Oktober 1762. Katharina II. erließ einen Ukas an den Senat: „Da in Russland viele öde, unbevölkerte Landstriche sind, und viele Ausländer uns um Erlaubnis bitten, sich in diesen öden Gegenden anzusiedeln, so geben Wir durch dieses Manifest Unserem Senat ein für allemal die Erlaubnis, den Gesetzen gemäß und nach Vereinbarung mit dem Kollegium der Auswärtigen Angelegenheiten – denn dies ist eine politische Angelegenheit – in Zukunft alle aufzunehmen, welche sich in Russland niederlassen wollen, ausgenommen Juden. Wir hoffen dadurch, den Ruhm Gottes und seiner rechtgläubigen, griechischen Kirche, sowie die Wohlfahrt des Reiches zu mehren.”

Hierauf folgte am 22. Juli 1762 ein Manifest der Zarin mit dem Aufruf an Ausländer zur Einwanderung nach Russland, wo weitreichende Privilegien für die Aussiedler in Aussicht gestellt wurden.

Seitdem wanderten Tausende von Deutschen in Russland ein, mit der Hoffnung auf ein neues und gutes Leben. Sie siedelten sich unter anderen auch in den Wolgagebieten an, die den Aussiedlern extra zugewiesen wurden.

Alte und Junge, große und kleine Familien, Alleinstehende – nur mit dem Nötigsten versehen – verließen sie ihr Heimatland auf der Suche nach Neuem. Alle wollten Stabilität, gute Lebensbedingungen und eine sichere Zukunft für ihre Kinder.

Der Einwanderungsstrom schwoll an. Der Zulauf der Kolonisten war so groß, dass man schon 1766 zeitweilig die Annahme neuer Aussiedler verweigern musste – bis sich die Angesiedelten eingerichtet hatten.

Die deutschen Siedlungen unterschieden sich von den anderen durch Ordnung, Sauberkeit, höhere Leistungen und Fleiß der Siedler. Mit der Zeit dienten die deutschen Kolonisten auch in der Zarenarmee.

Die Deutschen Russlands, allen voran Baltendeutsche, wirkten häufig als Ärzte, Lehrer, ja, auch als Baumeister und Wissenschaftler, waren Gouverneure, Politiker, Schriftsteller, Musiker usw. Fast in jedem Wirtschaftsbereich des Reiches gab es Vertreter der deutschen Nationalität, die sich durch ihre hohe Bildung und berufliche Kompetenz auszeichneten. Im Laufe der Zeit gelangten die Russlanddeutschen nach Zentralasien, auch nach Kasachstan. Hier zeigten sie sich ebenfalls von ihrer guten Seite.

Das ist eine Seite der Geschichte. Was passierte aber auf der anderen Seite?

Vor 71 Jahren geschah eines der traurigsten Ereignisse in der Geschichte der Russlanddeutschen: Die Deportation aus dem Wolgagebiet in das kalte Sibirien. Die Begründung lautete wie folgt: „Laut glaubwürdigen Nachrichten, befinden sich unter der in der Wolgaregion lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Abertausende von Diversanten und Spionen, die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Gebieten Sprenganschläge verüben sollen“. So stand es im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der SSR vom 28. August 1941 zu lesen.
Darauf wurde die ganze deutsche Bevölkerung aus den Wolgagebieten nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

Es war eine Zeit des Massensterbens, Hungers, der Erniedrigung und Ungerechtigkeit. Die Tage waren so lang wie Monate, die Monate wurden Jahre. Von einer gesunden und selbstbewussten Nation verwandelten sich die Deutschen in ein armes, krankes, leidendes Volk.

Deportation, Zwangsarbeitslager und Sonderkommandantur verfolgten das deutsche Volk seit vielen Jahren. Diese geschichtlichen Ereignisse werden das Schicksal auch der Deutschen Kasachstans noch für lange Zeit nachhaltig prägen.

Hätte man solches vermeiden können, wenn Zarin Katharina II. das Manifest nicht unterschrieben hätte? Was wäre, wenn die Deutschen nicht nach Russland eingewandert wären? Wenn keine deutschen Siedlungen im Wolgagebiet und anderswo entstanden wären?

In diesem Fall hätte Russland gut ausgebildete Ärzte, Gouverneure, Schriftsteller und Wissenschaftler verloren. Es gäbe dann keine schönen Paläste, die von russlanddeutschen Architekten entworfen und gebaut worden wären. Es gäbe weiße Flecken auf den Landkarten, da es in Russ-

land keine deutschen Forscher gegeben hätte, die wichtige Entdeckungen gemacht hatten.
Und dann würde es auch in Kasachstan keine Deutschen geben.

Manifest von Katharina II. der Großen: Anlass zur Freude oder Trauer? – Wir sollten dem Schicksal dafür danken, was es uns gebracht hat. Auch in den beschriebenen geschichtlichen Zeitläufen kann man sehr viele positive Momente finden.

Im zweiten Halbjahr 2012 veranstaltet die Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ ein Kulturfestival anlässlich des Manifestes Katharinas II. von 1762.

Es ist wichtig, den Bürgern Kasachstans vor Augen zu führen, welche Rolle die Deutschen in der Geschichte und Gegenwart Kasachstans gespielt haben und immer noch spielen sowie den bedeutenden Platz, den sie in der Zivilgesellschaft Kasachstans von heute einnehmen.

Jekaterina Salazgorskaja ist Amtierende Vorsitzende des Verbandes der deutschen Jugend Kasachstans.

Von Jekaterina Salazgorskaja