Was unser Autor Anton Turovinin bei einem kräftezehrenden Wettkampf in den Bergen erlebte.

Vom Lauf auf den Pik Amangeldy zur Erinnerung an den legendären Bergsteiger Anatoli Bukrejew hat mir ein Mann erzählt, den ich auf einer Höhe von 3.200 m im Einflussgebiet der Malaja Almatinka getroffen habe. Die Höhe gebe ich hier nicht zufällig an, da sie einer der bestimmenden Faktoren des soziokommunikativen Prozesses in dieser Gegend ist. Oberhalb von 2.400 m ist es ganz normal, unbekannte Leute zu grüßen. Weiter oben, über 3.100 m, wird ein kurzes Gespräch erwartet. Näher zu 4.000 m ist eine Bekanntschaft zu machen keine Pflicht, aber gern geübte Kür. Eine Ausnahme bilden Bergsteiger und Skyrunner, die immer unter Zeitdruck stehen und sich daher auf die kürzeste Begrüßungsform beschränken.

Quelle: amangeldyrace.kz 

Ich erfuhr also von dem Mann, dass man bei dieser Veranstaltung zwischen zwei Distanzen wählen könne: dem „Amangeldy Race“ und dem „Vertikalen Kilometer“, die beide vom Alplager Tuyuksu auf einer Höhe von 2.450 m beginnen. Das Amangeldy Race ist 5,5 km lang, man überwindet dabei einen Höhenunterschied von 1.500 m. Sein Ziel liegt unter dem 3.999 m hohen Gipfel des Pik Amangeldy auf der 3.950-Meter-Marke. Die zweite Distanz, der „Vertikale Kilometer“, ist 3,5 km lang bei einem Höhenunterschied von 1.000 m und endet auf einer Höhe von 3.450 m am „Alpingrad“.

Zurück zuhause erfuhr ich aus dem Internet, dass es bei dem Wettkampf um „Skyrunning“ geht – eine ziemlich neue Sportart, die zwischen dem Berglauf und dem Bergsteigen steht. Da die Registrierung für das damalige Amangeldy Race 2020 bereits abgeschlossen war, blieb mir allerdings seinerzeit nur eine Zuschauer- und Fotografenrolle.

Ein Jahr später lief es besser. Im Unterschied zu Europa, wo eine Registrierung schon nach wenigen Minuten zu Ende sein kann, blieb die Registrierung in Almaty für den Wettbewerb 2021 einige Tage offen. Dazu kamen wegen Corona kaum Skyrunner aus dem Ausland. Und trotzdem fand ich mich nach der Registrierung schon in der zweiten Hälfte der Liste wieder.
Um Menschenmassen in Zeiten der Pandemie zu vermeiden, war die ganze Veranstaltung in fünf Starts aufgeteilt. Am Samstag, 16. Januar, gab es drei Starts für den „Vertikalen Kilometer“. Am Sonntag darauf starteten das „Elite Sky Race Amangeldy“ und das „Age Group Sky Race Amangeldy“. Für letzteren Start hatte ich mich angemeldet und landete in der Altersgruppe „60+“.

Festliche Stimmung auf 2.450 Metern

Am 17. Januar um 10 Uhr erreiche ich das Alplager Tuyuksu, um von dort um
11:15 Uhr zusammen mit weiteren 81 Skyrunnern zum Amangeldy zu starten. Die Stimmung ist festlich. Die Stunde vor dem Start vergeht schnell, ich muss meine Startnummer befestigen, Gamaschen anziehen, mich aufwärmen, etwas Knäckebrot und Tee zu mir nehmen, meine Jacken um mich binden, Ernährungs-Gels so verstauen, dass sie weder stören noch einfrieren. Meine Silikonflasche will ich unterwegs auffüllen.

Quelle: YouTube/Спорт-Марафон

Zehn Minuten vor unserem Start mische ich mich unter die anderen 81 Läufer hinter der Startlinie. Vom Alplager geht der Weg erst steil bergab zur Brücke über den Fluss. Ich will einen schnellen Start hinlegen, um an diesem Abstieg die Schwerkraft voll auszunutzen. Vom Video des letzten Jahres weiß ich, dass nur wenige Läufer es wagen, auf diesem steilen glatten Abstieg schnell zu sein, deshalb muss ich mich vor den vorsichtigen Teilnehmern platzieren. Es gelingt mir, mich in der dritten Reihe aufzustellen. Hier gibt es keine Sonne, es ist kalt und windig.

Endlich fängt der Countdown an, und dann – Start! Ich laufe, als ob vor mir nur 100 m lägen. Beim Abstieg entdecke ich aber zu meinem Entsetzen, dass meine Seite des Weges ganz schön vereist ist. Ich muss ein bisschen abbremsen. Nach der Brücke und einem kurzen Aufstieg kann ich noch 200 m laufen, dann beginnt der eigentliche Aufstieg. Alle kommen ins Gehen und helfen sich mit ihren Stöcken. Der Weg ist mit schmutzigem Schneematsch bedeckt. Das passiert hier selten. Heute am Wochenende gehen viele Leute diesen Weg entlang. Einige von ihnen treten zur Seite, um die Skyrunner vorbei zu lassen, andere sind nicht so rücksichtsvoll.

An der einzigen Versorgungsstelle, die sich hinter dem Damm Manschylki auf
3.100 m befindet, erwartet mich eine Überraschung: Man bekommt hier standardmäßig einen Schluck Cola mit warmem Wasser – die Menge, die man ohne Stoppen trinken kann. Diese 40 ml sind einfach nichts im Vergleich zu meinem üblichen Verbrauch von 1 Liter Flüssigkeit für diese Strecke. Ich will jetzt nicht experimentieren, deshalb lasse ich mir einen vollen Becher geben und fülle außerdem meine Silikonflasche auf. Das alles kostet Zeit. Viele Mitläufer haben mich inzwischen überholt. Jetzt muss ich an ihnen vorbei, was auf dem ziemlich steilen Aufstieg zum Alpingrad nicht so einfach ist. Ich muss jedem Vorhergehenden lange folgen, bis ich eine Möglichkeit zum sicheren Überholen bekomme.

Ich komme zum Alpingrad auf 3.450 m Höhe. Von dort eröffnet sich ein fantastischer Blick auf den Gletscher Tuyuksu und die umliegenden Berge. Diesmal sehe ich diese Schönheit nicht. Ich bin damit beschäftigt, mein erstes Gel überhaupt aufzubekommen. Dann geht es sofort weiter. Ich fange an, die Schutt– und Blockhalde zu besteigen. Hier muss man vorsichtig sein, damit die Steine nicht auf Mitläufer hinunterrollen. Ich hole zwei Männer ein. Der eine von ihnen fragt mich: „Wie alt sind Sie?“. „61“, antworte ich. „Noch so jung, ich bin 63“, erwidert er. Ich überhole und höre hinter mir, wie er plötzlich begreift: „Ein Konkurrent!“ Später stellte sich heraus, dass sich so alle drei Läufer der Altersgruppe „60+“ getroffen hatten: Jerbol aus Schymkent, Sergej aus Talgar, und ich, Anton, aus Almaty.

Angst vor Steinschlag

Das zweite Gel und Cola aus meiner Silikonflasche gibt es auf 3.650 m Höhe an einer Stelle namens „Parus“ (Segel). Meine Gedanken gehen inzwischen wieder und wieder zum Couloir. Er ist die Kirsche auf der Torte unserer Strecke – so steil, dass viele Skyrunner ihre Stöcke am unteren Ende zurücklassen, um ihre Hände für das Klettern frei zu haben. So steil auch, dass die Organisatoren den Auf– und Abstieg mit Festseilen sichern. Das Hauptproblem aber ist die Steinschlaggefahr. Dieser Winter ist schneearm, und es gibt viele Steine hier, die nur darauf warten, bei der leichtesten Berührung nach unten zu rollen.

Die Hoffnung liegt auf dem Schneefall drei Tage vorher. Würde dieser Schnee reichen, um die lockeren Steine zu binden? Oder wird er nur die Steine vor der Sicht verhüllen und die Situation sogar verschlechtern? Vormittags bei Frost unter -20°C friert alles im dunklen Couloir zusammen. Nachmittags kommt die Sonne und kann den Schnee mürbe machen.
Nur 150 m höher, auf 3.800 m, enden meine Vermutungen. Das Ziel wurde von 3.950 m hierhin auf 3800 m verlegt. Die Entscheidung wurde im Laufe des Rennens spontan getroffen, so dass das „Elite Sky Race“ und drei Skyrunner des „Age Group Sky Race“ noch auf 3.950 m im Couloir ins Ziel gekommen sind und für die übrigen der Lauf hier auf 3.800 m endet. Der Start des Laufs in diesem Jahr war später als üblich, und die Nachmittagssonne machte den Couloir zu gefährlich – fast genau zwischen dem Eintreffen der Läufer zweier Sky Races.

Nachdem meine Startnummer am Ziel mit einem Gerät abgelesen ist, klettere ich zu Jerbol, der zwei Minuten früher ankam, und wir steigen zusammen zum Alplager Tuyuksu hinab. Das Hauptinteresse von Jerbol ist das Bergwandern. Auch das Bergsteigen ist ihm nicht fremd, und er nimmt außerdem an allen möglichen Massenläufen teil. Er erklärt mir aus Sicht der Evolutionstheorie, warum Skyrunner kein Essen oder Trinken auf der Strecke brauchen. Mir bleibt nur zu beneiden, wie harmonisch bei ihm Theorie und Praxis zusammenkommen. Ich stamme vielleicht von einem falschen Affen ab. Wir sind froh, uns begegnet zu sein, genießen unsere Unterhaltung, die warme Sonne und die Schönheit der Berge. Bei der Versorgungsstelle auf Manschylki bekommen wir Medaillen für das Erreichen des Ziels und trinken Tee. Im Alplager erwartet uns leckerer Plow. Ich freue mich auch auf meine trockenen Schuhe und Socken, da meine Laufschuhe im heutigen Schnee durchnässt sind.

Die Siegerehrung findet wegen Corona am nächsten Tag vor dem Büro des Veranstalters „Extremalnaja Athletika“ statt. Ich bekomme eine Urkunde für den zweiten Platz in der Altersgruppe „60+“. Unter anderem lerne ich dort auch den 82-jährigen Wladimir Kowaltschuk kennen, der am Samstag den zweiten Platz in der Altersgruppe „60+“ beim Lauf „Vertikaler Kilometer“ erkämpft hat. Sehen Sie, liebe Leser! 82 Jahre bedeutet noch nicht das Ende des Lebens. Und 60 Jahre sind keineswegs zu spät für einen Anfang. In diesem Alter kam ich in die Berge. Beim Lauf „Elite Sky Race Amangeldy“ siegte traditionell mit großem Abstand der auch international erfolgreiche Almatiner Skyrunner Schyngys Baikaschew.

Das Sportfest war gelungen. Und das trotz der vielen unvermeidlichen Anpassungen, die die Pandemiesituation diktierte. Vielen Dank an alle Veranstalter und freiwillige Helfer!

Informationen über das Amangeldy Race und die Ergebnisse und Fotos des letzten Laufs finden auf amangeldyrace.kz

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