Usbekistan steht noch in diesem Jahr vor dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Nach jahrzehntelangen Verhandlungen gilt der aufstrebende Staat in Zentralasien als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für eine baldige Aufnahme. Die Regierung in Taschkent strebt einen Abschluss im Laufe des Jahres 2026 an. Doch trotz erheblicher Fortschritte Usbekistans bleiben noch letzte Fragen offen.

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: In einer Phase wachsender Handelskonflikte, weltweit steigender Zölle und neuer protektionistischer Maßnahmen wirkt ein WTO-Beitritt fast gegenläufig zum globalen Trend. Während der Multilateralismus und der Freihandel unter Druck stehen, setzt Usbekistan bewusst auf stärkere Integration in das regelbasierte Welthandelssystem. In der Region ist das Land damit kein Vorreiter, sondern eher ein Nachzügler. Kasachstan (Beitritt 2015), Kirgisistan (1998) und Tadschikistan (2013) sind bereits Mitglieder der WTO. Mit seinem Beitritt würde Usbekistan die wirtschaftliche Anbindung ganz Zentralasiens an den Welthandel weiter vertiefen.

Baustein der wirtschaftlichen Transformation

Für Usbekistan ist der Schritt weit mehr als nur reine Handelspolitik. Er gilt als zentraler Baustein der wirtschaftlichen Transformation des Landes. Seit 2016 verfolgt die Regierung einen Reformkurs hin zu mehr Marktöffnung, geringerer staatlicher Kontrolle und höherer Attraktivität für Investoren. Die WTO-Mitgliedschaft soll diesen Kurs institutionell absichern. Erwartet werden vor allem steigende Auslandsinvestitionen, bessere Exportchancen und mehr Rechtssicherheit. Für internationale Unternehmen sind die WTO-Regeln ein wichtiges Signal für Verlässlichkeit und Transparenz.

Gleichzeitig bringt der Beitritt Risiken mit sich. Die Öffnung der Märkte erhöht den Wettbewerbsdruck auf heimische Unternehmen insbesondere in der Industrie und Landwirtschaft. Viele Analysten erwarten kurzfristig hohe Anpassungskosten und strukturelle Verwerfungen. Um diese abzufedern, verhandelt Usbekistan derzeit über Übergangsfristen von mehreren Jahren für besonders sensible Sektoren seiner Volkswirtschaft.

Inhaltlich sind die meisten Fragen inzwischen geklärt. Usbekistan hat den Großteil der bilateralen Marktzugangsabkommen mit WTO-Mitgliedern abgeschlossen und zahlreiche Gesetze reformiert, um auch in dieser Hinsicht den internationalen Standards zu entsprechen. Offene Punkte betreffen vor allem technische Details wie etwa den Umgang mit Staatsunternehmen, Subventionen oder Produktstandards. Dabei geht es weniger um Grundsatzfragen als um die konkrete Ausgestaltung und Kontrolle der Einhaltung übernommener Verpflichtungen.

Der wichtigste verbleibende Stolperstein ist ein formaler. Ein letztes bilaterales Abkommen steht noch aus. Solange dieses nicht vorliegt, kann der Beitrittsprozess nicht finalisiert werden. Hinzu kommt das Konsensprinzip der WTO: Alle Mitglieder müssen zustimmen, was zusätzliche Verzögerungen verursachen könnte.

Der Zeitplan bleibt daher unsicher. Zwar hält die usbekische Regierung an ihrem Ziel fest, den WTO-Beitritt im Jahr 2026 abzuschließen, doch der tatsächliche Zeitpunkt hängt von den letzten Verhandlungen und der Zustimmung aller WTO-Mitglieder ab. Ökonomisch ist Usbekistan weitgehend bereit, doch die letzten Schritte sind erfahrungsgemäß die schwierigsten.

Jonas Prien

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