Abu Nasr Muhammad al-Farabi, islamischer Philosoph, Universalgelehrter und Musiktheoretiker, gilt als einer der herausragendsten und umfassendsten Denker des 10. Jahrhunderts. Al-Farabis Werk umfasst die Musiktheorie, die Medizin, die Kosmologie und das menschliche Denken. Er schrieb die grundlegendste und umfassendste Schrift der irano-arabo-türkischen Musiktheorie nieder, erschuf ein eigenes utopisches Staatsmodell namens „al-madina al-fadila“, entwickelte eine Vorstellung des Universums, bei der Planeten in Sphären um die Erde kreisen, und entwarf eine Theorie des menschlichen „Nachdenkens“. Sicherlich war der helle Geist al-Farabis einer der Gründe dafür, dass die islamischen Wissenschaften vor rund tausend Jahren ihre Glanzzeit erfuhren, während Westeuropa mitten im tiefsten, dunkelsten, und brutalsten, von ehrfürchtiger Gottgläubigkeit bestimmtem Mittelalter steckte.

Al-Farabi soll der Legende nach im Jahr 872 in der an der Seidenstraße gelegenen Oasenstadt Otrar geboren sein. Die Stadt, deren Überreste heute im Gebiet Türkistan in Südkasachstan besichtigt werden können, markiert einen wichtigen Evolutionsmeilenstein in der Geschichte Zentralasiens. So soll die Stadt am Beginn zur sesshaften und landwirtschaftlichen Zivilisation liegen und hat bis heute große Bedeutung als legendäre erste Hauptstadt der Kasachen, auch wenn die Formierung der Kasachen als einheitliche, bewusste Nation noch einige Jahrhunderte dauern sollte.

Otrar erlebte im 9. und 10. Jahrhundert, genau in der Zeit, als al-Farabi dort geboren worden sein soll, seinen Höhepunkt, und galt als kulturelles Zentrum Zentralasiens. Mit dem Wohlstand der Stadt war es vorbei, als die Mongolen unter Dschingis Khan Otrar im Herbst 1219 überfielen. Die Stadt wurde vollständig zerstört und die Bevölkerung massakriert und versklavt. Al-Farabi selbst soll übrigens bereits im Jahr 950 irgendwo auf dem Weg zwischen Damaskus und Aschkelon von Straßenräubern erschlagen worden sein.

Der Prospekt al-Farabi – einst einer der grünsten Verkehrswege

Neue Zeiten brachen an in der islamischen Welt. In Europa jedoch wurde es langsam heller. Johannes Guttenberg druckte 1450 in Mainz zum ersten Mal mit beweglichen Lettern und Martin Luther schlug am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche Wittenberg. Das Ende des dunklen, blutigen Mittelalters in Europa wurde eingeläutet und der Weg für Wissenschaft und Aufklärung auf dem europäischen Kontinent war frei.

Einige Jahrhunderte vergingen, und Alma-Ata war mittlerweile von einer Militärfestung zu einer stattlichen Metropole herangewachsen. Im Süden der Stadt wurde in den 1950er Jahren eine neue Straße angelegt. Die Wodosabornaja-Straße sollte die neue Südgrenze von Alma-Ata werden. Jenseits der Straße gab es noch keine Bebauung, weite Apfelgärten lagen hier. Der Aport, das Symbol der Stadt, wuchs hier in rauen Mengen, und nichts versperrte den Blick auf das atemberaubende Panorama des Transili-Alatau-Gebirges. Im April 1975 erhielt die Straße zu Ehren des großen Wissenschaftlers, Philosophen und Denkers einen neuen Namen, den sie bis heute trägt: Prospekt al-Farabi.

Zu Zeiten der Sowjetunion zählte der Prospekt al-Farabi zu den schönsten und grünsten Verkehrswegen der Stadt. Auf beiden Seiten der Straße wurden Laubbäume gepflanzt, im Mittelstreifen befanden sich Kiefern und Weißdornsträucher. Neue, breite Kanäle wurden angelegt, die frisches Wasser über die Flüsse Große Almatinka und Esentai aus den Bergen in die Stadt brachten und so halfen, das Klima im Zentrum in den heißen Sommern angenehmer zu machen.

Die Apfelgärten verschwanden für immer

Und dann kam es erneut zu einer Zeitenwende, als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach. In den 1990er Jahren, in denen das jetzt unabhängige Kasachstan von einer schweren Wirtschaftskrise getroffen wurde, zählte nur noch das schnelle Geld. Der Turbokapitalismus hielt Einzug. Naturschutz oder intelligente und lebenswerte Gestaltung des öffentlichen Raumes hatten keinen Platz mehr. Jeder, der es sich leisten konnte, kaufte ein Auto. Der Prospekt al-Farabi wurde bis in die 2000er Jahre zu einer mehrspurigen Autobahn ausgebaut. Die unzähligen Bäume, die einst die grüne Straße säumten, fielen beinahe alle dem Ausbau zum Opfer. Das, was an Bepflanzung übrig blieb, starb in kurzer Zeit ab. Die Autoabgase stiegen ins Unermessliche, die ehemaligen Grünstreifen der Magistrale wurden zur lebensfeindlichen Zone.

Immobilienhaie und krumme Geschäftemacher nahmen sich nun endlich das vor, worauf sie lange gewartet hatten, und was jenseits des Prospekts al-Farabi lag: die Prachtstücke an Grund und Boden; unverbaute Bergsicht und frische Luft oberhalb der Stadt. Privatanwesen und Wohnblocks schossen in die Höhe. Wer sich hier ein Grundstück oder eine Immobilie leisten konnte, war im Kasachstan der 1990er und 2000er Jahre ein gemachter Mann. Die Folge war: Immer weiter oben, in Richtung der Berge, wurde gebaut. Die Apfelgärten verschwanden für immer. Die Luftqualität in der Stadt nördlich des Prospekts al-Farabi wurde schlechter und schlechter. Die rücksichtslose Bauwirtschaft verstopfte die natürlichen und einst intelligent geplanten Luftkanäle durch die Stadt. Die frische Bergluft, die einst von oben durch die Stadt zog, Smog wegblies und ein angenehmes Klima schuf, wurde von der Stadt abgeschnitten. Almaty ist bis heute leider eine der Städte mit der schlechtesten Luftqualität der Welt.

Am Nurly-Tau scheiden sich die Geister

Daneben gibt es zahlreiche architektonische Beispiele mit heute zweifelhaftem Ruf direkt entlang des Prospekts al-Farabi. 2005 begann der Bau eines gewaltigen Wohn – und Geschäftskomplexes namens Nurly-Tau. Als Stadt in der Stadt geplant, sollten hier komfortables Wohnen, kurze Wege zum Arbeitsplatz und eine ansprechende Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten auf kleinem Raum zusammenkommen. Die verschiedenen Gebäudeteile des Komplexes, die komplett mit einem blau-grau schimmernden Glas verkleidet sind und nach oben hin spitz zulaufen, sollen die Gipfel der umliegenden Berge widerspiegeln. Die Türme, die bis zu 28 Etagen und 109 Meter in den Himmel ragen, heizen in erster Linie allerdings enorm die Umgebungsluft auf, was dem Klima in diesem ohnehin bereits schattenarmen Teil der Stadt nicht gerade zuträglich ist. Die große Konzentration von Arbeitnehmern und Bewohnern führt regelmäßig zu Verkehrschaos. Die Meinungen über den größtenteils zwischen 2008 und 2014 fertiggestellten Komplex Nurly-Tau fallen in der Bevölkerung ziemlich unterschiedlich aus.

Direkt gegenüber dem Nurly-Tau befindet sich ebenfalls ein weitgehend aus Glas und Stahl bestehender, futuristischer Gebäudekomplex. Dort haben heute hauptsächlich große Banken ihre Zentralen. Dieses Zentrum des Almatiner Finanzwesens ist insofern architektonisch bemerkenswert, als dass die einzelnen Gebäudeteile große, luftdurchlässige Schattenhöfe besitzen, die zumindest die historische Idee des „Durchzugs“ der Bergluft durch die Stadt wieder aufgreifen. Viel schlimmer wiegt die Tatsache, dass man entschieden hat, beide Fassadenfronten in große LED-Werbetafeln zu verwandeln, die allabendlich auf der Fläche mehrerer Fußballfelder neueste Kreditangebote und andere Werbenachrichten in die dunkle Nacht senden. Die Nacht ist seitdem im gesamten Stadtviertel nicht mehr so dunkel, sondern erscheint einstweilen, je nach Werbepartner, auch mal in grellem, grünem Kunstlicht.

Was hätte al-Farabi wohl über seine Straße gedacht?

Natürlich grün ist es allerdings in den zwei an der al-Farabi gelegenen Stadtparks, dem Park des Ersten Präsidenten und dem Botanischen Garten. In diesem Kleinod könnte man sich verlaufen und vergessen, dass man sich inmitten einer solch gewaltigen Metropole mit solch enormem Verkehrsaufkommen befindet. Allabendlich, zum Feierabendverkehr, versinkt der Prospekt al-Farabi jedoch wieder im Stau. Die Blechlawinen schieben sich, Stoßstange an Stoßstange, im Schritttempo entlang der mehr als 5 Kilometer langen Verkehrsachse. Spät nachts, wenn kaum mehr ein Auto unterwegs ist, tragen die Halbstarken und Neureichen von Almaty hier illegale und lebensgefährliche Auto – und Motorradrennen aus.

Man kann geteilter Meinung über den Prospekt al-Farabi sein, der durch verschiedene Neubauabschnitte irgendwann einmal in einer Ringautobahn um die komplette Stadt herum aufgehen soll. Ehemals eine grüne Idylle, heutzutage als Verkehrstrasse für die Stadt lebenswichtig, stadtplanerisch und in Bezug auf Lebensqualität aber eine wahre Katastrophe. Ein Dilemma, auf das vielleicht nicht mal der große Universalgelehrte al-Farabi eine Antwort gefunden hätte.

Philipp Dippl

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