ein Sprecher der Innenverwaltung: „Termine werden werktags freigeschaltet. Der Terminvorlauf beträgt allerdings bis zu zwölf Wochen. Wer sich nicht rechtzeitig bemüht, muss zu Beginn der Öffnungszeiten vorsprechen.“ Demnach bleibt Schachnos nichts anderes übrig, als direkt zur Ausländerbehörde zu gehen – und zwar 5.30 Uhr morgens.

Noch vor Sonnenaufgang erreicht sie nach längerem Schlangestehen die ABH, erhält aber keine Wartenummer. Denn an diesem Tag gebe es nur fünfzig Stück. Hierzu äußert der Sprecher für Innenverwaltung, dass im Regelfall bei 250 bedienten Kundinnen und Kunden im Studierendensachgebiet 120 Wartenummern ausgegeben werden. Der Bereich werde derzeit durch 50% mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstärkt.

Schachnoz kritisiert, die Ausländerbehörde in Berlin – mit ihren beamtenfreundlichen Öffnungszeiten – arbeite zu wenige Stunden und könne mehr leisten, damit es nicht zu Schwierigkeiten käme. Angesichts dieser Kritik erklärt der Sprecher der Innenverwaltung, die Öffnungszeiten wurden bereits ausgedehnt. So sei der Mittwoch für Terminkunden geöffnet. Eine weitere Verschiebung der Kapazitäten sei derzeit nicht möglich, da dies zu nicht zu vertretenden Verzögerungen etwa im Einreiseverfahren oder bei den Arbeitserlaubnis– und Titelverteilungsverfahren etwa bei anerkannten Geflüchteten führen würde.

Schachnos weiß nicht mehr, was sie tun soll. Ihr kommen die schlimmsten Gedanken in den Kopf: Muss sie nach Hause zurückkehren, um das Visum zu beantragen?

Sieben Stunden Wartezeit

Sie wartet bereits sieben Stunden in der ABH und der Zustrom an Wartenden reißt nicht ab. Es gibt Leute, die schon das zweite Mal kommen, aber keine Nummer erhalten. „Es ist wirklich ein Kampf um die Nummern“, beklagt die junge Journalistin, während die Zeit im Warteraum verstreicht. Sie kommt ins Gespräch mit einem Jungen aus Syrien, der ein Praktikum im Krankenhaus in Freiburg macht und extra mit dem Bus angereist sei, um eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Gemeinsam warten sie auf eine Nummer – vielmehr auf ein Wunder.

Das Wachpersonal wiederholt immer wieder, es gebe keine Wartenummer mehr. Doch plötzlich ruft ein Mann Schachnos zu sich und erklärt, dass es bei seinem Kollegen eine freie Wartenummer gebe. Sie kann ihr Glück nicht fassen! Sie erhält eine Wartenummer, mit der sie ins Büro schreitet, um ihre Unterlagen abzugeben. Es verstreichen zwei weitere Stunden – bis sie ihr Visum endlich in den Händen hält. „Leider hat es bei meinem syrischen Freund nicht geklappt. Er wartet nun schon seit zwei Monaten auf seine Arbeitserlaubnis. Dieses Mal ist seine Reise umsonst. Und auch andere Studenten, wie ich, warten noch immer“, so Schachnos.

E-Government System

Die Bundesregierung arbeitet großflächig, das E-Government System auszuweiten, um bürokratische Prozesse zu beschleunigen. Die Ausländerbehörde, bei der Schachnos ihr Visum beantragt, sei eine Pilotbehörde und wurde etwa im Projekt des BAMF – Ausländerbehörden zu Willkommensbehörden entwickeln – lobend erwähnt, erklärt der Sprecher der Innenverwaltung. „Über 95% der Ausländerakten werden hier bereits elektronisch geführt. Ca. 60% der Kundinnen und Kunden buchen sich, zu einem wesentlichen Teil auf Englisch, ihre Termine online, erhalten alle Informationen über mitzubringende Unterlagen gleichfalls über die Webseite (deutlich über 1,3 Mio Seitenaufrufe pro Jahr) und bekommen die Dienstleistung dann ohne Wartezeiten.“ Die ABH Berlin sei die einzige Ausländerbehörde, die alle internen Verfahrensvorschriften auf der Homepage zur Verfügung stelle. Mit Kooperationspartnern (u.a. der LIGA der freien Wohlfahrtspflege, IOM, dem Türkischen Bund Berlin– Brandenburg und der Türkischen Gemeinde zu Berlin) betreibe die ABH ein Beratungszentrum am Hauptstandort auch für Studierende.

Visa-Service

Des Weiteren kooperiere die ABH seit Jahren mit nahezu allen Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Stadt. Die Hochschulen bieten gemeinsam mit der ABH zudem einen sogenannten Visa-Service an. Dort werden Studierende nicht nur beraten, sondern können auch, ohne in der ABH vorzusprechen, die Erteilung des Aufenthaltstitels über die Hochschulen veranlassen. Dieser Service sei bundesweit vorbildlich und soll auch ausgebaut werden.

Redigiert und kommentiert von Anne Grundig