Im Alltag gibt es immer wieder Konflikte, die gelöst werde wollen. Kolumnistin Julia Siebert stellte bei einer Bahnfahrt fest, dass Schokoriegel Wunder wirken können.

Man sollte vor- und nachsichtig miteinander umgehen, in jedem Fall aber freundlich. Klingt selbstverständlich, doch in der Realität ist das manchmal schwierig, wie ich zuletzt wieder feststellen musste. Für solche Fälle führe ich von jetzt an teilbare Schokoriegel mit mir.
Nach zwei Tagen Moderieren und Frieren in Berlin wollte ich nur noch schnell in meinen Zug steigen, meinen Platz einnehmen, mich in mein Buch vertiefen und heim heim heim ins eigene warme Bett. Und das möglichst ohne Umstände, Umwege und ganz besonders ohne Wenn und Aber, da die zwei Tage für mich daraus bestanden, mich durchzusetzen, die einen zu aktivieren, die anderen zu reaktivieren, für kleine und große Fragen Lösungen zu finden, Plätze zu vergeben und zu verteidigen.

Der Zug kam an, ich stieg ein, dann steckte ich im Gang fest. Aber so ist es eben, wenn man Freitag in Berlin den Zug besteigt, dann muss man sich mit anderen Fahrgästen, die einem mit großen Koffern entgegenkommen, koordinieren. Das war eingeplant. Nicht eingeplant war, dass der hinter mir stehende Herr meinen letzten Nerv raubt, indem er mir im Nacken sitzt und in die Hacken tritt.

Diesen, den letzten Nerv, hätte ich nämlich gebraucht, um entspannter mit der Dame umzugehen, die auf meinem Platz saß. Für den kurz angebundenen halbwegs freundlichen Hinweis, dass ich da jetzt gern hinwolle, reichte es gerade noch. Als sie schüchtern fragte, was mit dem anderen Platz daneben sei, dachte ich: Mir doch egal, guck doch selber nach, ich will mich jetzt um nichts und niemanden mehr kümmern. Sagte nur „Keine Ahnung.“ Setzte mich und – fand eben nicht meine ersehnte Ruh, denn nun kam die Scham: „Du hättest freundlicher sein müssen. Sie ist anscheinend unbeholfen, und wenn sie es besser wüsste, hätte sie natürlich selbst nachgeschaut. Und da sowieso immer und überall die Stärkeren den Schwächeren helfen sollten, sollten auch in Sachen Zugfahrerfahrung die alten Hasen den jungen Küken helfen.“ usw. usw.

Während ich mich schämte, schielte ich in ihr Buch. Und dann sah ich, O nein! es war ein Lern- und Übungsheft, um Schreiben zu lernen, vermutlich für Legastheniker oder Analphabeten. Ach, du Scheiße! Ich hatte nicht nur einer netten Frau nicht geholfen, sondern eine Randgruppe im Stich gelassen, die die Reservierungshinweise aufgrund ihrer strukturellen Benachteiligung gar nicht hätte lesen können und sich eh ständig mit ähnlichen diskriminierenden Situationen und verständnislosen Grobianen wie mir konfrontiert sieht. Und ich gesellschaftlich Begünstigte sitze da mit meinem dicken Wälzer im Schoß und erübrige nicht eine winzige Minute Freundlichkeit, um meiner Mitfahrerin zu der nötigen Ruhe zu verhelfen, damit sie ihr Schreiblernbuch durcharbeiten kann. Es gäbe natürlich auch noch die Variante, dass sie gar keine Legasthenikerin war, sondern eine Lehrerin, die das Lehrmaterial für ihre Schüler aufbereitet hat. Aber ich hatte das dringende Bedürfnis, ihr zu signalisieren, dass ich entgegen des ersten Eindrucks nämlich doch notfalls meinen Mantel mit ihr teilen würde. Da mir dieser dramaturgisch an sich zwar eindrucksvolle Akt in diesem Kontext jedoch übertrieben vorkam und auch lange Entschuldigungstiraden nicht passend schienen, brach ich stattdessen meinen Schokoriegel entzwei und hielt ihn ihr hin. „Schokoriegel?“ fragte ich im Clint Eastwood-Stil. Sie nahm Schokoriegel und Friedensangebot an und kicherte auf eine eigentümliche Art. Na, also!

Julia Siebert