Der Juli ist da, es ist Sommer, Urlaubszeit! Nach der langen und nervenzehrenden Reiseabstinenz durch die Coronapandemie möchten die Menschen endlich wieder verreisen. Und Kasachstan selbst hat enorm viel Spannendes und Interessantes zu bieten, so dass man nicht weit in die Ferne schweifen muss. Doch Anfang Juli machte eine dramatische Meldung die Runde durch die kasachischen Medien. In der Nacht vom 4. zum 5. Juli war am Alakolsee ein Feuer ausgebrochen. Das Feuer konnte am 5. Juli um 05:40 vollständig gelöscht werden. Das Resultat: 4 Ferienanlagen am Seeufer des Alakol und eine Fläche von 3.000 Quadratmetern sind völlig zerstört, 186 Menschen wurden evakuiert, 7 Personen mussten vorläufig in Krankenhäuser gebracht werden.

Die Urlaubssaison am Alakolsee beginnt erst. Viele Menschen wollen sich aus den Großstädten Almaty oder Nur-Sultan in diesem Sommer noch auf den Weg dorthin machen. Verständlich, ist der See doch ein herrlicher Ort, um für ein paar Sommertage die Seele baumeln zu lassen. Auch ich selbst war vor ein paar Jahren mal für ein langes Wochenende da.

Der Alakolsee liegt direkt auf der Grenze der Gebiete Almaty und Ostkasachstan, nur circa 60 Kilometer westlich der Grenze zu China. Noch vor einiger Zeit war der Ort lediglich als Naturschutzgebiet und als besonders geschütztes Brutgebiet für zahlreiche Vogelarten bekannt. Möwen, Flamingos und noch 40 weitere Vogelarten brüten hier. Aber die Straßen zum See waren schlecht, oftmals nur in Schritttempo befahrbar. Die Fahrt von Almaty konnte mehrere Tage dauern. Auch eine Sondererlaubnis zum Aufenthalt im Grenzgebiet war zwingend notwendig. Zum Baden und zur Erholung kam wahrlich niemand an diesen gottverlassenen Ort im äußersten Osten Kasachstans.

Das ist allerdings seit einigen Jahren anders. Der Tourismus hat den See erreicht. Straßen wurden gebaut, sogar eine Eisenbahnlinie existiert heute. Von Almaty kann man überaus bequem mit dem Nachtzug an das westliche Ufer anreisen, von Nur-Sultan und Ust-Kamenogorsk erreicht man mit dem Bus das Ostufer des Alakol. Manche ehemals verschlafenen Dörfer haben sich sowohl am Ost- als auch am Westufer in wahre kleine Tourismuszentren gewandelt. Erholungs- und Ferienanlagen schossen wie Pilze aus dem Boden.

Im Latvijas Expresis zum Alakolsee

Ein knallig orangener Zug steht am Bahnhof Almaty-2 bereit. Der Zug mit der Nummer 453/454 trägt den Doppelnamen Dinmuchamed Kunajew – Zhibek Zholy (Seidenstraße). Die alten Eisenbahnwaggons aus sowjetischer Produktion sind von außen mit Abbildungen von Kamelen und Karawanen verziert. Einen Platz in einem Schlafabteil oder im offenen Schlafwagen habe ich nicht mehr bekommen, diese Nacht werde ich sitzend verbringen müssen. Die Züge nach Alakol sind schon seit Wochen ausgebucht. Pünktlich um 18:15 setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Ich schaue aus dem Fenster und beobachte, wie Almaty an mir vorbeizieht, nach einiger Zeit geht die Sonne hinter den Bergen des Transili-Alatau unter.

In allen Waggons verteilt hängen Hinweisschilder in Russisch und einer mir zuerst unbekannten Sprache. Es ist Lettisch. Dieser Zug ist der ehemalige sogenannte Latvijas Expresis, ein Expresszug, der einst täglich zwischen Riga Hauptbahnhof und dem Rigaer Bahnhof in Moskau pendelte. Die Fahrt in dem auch damals schon grell orange angestrichenen Lettland-Express dauerte einst 16 Stunden, eine der Paradestrecken im Westteil der ehemaligen Sowjetunion. Irgendwie haben es die alten, vermutlich ausgemusterten Waggons dieses Sonderzuges nach Zentralasien geschafft. Ich rechne nicht damit, auf den alten Sesseln im Sitzwagen in dieser Nacht besonders viel Schlaf zu bekommen, also steuere ich den Restaurantwagen an. Eine Flasche Bier darf es für den Abend noch sein, die endlose Steppenlandschaft verfärbt sich langsam von tiefem Rot in dunkles Blau-Grau, und dann in tiefstes Nachtschwarz, ich freue mich über die Zugfahrt.
Mein Rücken schmerzt, aber ich habe die Nacht überstanden, konnte sogar für ein paar Stunden die Augen schließen. Am nächsten Morgen rollt der Zug langsam in die kleine Bahnstation Akschi ein. Es ist die erste von mehreren Haltestellen am Westufer des Sees. Minibusse stehen bereit, die die zahlreichen Touristen in ihre Unterkünfte bringen. Es scheint mir, als hätten sich viele während der Zugfahrt umgezogen und bereits ihr Sommeroutfit angelegt. Grellbunte, fürchterlich geschmacklose T-Shirts, Sandalen, Sommerhüte, Sonnenbrillen, Strandtaschen mit Glitzersternen dominieren jetzt das Bild. Die Fahrt in mein Ferienheim dauert rund 10 Minuten.

Gewässer mit heilender Wirkung

Mein Zimmer ist nicht besonders luxuriös, aber schlicht, sauber und zweckmäßig. Die Ferienanlage ist in mehrere zweistöckige Bungalows aufgeteilt, Palmen und exotische Pflanzen wachsen zwischen den Bungalowreihen, Kinder tollen herum. Alle Neuankömmlinge werden direkt zum Mittagessen eingeladen. Es herrscht Vollpension: Frühstück, Mittagessen, Abendessen; meinen Sitzplatz auf der kleinen, überdachten Terrasse bekomme ich zugewiesen. Diejenigen, die schon länger hier sind, kennen ihren Sitzplatz und ihre Tischnachbarn bereits genau. Es gibt Hühnerschenkel mit Reis, dazu eine Tasse Tee oder ein Glas Kompot. Vollverpflegung ist hier noch nach alter sowjetischer Tradition zu verstehen, eine Auswahl an Speisen, ein Buffet oder gar à la Carte sollte man hier wahrlich nicht erwarten.

Ich mache mich auf den Weg zum Strand, der hier aus tiefschwarzem Kies besteht. Dieser schwarze Kies ist vulkanischem Ursprungs und seinen magnetischen Eigenschaften wird eine heilende Wirkung nachgesagt. Von einem der herumschwirrenden Händler organisiere ich mir eine Strandliege und einen Sonnenschirm. Hinter dem tiefblauen Wasser erheben sich die Berggipfel des Dschungarischen Alatau, der Grenze zwischen Kasachstan und China. Ein beeindruckender, spektakulärer Anblick. Ein anderer Händler preist mir eine Dose lauwarmes chinesisches Bier an. Der auf einer Höhe von circa 350 Metern ü. Nn. liegende Alakol ist ein Salzwassersee, ein Liter des Wassers enthält ganze 8 Gramm Salz. Als der turk-mongolische Eroberer Timur in der Region herrschte, wurde der See „It-Ichimes“ genannt, was so viel bedeutet, wie: „Nicht einmal ein Hund trinkt davon“. Auch eine Route der legendären Seidenstraße verlief am Ufer des Sees entlang. Die Reisenden erfrischten sich nach einer anstrengenden Etappe gerne in dem kalten, salzigen Wasser, welches gar ihre offenen Wunden zu heilen schien und bei Rücken- und Gelenkproblemen half.

Es kostet mich einige Überwindung, mich ganz in das Wasser einzutauchen und eine Runde zu schwimmen, das Wasser ist wirklich furchtbar kalt! Ein weiterer Händler kommt durch den schwarzen Sand dahergelaufen und bietet mir seinen selbstgefangenen, geräucherten Fisch und frisch gekochte Krebse an. Ich greife zu, wirklich eine große Delikatesse und perfekt für einen Nachmittag am Alakol.

Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen

Das Abendessen ist inzwischen beendet. Die Gäste meines Ferienheims verschwinden für eine kleine Ruhepause auf ihren Zimmern oder laufen zurück zum Strand, um den Sonnenuntergang über dem See zu beobachten. Als die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden ist, wird auf der kleinen, überdachten Terrasse die Lichtorgel eingeschaltet. Laute Popmusik dröhnt jetzt aus den Lautsprechern und verteilt sich über die gesamte Ferienanlage. Das Abendprogramm, die allabendliche Diskothek startet. Frauen haben ihre Sonnenhüte und Sandalen abgelegt und sich hübsch zurechtgemacht, Männer kaufen in großen Mengen Bier an einer kleinen, improvisierten Bar.

Auf der Tanzfläche tanzen die Kinder, die eigentlich schon lange im Bett sein müssten, mit ihren jungen Müttern wild durcheinander. Nach einem anstrengenden und aufregenden Tag am Strand kommt jetzt am Abend noch mal richtig Leben auf. Aber nicht zu lange, um Punkt 22 Uhr stoppt die Musik und die Lichter gehen aus. Es ist genug für heute, Zeit für die Nachtruhe. Auch in diesem Punkt herrscht noch eine gewisse Ordnung, noch ganz wie in den Tagen der Sowjetunion.

Nun, vieles am Alakolsee wirkt schlicht, improvisiert und weit entfernt von westlichen Standards, beinahe in der Zeit stehengeblieben oder gar rückwärtsgewandt. Den Luxus von All-Inclusive-Strandhotels wird man hier vergeblich suchen. Aber es bewegt sich was, der Tourismus ist noch jung in den Ferienorten am See. Vielleicht ist es diese Mischung aus Einfachheit und Improvisation, die einen Aufenthalt hier so interessant macht. Der Blick über den tiefblauen See und den schwarzen Strand auf die nahegelegenen Bergketten entschädigt auf jeden Fall für alles. Und den Sprung ins eiskalte Wasser des Alakol sollte man ebenfalls nicht scheuen!

Philipp Dippl

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