Das kasachische Statistikamt meldet einen Rückgang der Armut in der Bevölkerung. Für Kolumnist Bodo Lochmann ein Anlass, die Kriterien unter die Lupe zu nehmen, nach denen Armut bemessen wird.

Mit Statistik kann man eigentlich alles im Leben so darstellen, wie man es braucht. Man kann damit dramatisieren, man kann beschönigen. Letzteres ist nicht nur in Kasachstan eher häufiger anzutreffen.

Neulich hat die hiesige Statistikagentur in Astana mitgeteilt, dass im Oktober 2012 der Anteil von „Armen“ in Kasachstan nur noch vier Prozent der Bevölkerung betrug. Das sind 675.144 Personen. Zu dieser Kategorie gehören Leute, deren Einkommen nicht die offizielle Armutsgrenze von 6.975,6 Tenge überschreitet. Diese Zahl wird als großer Fortschritt gefeiert, lag sie doch vor noch wenigen Jahren deutlich über 20 Prozent und in einigen Nachbarländern überschreitet sie aktuell noch die 50-Prozent-Marke.

Im Dezember 2012 bekamen in Kasachstan 96.600 arme Personen individualbezogene Sozialhilfe, was 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Die durchschnittliche Höhe der ausgezahlten Sozialhilfe beträgt 1.625,10 Tenge pro Person. Der überwiegende Teil der Sozialhilfe (59,6 Prozent) wird dabei Bewohnern ländlicher Gebiete gewährt. Die Anzahl der Armen ist in ländlichen Gebieten etwa dreimal so hoch wie in den Städten. Nach Angaben des Statistikamtes lebten im Juli 2012 insgesamt 487.300 Bewohner ländlicher Gebiete (6,4%) unter der offiziellen Armutsgrenze. Dabei gehören die Gebiete Dshambyl (7,6 Prozent); Südkasachstan (6,9 Prozent) und Nordkasachstan (5,9 Prozent) im zweiten Quartal 2012 zu den negativen Spitzenreitern bei dieser Kenngröße. Besser sieht die Situation mit 0,5 Prozent in Almaty, mit 1,1 Prozent in Astana und mit 2,6 Prozent im Gebiet Karaganda und im Gebiet Aktjubinsk aus.

Die Kategorie „arm“ ist nun jedoch ein dehnbarer Begriff. In Kasachstan wird die Armutsgrenze seit Oktober 2012 mit 40 Prozent des Existenzminimums definiert. Letzteres betrug im September 18.048 Tenge. Entsprechend liegt die Armutsgrenze bei 6.975,6 Tenge.
In den EU-Ländern existiert eine andere Definition. Z. B. beträgt in Deutschland die Armutsgrenze 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Die westlichen Standards von „Armut“ entsprechen im Unterschied zu den hiesigen eher den heutigen realen Gegebenheiten. Hierzulande werden veraltete Methoden der Bestimmung des Existenzminimums und der Armutsgrenze genutzt. Im Ergebnis entsprechen die von der Statistikagentur veröffentlichten Zahlen nicht dem realen sozialen Bild. Zu Sowjetzeiten, als die Wohnungen kostenlos bereitgestellt wurden, die medizinische Versorgung und die Bildung kostenlos waren, betrug die Relation der Ausgaben 70 Prozent für Nahrungsgüter und 30 Prozent für alles andere. Heute gehen die Standards von 60 % der Ausgaben für Nahrungsmittel aus; Wohnungen sind ebenso nicht kostenfrei wie die medizinische Versorgung und die Bildung.

Wenn man von einem der Realität entsprechenden Warenkorb ausgehen würde, müsste das Existenzminimum in Kasachstan zwei- bis zweieinhalb Mal so hoch sein wie heute offiziell üblich, meint die Mehrzahl der nichtstaatlichen Experten. Das Existenzminimum beträgt in Wirklichkeit etwa 40.000 Tenge, demnach müsste die Armutsgrenze auch deutlich höher liegen als jetzt. Das aktuelle Existenzminimum ist eigentlich schon offene Armut. Nach Berechnungen auf dieser Grundlage leben 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung Kasachstans unter der wirklichen Armutsgrenze oder dicht daran. Zu dieser Kategorie von Personen zählen praktisch alle Angestellten im öffentlichen Dienst und in der Landwirtschaft Angestellte.
Zur objektiven Darstellung der wirklichen Lage wäre es notwendig, auch in Kasachstan offizielle Standards einzuführen, die die wirkliche Situation erfassen. Bezugspunkt sollte dabei das Lebensniveau einer kasachstanischen Mittelklasse sein, zumal der Aufbau einer solchen zu den offiziellen strategischen Aufgaben des Landes gehört.

Bodo Lochmann